Eigenwahrnehmung Gehirn betrachtet Werkzeuge als Körperteile

Wenige Minuten Hämmern und schon behandelt das Gehirn das Werkzeug wie einen Teil des Körpers. In neuen Experimenten konnten Forscher zeigen, dass sich die Bewegungen des Körpers veränderten, selbst wenn das Werkzeug nicht mehr benutzt wurde.


Cambridge - Für das Gehirn wird der Hammer beim Einschlagen eines Nagels vorübergehend zu einem Körperteil, wie Forscher jetzt gezeigt haben. Schon nach einigen wenigen Minuten ist das Werkzeug so fest in das interne Bild des Körpers integriert, dass sich die Bewegungen des Arms messbar verändern - ein Effekt, der noch bis zu 15 Minuten nach dem Ablegen des Werkzeugs nachgewiesen werden kann.

Werkzeugkasten: Flexibles Körperbild ermöglicht geschickten Werkzeuggebrauch
DDP

Werkzeugkasten: Flexibles Körperbild ermöglicht geschickten Werkzeuggebrauch

Genau diese Flexibilität des Körperbildes sei es vermutlich, die es dem Menschen erst ermöglicht habe, Werkzeuge so geschickt zu handhaben, schreiben Lucilla Cardinali vom Institut für Gesundheit und medizinische Forschung (Inserm) im französischen Bron und ihre Kollegen im Fachmagazin "Current Biology" (Bd. 19, S. 12).

Die These, dass ein Werkzeug vom Gehirn wie ein Körperteil behandelt wird, existiert schon seit fast einem Jahrhundert, einen direkten Nachweis dafür gab es nach Angaben der Wissenschaftler bislang allerdings nicht. Bekannt war allerdings, dass Menschen eine Attrappe für ihre eigene Hand halten können. Um die Werkzeug-These zu prüfen, entwarfen die Inserm-Forscher eine Reihe von Experimenten, in denen sie insgesamt 61 Freiwillige mit und ohne einen mechanischen Greifer verschiedene Aktionen ausführen ließen.

Die Idee dahinter: Sollte das Gehirn den Greifer tatsächlich in das Körperschema integrieren und somit als Körperteil betrachten, müssten sich auch die mechanischen Eigenschaften des benutzten Arms für das Gehirn verändern, was sich wiederum in der Ausführung von Bewegungen widerspiegeln sollte.

Diese Vermutung bestätigte sich: Hatten die Probanden zuvor mit dem Greifer ein kleines Metallkästchen hochgehoben und wieder abgelegt, bewegten sie anschließend auch ihren Arm langsamer und in einem anderen Winkel als zuvor. Dabei spielte es keine Rolle, ob sie ebenfalls nach etwas greifen oder aber auf einen bestimmten Punkt zeigen sollten. Der Effekt hielt mindestens eine Viertelstunde nach dem Ablegen des Greifers an, vermutlich sogar noch länger, was jedoch in der Studie nicht getestet worden sei, schreiben die Forscher.

Interessanterweise war es vor allem die Bewegung hin zum Objekt, die sich nach dem Werkzeuggebrauch veränderte - die eigentliche Greifbewegung war vollkommen identisch. Offenbar verlängert das Gehirn bei der Aufnahme des Greifers ins Körperbild geistig den Arm und steuert ihn auch entsprechend. Das zeigte sich auch daran, dass die Probanden zwischen Berührungen an Ellenbogen und Handgelenk nach dem Benutzen des Greifers eine größere Distanz spürten als vorher.

Die Integration des Werkzeugs verändere also die Darstellung einer ganz fundamentalen Eigenschaft - der Körperform - im Gehirn, schlussfolgern die Wissenschaftler. "Diese Fähigkeit unserer Körperrepräsentation, sich funktionell so anzupassen, dass sie Werkzeuge eingliedert, ist unserer Ansicht nach die fundamentale Basis von komplexem Werkzeuggebrauch", kommentieren sie.

lub/ddp



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