Gesellschaft Liebe Leserin, lieber Leser,


ganz ehrlich? Ich bin ab und an ganz gern allein. Familie, Beruf - immer ist irgendwas. Ich bin froh über ein paar Minuten am Tag für mich. Wenn niemand Zeit hat, mitzukommen gehe ich gern auch mal solo ins Theater oder Konzert. Mir macht das nichts aus, Allein sein geht gut. Aber einsam sein? Das ist was anderes. Einsamkeit ist wirklich hart.

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Heft 22/2019
Das wahre Gesicht der Rechtspopulisten

Wer umzieht, weiß manchmal nicht, bei wem er neu ankommen kann. Wer alt wird, der überlebt seinen Partner, seine Freunde. Wer krank wird, der kann nicht mehr gut aus dem Haus. Und wer arm ist, dem fehlt es oft am Geld zum Dabeisein. Gründe fürs Einsamsein gibt es viele.

In England gibt es seit diesem Jahr deshalb die Geselligkeit auf Rezept. Dort können Ärzte ihren Patienten soziales Miteinander verschreiben. Glaubt der Mediziner dem Kranken nicht mit mehr Tabletten, wohl aber mit mehr sozialem Miteinander helfen zu können, kann er ein "soziales Rezept" ausstellen. Dann heißt es: Gymnastikstunden im Gemeindezentrum oder Malkurs in der Grundschule - Hauptsache, mal wieder unter Leute kommen. Bis 2021 will man mehr als tausend sogenannte "link workers" anstellen, die als Lotsen zu Aktivitäten in den Kommunen fungieren.

Auf der Insel traut man sich, ein Problem anzugehen, unter dem vermutlich nicht nur Menschen dort leiden: Einsamkeit. Sie trifft Junge wie Alte. In einer Studie gaben fünf Prozent der Engländer an, sich oft oder immer einsam zu fühlen. Drei Viertel der Allgemeinärzte dort berichten, täglich zwischen einem und fünf Patienten zu sehen, denen es mit ihrem Alleinsein schlecht geht. Rund 200.000 ältere Menschen, schätzt man, haben über einen Monat lang nicht mit Freunden oder Familie gesprochen. Die Stille, die um diese Menschen herrscht, ist nicht nur traurig. Sie bringt die Betroffenen regelrecht um.

Joanna Nottebrock/ laif

Einsamkeit ist für die Gesundheit so schädlich wie Rauchen oder Übergewicht: Sie fördert Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Schlaganfälle. Es steigen auch Depressionen und Suizidalität. Wer einsam ist, hat ein 26 Prozent höheres Risiko, früher zu sterben.

Selbst für den Sport gilt: Wer ihn gemeinsam betreibt, lebt womöglich länger. Das fanden Wissenschaftler in Dänemark heraus, als sie sich ansahen, welche Leibesübungen Teilnehmer einer Herzstudie betrieben hatten: Über die Zeitspanne von etwa 25 Jahren zeigte sich, dass Sportarten mit regem sozialem Austausch wie Tennis oder Fußball den Menschen fast zehn zusätzliche Lebensjahre beschert. Wer sich allein im Fitnessstudio plagte, gewann im Schnitt nur anderthalb Jahre hinzu. Das Wir, so scheint es, gewinnt in allen Lebenslagen.

Herzlich

Kerstin Kullmann
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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Wer nicht warten will, bis es auch in Deutschland die Geselligkeit auf Rezept gibt: Bei der Aktion Mensch kann man testen, für welche Art Ehrenamt man geeignet ist - und wo in der Nachbarschaft man sich einbringen kann.
  • Ich selbst liebe Vorlesen und habe den festen Plan, eines Tages Leseoma zu werden. Wer jetzt schon loslegen kann: Beim Netzwerk Vorlesen gibt es Infos, wie, wo und wann man zum Buch greifen könnte. Freunde, die immer mal wieder Hofflohmärkte organisieren, behelfen sich dabei gern mit einer Nachbarschaftswebsite: Hier kann man sich mit Leuten im eigenen Kiez verbinden.
  • Der Flieder aus dem Nachbargarten, die Sonnencreme am Badesee oder ein Parfum, das man nach Jahren wiederfindet: ein schöner Text über die Frage, weshalb Gerüche so sehr mit unseren Erinnerungen verwoben sind.
  • Vom Geheimtipp zum Massenziel - im kanadischen Magazin "The Walrus" beschreibt Joel Barde ein Phänomen, von dem ich selbst einige Male profitiert habe: dass noch die geheimsten Naturoasen von eifrigen Selfie-Knipsern in sozialen Medien in großer Runde bekannt gemacht werden. Barde beschreibt, wie sehr das für so manchen kleinen Ort zur Katastrophe werden kann.
  • Reicht der Strom? Was passiert, wenn wir demnächst alle aufs Elektroauto umsteigen - ein virtueller Stresstest.
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Joe Giddens/ PA Wire/ DPA

Die Hoheit über den Himmel? Fast 50 Jahre nachdem Neil Armstrong und Buzz Aldrin ihn das erste Mal betraten, ist der Mond nun der Star in heiligen Hallen: Die Installation "Museum of the Moon" des Künstlers Luke Jerram ist gerade in einer britischen Kathedrale zu Gast - und lässt fast vergessen, wie wenig fantasievoll Päpste jahrhundertelang ihr Weltbild von Sonne, Mond und Sternen verteidigt haben.

Fußnote

24 Prozent der Westantarktis sind instabil und verlieren Eis; das fanden Wissenschaftler des britischen Centre for Polar Observation and Modelling heraus. Die Glaziologen werteten Satellitenmessungen von 1992 bis 2017 aus. Vor allem die beiden großen Gletscher, Thwaites und Pine Island, schmolzen nach ihren Beobachtungen in den vergangenen Jahren fünfmal so schnell wie noch zu Beginn der Datensammlung. An manchen Stellen sank die Eisoberfläche um bis zu 122 Meter.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: A positiv: 37 Prozent, 0 positiv: 35 Prozent / Pferde / Im Schnitt etwa 1,3 Kilogramm

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insgesamt 12 Beiträge
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held_der_arbeit! 25.05.2019
1. Schwierig wird es
Wenn die Einsamkeit "hausgemacht" ist, d.h. es einem aufgrund früherer, teils schon kindlicher Beziehungserfahrungen extrem schwer fällt, sich anderen Menschen verbunden-, oder sich angenommen zu fühlen. Man kann durchaus unter Leuten und dennoch sehr einsam sein
hansriedl 25.05.2019
2. Wäre das britische Gesundheitssystem ein Mensch,
müsste es zum Arzt. Für alle offen, scheinbar kostenlos und ein geliebtes Stück Sozialismus in Westeuropa: Das britische Gesundheitssystem NHS wird 70 Jahre alt, ist aber selber chronisch krank. GB ist ja schließlich einer der größten Betreiber von Steueroasen. Und was fehlt nun, Steuergeld für eine Sarnierung des Gesundheitswesens? Na wie jetzt,.... wegen der Ironie
01099 25.05.2019
3.
Wer länger lebt, kann länger konsumieren. Deshalb gibt es solche Erhebungen, denn auch die Psychologie und die Soziologie sind nicht frei von ideologischen Einflüssen. Zudem höre ich deutlich die BWL'er im Hintergrund, denn hier geht es um die Kosten, die aus Folgeerkrankungen aus der "Einsamkeit" entstehen. Ich arbeite in der Altenpflege und habe kein ernsthaftes Interesse daran, übermäßig alt zu werden, denn das Alter bedeutet immer Leiden. Man sollte da keinen romantischen Vorstellungen anheim fallen. Das fängt bei unausweichlichen körperlichen Einschränkungen an und hört bei dem Ausbleiben von sozialer Interaktion auf, weil besagte Gebrechen (schlechtes Hören, Demenz etc.) diese unmöglich machen. Und natürlich sind Freunde und Verwandte in den meisten Fällen nicht so fürsorglich wie man sich das so ausgemalt hat. Das ist die Realität. Der Mensch ist für die hohen Altersstufen, die er mittlerweile erklimmt, nicht gemacht.
jberner 25.05.2019
4. Die Perspektive der Einsamkeit ist grausam
Zitat von 01099Wer länger lebt, kann länger konsumieren. Deshalb gibt es solche Erhebungen, denn auch die Psychologie und die Soziologie sind nicht frei von ideologischen Einflüssen. Zudem höre ich deutlich die BWL'er im Hintergrund, denn hier geht es um die Kosten, die aus Folgeerkrankungen aus der "Einsamkeit" entstehen. Ich arbeite in der Altenpflege und habe kein ernsthaftes Interesse daran, übermäßig alt zu werden, denn das Alter bedeutet immer Leiden. Man sollte da keinen romantischen Vorstellungen anheim fallen. Das fängt bei unausweichlichen körperlichen Einschränkungen an und hört bei dem Ausbleiben von sozialer Interaktion auf, weil besagte Gebrechen (schlechtes Hören, Demenz etc.) diese unmöglich machen. Und natürlich sind Freunde und Verwandte in den meisten Fällen nicht so fürsorglich wie man sich das so ausgemalt hat. Das ist die Realität. Der Mensch ist für die hohen Altersstufen, die er mittlerweile erklimmt, nicht gemacht.
Als ein Mittfünfziger, der genau die Perspektive der andauernden Einsamkeit hat,mit kindlich erworbener und erwachsen verfestigter Bindungs- und Beziehungsstörung, wünsche ich mir entweder wirksame Hilfen (die ich nicht finde) oder aber wenigstens Hilfestellungen, die Angst vor einem qualvollen Sterben zu überwinden.
Spiegelleserin57 25.05.2019
5. Einsamkeit ist auch keine Sache des Alters...
Zitat von 01099Wer länger lebt, kann länger konsumieren. Deshalb gibt es solche Erhebungen, denn auch die Psychologie und die Soziologie sind nicht frei von ideologischen Einflüssen. Zudem höre ich deutlich die BWL'er im Hintergrund, denn hier geht es um die Kosten, die aus Folgeerkrankungen aus der "Einsamkeit" entstehen. Ich arbeite in der Altenpflege und habe kein ernsthaftes Interesse daran, übermäßig alt zu werden, denn das Alter bedeutet immer Leiden. Man sollte da keinen romantischen Vorstellungen anheim fallen. Das fängt bei unausweichlichen körperlichen Einschränkungen an und hört bei dem Ausbleiben von sozialer Interaktion auf, weil besagte Gebrechen (schlechtes Hören, Demenz etc.) diese unmöglich machen. Und natürlich sind Freunde und Verwandte in den meisten Fällen nicht so fürsorglich wie man sich das so ausgemalt hat. Das ist die Realität. Der Mensch ist für die hohen Altersstufen, die er mittlerweile erklimmt, nicht gemacht.
Wer sich rechtzeitig in die Gesellschaft einbringt kann, wenn er nicht psychisch krank ist, auch Gemeinschaft erleben. Ich war erst vor 2 Wochen im Altenheim und kann nur sagen der Horror schlechthin. Wer altersbedingte Einschränkungen hat kann auch gut betreut werden, alles eine Sache des Geldes , wie so oft. Mittlerweile gibt es hier in D schon Betreuungsdienste die unterhalten und von der Kasse bezahlt werden. Nicht jeder hat auch die Zeit Alte zu betreuen da man selbst lange arbeiten muss. Freunde sind da schon sehr hilfreich und diese muss man rechtzeitig gewinnen und nicht erst im Alter beginnen. Es gibt leider leider viele Menschen die im Arbeitsleben keine Freunde haben und im Privatleben die Beziehungen deutlich vernachlässigen und dann erwarten dass man sie betreut. Fehler aus den jungen Jahren rächen sich bitter im Alter. Das hat nichts mit dem biologischen Alter und auch nichts mit den Einschränkungen zu tun sondern wohl eher mit Unfähigkeit Beziehungen zu knüpfen und alte Vorurteile abzulegen. Kürzlich starb eine Bekannte die völlig fit war im hohen Alter von 104 Jahren, auch das gibt es. Sie war gut aufgehoben im Kreise ihrer Familie. Wie man sieht ist eben alles möglich. Nur wer rechtzeitig vorsorgt wird kein trauriges Alter erleben müssen und man sollte tunlichst Altenheime meiden! Es gibt durchaus bessere Lösungen!
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