Ehrung für Physiker Hänsch 25 Prozent Nobelpreis, 100 Prozent Begeisterung

Der deutsche Forscher Theodor Hänsch erhält gemeinsam mit den Amerikanern Roy Glauber und John Hall den Physik-Nobelpreis. Die überraschende Auszeichnung ließ Politiker und Funktionäre Lobeshymnen über den Forschungsstandort Deutschland anstimmen.


Theodor Hänsch blieben nur wenige Minuten, um den Höhepunkt seines Lebens als Wissenschaftler zu verarbeiten. Kurz vor 12 Uhr mittags kam ein Anruf aus Stockholm: Er, Hänsch, habe den diesjährigen Nobelpreis gewonnen. Jetzt, ließ das Nobelkomitee bitten, solle er mal erzählen, wie man sich so fühlt.

Physiker Hänsch: "Platt, überrascht und froh"
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Physiker Hänsch: "Platt, überrascht und froh"

"Ich kann mich kaum fassen. Für eine hochtrabende Reaktion ist das alles zu viel", sagte Hänsch entschuldigend zu den Beschreibungsversuchen seines Glücks, nachdem er aufgelegt hatte. In seinem Büro war da schon die Hölle losgebrochen. Ständig klingelt das Telefon, begeisterte Studenten wollen ihrem Professor die Hand schütteln, und die verzweifelte Sekretärin muss Gratulanten aus aller Welt abwimmeln.

Nach Ansicht der Schwedischen Akademie der Wissenschaften haben Hänsch und die beiden weiteren Preisträger, die Amerikaner John Hall und Roy Glauber, einen großen Beitrag zum besseren Verständnis dafür geleistet, was Licht eigentlich ist. Glauber, der an der Harvard University lehrt, erhält eine Hälfte des Preises für seinen Beitrag zur Quantentheorie der optischen Kohärenz. Die andere Hälfte geht an Hänsch und Hall für ihre Arbeiten zur Entwicklung von laserbasierter Präzisionsspektroskopie. Hall ist an der University of Colorado in Boulder tätig.

Lob für Forschungsstandort Deutschland

"Der Nobelpreis ist die Spitze, mehr gibt es nicht", schwärmte Hänsch. Er sei "platt, überrascht und froh". Zwar sei ihm durchaus bewusst gewesen, dass er die Auszeichnung irgendwann bekommen könne. Er habe jedoch nicht damit gerechnet, dass es bereits in diesem Jahr geschehen werde.

Damit erhält erstmals seit vier Jahren wieder ein Deutscher die höchste Auszeichnung in der Welt der Physik. Zugleich hat Hänsch eine Serie durchbrochen: Die vier deutschstämmigen Naturwissenschaftler, die seit 1998 den Nobelpreis gewonnen haben, forschten bei der Bekanntgabe der Auszeichnung allesamt in den USA.

Glasfaserkabel, Laserstrahl: Frequenzmessung lässt auf Revolution hoffen
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Für Hänsch ist seine Auszeichnung deshalb ein Argument für den Forschungsstandort Deutschland: "Das zeigt, dass man auch hier in Deutschland gute Wissenschaft machen kann", betonte der Direktor des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching, der auch an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) als Professor lehrt.

Für deutsche Politiker und Wissenschaftsfunktionäre ist die überraschende Ehrung eine Steilvorlage. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber wertete den Nobelpreis an Hänsch prompt als Auszeichnung für Bayern im Allgemeinen und München im Besonderen. "Ich bin stolz darauf, dass der Nobelpreis in diesem Jahr an einen Forscher aus München geht", sagte er. Der Preis sei "eine große Ehre und Auszeichnung für den Forschungsstandort Bayern und Deutschland".

Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) wertete den Nobelpreis für Hänsch als "Beleg dafür, dass Spitzenwissenschaftler in Deutschland erfolgreich sind". Die CDU-Chefin und gelernte Physikerin Angela Merkel betonte, Hänsch gebühre besonderer Dank, weil er sich "nach wie vor in der Lehre" engagiere und damit "einen wichtigen Beitrag zum Wissenstransfer an die nachwachsende Forschergeneration" leiste. LMU-Rektor Bernd Huber sagte, er sei stolz auf den Nobelpreis für den Münchner Wissenschaftler. Die Auszeichnung zeige auch, dass die Universität international mithalten könne.

Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, erinnerte daran, dass Hänsch 1989 den höchstdotierten deutschen Förderpreis, den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, erhalten habe. In den vergangenen 20 Jahren habe die DFG Hänsch zudem des Öfteren unterstützt. Die Quantenoptik, mit der sich die Max-Planck-Gesellschaft seit Jahren beschäftigt, sei ein zukunftsweisendes Gebiet, betonte Winnacker.

Hoffnung auf Revolution im Datenverkehr

In der Tat könnte die Arbeit von Hänsch und seinen Kollegen eine Revolution in der globalen Kommunikation auslösen. Die Präzisionsspektroskopie erlaubt die Unterscheidung von Millionen unterschiedlicher Frequenzen im Laserlicht. Dies könnte künftig unter anderem erlauben, ungeheure Datenmengen durch Glasfaser-Leitungen zu bugsieren. Auch die Entwicklung hochpräziser Uhren und deutliche Verbesserungen in der Genauigkeit der Satelliten-Navigation gehören zu den möglichen Anwendungen.

Hänsch und seinem Team ist es gelungen, die Frequenzen des Laserlichts bis zur 16. Stelle hinter dem Komma genau zu messen - und das mit einer Apparatur, die in einen Schuhkarton passt. Jahre früher waren dafür noch ungeheuer aufwändige Geräte erforderlich.

"Die Idee am Anfang war recht einfach, aber es war sehr unwahrscheinlich, dass sie funktioniert", erinnert sich Hänsch. "Der Durchbruch kam 1997/98." Allerdings seien die jetzt mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Erkenntnisse zunächst vor allem für die Grundlagenforschung wichtig.

Zwar könnten extrem präzise Taktgeber eines Tages erlauben, noch mehr Daten durch bereits vorhandene Glasfaserkabel zu schleusen und der Satellitennavigation zu ungeahnter Genauigkeit zu verhelfen. Doch die Technik sei noch jung, betont Hänsch. "Und es ist ja auch schwer bei einem neugeborenen Kind vorherzusagen, wie dieses die Welt einmal beeinflussen wird."



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