Ehec-Suche in Hamburg Wie Fahnder dem Erreger auf die Spur kommen

Es war eine Puzzlearbeit fast wie bei einem Kriminalfall: Kontrolleure aus Hamburg haben rekonstruiert, wie sich der Ehec-Erreger ausgebreitet haben könnte. Sie durchsuchten die Kühlschränke von Erkrankten, prüften Kassenzettel und Geschäfte - und wurden schließlich fündig.

Gurken im Hamburger Großmarkt: Ehec-Erreger eindeutig lokalisiert
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Gurken im Hamburger Großmarkt: Ehec-Erreger eindeutig lokalisiert

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In der Hamburger Gesundheitsbehörde herrscht Hochbetrieb. Seit klar ist, dass der hochgefährliche Ehec-Erreger besonders in der Hansestadt und im norddeutschen Umland grassiert, schwärmen die Kontrollteams aus. Ihr Auftrag: die Quelle der Krankheitskeime zu lokalisieren.

In der Stadt an der Elbe kommt dies einer nahezu kriminalistischen Puzzlearbeit gleich. Daher haben sich die Kontrolleure eine Taktik zurechtgelegt. "Wir konzentrieren uns bei unseren Untersuchungen auf drei verschiedene Bereiche: Einzelhandel, Großhandel und Privathaushalte", sagte der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Rico Schmidt. Auf Feldern und Äckern würden dagegen vorerst keine Proben entnommen.

Besonders in den Wohnungen und Häusern der erkrankten Personen hoffen die Fahnder auf wertvolle Hinweise. "Die Teams verschaffen sich Zutritt und untersuchen systematisch den Kühlschrank des Erkrankten", so Schmidt. Dabei werden von allen potentiell verdächtigen Lebensmitteln Proben entnommen, die per Kurier im Labor landen. Bei der Untersuchung arbeiten die Hamburger eng mit dem Robert-Koch-Institut in Berlin zusammen.

Der nächste Schritt: Soweit möglich, wird zurückverfolgt, wo die Nahrungsmittel erworben wurden. Im Idealfall erinnert sich der Ehec-Kranke selbst, oder Kassenzettel liefern den entscheidenden Hinweis. Dann folgen der Besuch in den jeweiligen Geschäften - wo weitere Proben genommen werden. Im ganzen Stadtgebiet finden derzeit solche Tests statt. "Seit vergangenem Freitag befinden wir uns im Großeinsatz", berichtet Schmidt.

Aus dem Verkehr gezogen

Schwieriger gestaltet sich die Untersuchung im Hamburger Großmarkt, dem zentralen Knotenpunkt für Gemüse- und Obstwaren in Norddeutschland. 1,5 Millionen Tonnen Ware werden in den Hallen jährlich umgeschlagen. "Auch dort haben wir natürlich Teams hingeschickt. Aber die schiere Menge der gehandelten Waren macht vorerst nur Stichproben möglich", sagt Schmidt.

Genau diese könnten nun jedoch das entscheidende Indiz im Ehec-Fall geliefert haben. In Salatgurken aus Spanien konnten die Keime festgestellt werden. Bei vier Proben, darunter eine Biogurke, sei der Erreger eindeutig identifiziert worden, teilte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) mit. Vom Verzehr von Salatgurken wird derzeit abgeraten. Es sei aber auch nicht auszuschließen, dass andere Lebensmittel als Infektionsquelle in Frage kommen.

Betroffene Ware werde umgehend vom Markt genommen, sagte Prüfer-Storcks: "Wir ziehen alles aus dem Verkehr, was wir diesen Quellen zuordnen können." Drei der Gurken kommen von zwei spanischen Zulieferern, die dem Hygieneinstitut bekannt sind.

Die Zahl der erkrankten Personen überrascht offenbar sogar die Experten. "Seit vergangener Woche hat sich die Situation dramatisch verschärft. Eine solche Häufung von HUS-Fällen habe ich in meinen sechs Jahren hier in der Behörde noch nicht erlebt", sagt Sprecher Schmidt. Das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) ist eine besonders schwere Verlaufsform der durch Ehec ausgelösten blutigen Durchfälle. Dabei können die giftigen Stoffwechselprodukte des Bakteriums zu Nierenschäden führen. Im schlimmsten Fall endet eine solche HUS-Komplikation tödlich.

Proben im Hamburger Umland

Doch nicht nur in Hamburg, auch im Umland werden immer wieder Kontrollen durchgeführt. Hier verzichtet man jedoch noch weitgehend auf Stichproben, sondern geht nur konkreten Verdachtsfällen nach. An einen solchen erinnert sich Andreas Köhler, Pressesprecher der Verwaltung im Kreis Pinneberg: "Wir hatten in der vergangenen Woche einen Hinweis bekommen, dass möglicherweise eine bestimmte Käsesorte die Ursache für einen Ehec-Verdachtsfall, einer Person mit schwerem Durchfall, sein könnte", sagt Köhler.

Auch hier habe ein genau festgeschriebener Ablaufplan gegriffen. In einem solchen Fall werde umgehend das Einkaufsverhalten des Kranken erfragt: Wann und wo wurden welche Lebensmittel gekauft?

"Dann gehen unsere Kontrolleure gezielt in den Laden und geben sich offiziell zu erkennen. Vor Ort nehmen sie mehrere Proben des verdächtigen Lebensmittels." Diese werden dann an ein Labor geschickt, das sich auf die Untersuchung von Lebensmitteln spezialisiert hat. Dort werden Tests auf die bekannten Durchfallerreger durchgeführt, zuerst auf Ehec. Im konkreten Fall habe sich der Verdacht auf den gefährlichen Krankheitserreger aber nicht bestätigt.

Zahl der Erkrankungen steigt sprunghaft

Die Folgen einer Erkrankung können dramatisch sein. Mit Stand von Donnerstag, 11 Uhr, waren der Hamburger Gesundheitsbehörde rund 300 Fälle von Patienten gemeldet, die mit Ehec infiziert sind oder bei denen es sich um Verdachtsfälle handelt. Am Mittwoch waren es noch 200 Fälle. In den Hamburger Krankenhäusern würden 66 Personen stationär aufgrund von HUS oder HUS-Verdachts behandelt. Am Mittwoch waren es 59 Patienten.

Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar. Große Bäckereien im Norden verzichteten nach der Warnung bei belegten Brötchen auf Salat, Gurken und Tomaten. Supermarktketten wie Rewe oder Metro verbannen spanische Gurken aus den Regalen. Norddeutsche Gartenbauer verzeichneten am Donnerstag massive Umsatzeinbrüche, sagte der Geschäftsführer der Fachgruppe Gemüsebau Norddeutschland, Axel Boese.

Und die Ausbreitung setzt sich fort. Nach Angaben der EU-Kommission ist Ehec inzwischen auch in Großbritannien, den Niederlanden und Schweden aufgetreten. In diesen drei Ländern seien einige Personen infiziert, die sich zuvor in Deutschland aufgehalten hatten, sagte ein Sprecher der EU-Kommission. Die Fahndung nach den Keimen geht weiter.

insgesamt 20 Beiträge
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Oberleerer 26.05.2011
1. .
Die Folgen der Globalisierung. Zumal im TV immer mal wieder Berichte über die Lebensbedingungen der illegalen Schwarzafrikaner in den Spanischen Gewächshäusern kommen. Die sollen besser Mais für Biotreibstoffe herstellen und Obst/Gemüse den lokalen Bauern überlassen. Das ist aber wohl wg. allerlei Subventionen nicht wirtschaftlich.
suedsee2 26.05.2011
2. Schreddersalat
Hoffentlich sind die Gurken die einzige Quelle! Verdächtig sind mir immer noch die fertigen Salate in den Supermärkten. Es ist seit langem bekannt, dass diese Salate hochgradig verkeimt sind. Jetzt habe ich mich nach den Herstellerverfahren gefragt. Offensichtlich gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten: 1. Möglichkeit: Herstellung im Großmaßstab und Vertrieb des Salates in Tüten an Supermärkte. 2. Möglichkeit: Herstellung im Supermarkt selbst. Da kommt mir doch gleich folgender Verdacht auf: Ehe der Supermarkt seine nicht mehr ganz frischen Salatköpfe in den Abfall wirft, kann man diesen schreddern und schon ist ein gebrauchs- und verzehrsfertiger Salat daraus geworden. Der "beste" und vor allen Dingen billigste Händler/Hersteller ist derjenige, der keine Abfall aufkommen läßt. Diese Salate werden in kleinen Plastikschalen mit Deckel verkauft. Was lernt man als Verbraucher daraus: Keine industriell hergestellten Lebensmittel, sondern lieber selber machen! Bei mir kommt so'n Schrott (industrielle Lebensmittel) nie in die Tüte.
alzaimar 26.05.2011
3. Verkehrte Welt
Zitat von suedsee2Hoffentlich sind die Gurken die einzige Quelle! Verdächtig sind mir immer noch die fertigen Salate in den Supermärkten. Es ist seit langem bekannt, dass diese Salate hochgradig verkeimt sind. Jetzt habe ich mich nach den Herstellerverfahren gefragt. Offensichtlich gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten: 1. Möglichkeit: Herstellung im Großmaßstab und Vertrieb des Salates in Tüten an Supermärkte. 2. Möglichkeit: Herstellung im Supermarkt selbst. Da kommt mir doch gleich folgender Verdacht auf: Ehe der Supermarkt seine nicht mehr ganz frischen Salatköpfe in den Abfall wirft, kann man diesen schreddern und schon ist ein gebrauchs- und verzehrsfertiger Salat daraus geworden. Der "beste" und vor allen Dingen billigste Händler/Hersteller ist derjenige, der keine Abfall aufkommen läßt. Diese Salate werden in kleinen Plastikschalen mit Deckel verkauft. Was lernt man als Verbraucher daraus: Keine industriell hergestellten Lebensmittel, sondern lieber selber machen! Bei mir kommt so'n Schrott (industrielle Lebensmittel) nie in die Tüte.
Klar. Gurken, auch Bio, sind als Verursacher klar identifiziert. Aber Sie wettern gegen verpackte Salate. Selbst wenn der Mörder überführt ist, zeigen Sie mit dem Finger auf den Gärtner. Was für eine Logik.
hairforce 26.05.2011
4. Total verrückt
Die Franzosen sind die größten Düngemittelverwerter in Europa. In den Supermärkten liegt die Ware wie gemalt. Habe mich noch vor ein Paar Wochen darüber aufgeregt. So wie die Sache sich jetzt darstellt, scheint das, das kleinere Übel zu sein.
suedsee2 26.05.2011
5. Verpackte Ware ist doch nicht per se sauberer
Zitat von alzaimarKlar. Gurken, auch Bio, sind als Verursacher klar identifiziert. Aber Sie wettern gegen verpackte Salate. Selbst wenn der Mörder überführt ist, zeigen Sie mit dem Finger auf den Gärtner. Was für eine Logik.
Mit dem Namen "Alzheimer" darf man sicher einiges vergessen. Scherz beiseite. Auch verpackte Ware war mal offen. Verpackte Ware ist doch keine Garantie für Keimfreiheit, was man bei Salaten auch grundsätzlich nicht erwarteten kann. Die Tatsache, dass eine bekanntermaßem mit hoher Keimzahl versehene Ware wie Salat geschreddert wird erhöht die Keimzahl ungemein. Oder warum ist ein Braten beim Schlachter auch noch am nächsten Tag verkäuflich, das Hackfleisch aber nicht! Geben Sie einmal verpackten geschredderten Salat auf eine Nährmedium, Sie werden "begeistert" sein.
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