Einzigartige Medienanalyse Wie der Rhythmus der Nachrichten entsteht

Wie schnell wird eine Nachricht zur Top-Meldung, wann verschwindet sie wieder? Forscher haben eine einzigartige Studie vorgelegt: Drei Monate lange verfolgten sie Millionen Artikel anhand markanter Zitate. So erfassten sie den Puls der Medien - mit überraschenden Ergebnissen.

"Man kann Lippenstift auf ein Schwein malen, und es ist immer noch ein Schwein", rief Barack Obama im September 2008, mitten im US-Wahlkampf. Das Publikum hatte seinen Spaß: Die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin hatte sich kurz zuvor selbst als "Pitbull mit Lippenstift" bezeichnet. Für Obama war das Thema später weniger spaßig: Obwohl seine Worte auf die Wirtschaftspolitik seines Konkurrenten John McCain gemünzt waren, warfen die Republikaner ihm vor, er habe Palin mit einem Schwein verglichen. Eine gute Woche lang dominierte die Lippenstift-Debatte den US-Wahlkampf.

Anhand solcher Zitate haben Forscher jetzt das Leben und Sterben von Nachrichten im Netz nachgezeichnet. Jon Kleinberg von der Cornell University in Ithaca (US-Bundesstaat New York) setzte mit seinem Team einen Computer-Algorithmus auf 1,6 Millionen Online-Nachrichtenseiten an, darunter 20.000 Websites etablierter Medien und zahlreiche Blogs. In den drei Monaten vor der US-Präsidentschaftswahl wurden so rund 90 Millionen Artikel verfolgt. Damit ist die Untersuchung nach Angaben der Forscher nicht nur eine der größten ihrer Art - sondern auch die erste, die mit Hilfe des Internets das Entstehen und Vergehen von Nachrichten erkennbar macht (siehe Grafik).

Die Forscher nutzten die Tatsache, dass nach jahrelangem Zögern inzwischen nahezu alle Verlage dazu übergegangen sind, ihre gedruckten Nachrichten auch im Internet mehr oder weniger vollständig zu veröffentlichen. Das ermögliche es, "etwas zu quantifizieren, das ansonsten nur schwierig zu messen wäre - die zeitliche Dynamik von Nachrichten", sagte Kleinberg. "Wir wollen das gesamte Nachrichten-Ökosystem verstehen."

Kleinberg ist das zuzutrauen, denn der Informatikprofessor ist nicht irgendwer: Er war maßgeblich an der Entwicklung der "PageRank"-Mechanik beteiligt, die in den vergangenen Jahren zum Herzstück von Google geworden ist. Das amerikanische "Discover Magazin" hat ihn Ende 2008 unter die 50 wichtigsten und einflussreichsten Wissenschaftler gewählt.

Nun fällt es Computern bekanntermaßen schwer, zu erkennen, was das eigentliche Thema eines Artikels ist. Kleinberg und seine Kollegen umgingen diese Hürde, indem sie sich auf markante Zitate konzentrierten, die sich mit der Zeit kaum verändern. Zwar ist fraglich, wie sehr die Relevanz von Nachrichten an kurzen Zitaten ablesbar ist. "Wir sehen Zitate nicht als das wichtigste Objekt an", räumte Kleinberg in der "New York Times" ein. "Aber Algorithmen können Zitate erfassen." Zudem genügte die Methode nach Angaben der Forscher, um zu erkennen, was im Internet mit Nachrichten geschieht - und wie Blogs und etablierte Medien zusammenspielen.

Etablierte Medien sind schneller als Blogger

Eines der Ergebnisse ist, dass die etablierten Medien wichtige Nachrichten meist früher als Blogger aufgreifen. "Nur 3,5 Prozent aller von uns verfolgten Geschichten sind zuerst dominant in Blogs aufgetaucht", so die Forscher. Allerdings verbreiten sich die Meldungen unter den Mainstream-Medien relativ langsam und sind nach dem Höhepunkt ziemlich schnell wieder passé.

Anders die Blogs: Sie reagieren mit einem "Herzschlag-Muster" auf die großen Medien. Rund drei Stunden, bevor eine Nachricht ihre größte Verbreitung findet, wird sie verstärkt in den Blogs aufgegriffen. Nimmt die Nachricht bei den Mainstream-Medien aber richtig Fahrt auf, bricht die Zahl ihrer Nennungen in den Blogs ein. Erst mit einiger Verzögerung steigt die Kurve wieder - und landet dann meist auf einem Niveau, das interessanterweise höher ist als zuvor: Während die Mainstream-Medien schon weitergezogen sind, tobt in den Blogs noch die Diskussion. Im Rhythmus von etwa einer Woche aber, so das Fazit der Forscher, wird fast jede Geschichte von einer neuen verdrängt.

Auch den Werdegang einer Meldung bei den etablierten Medien - ihre zunächst träge, dann rapide Verbreitung und ihr schnelles Verschwinden - könne man erklären. Und das nur anhand von zwei Parametern: Aktualität und Imitation. Ein Algorithmus, der auf der Wechselwirkung dieser beiden Größen beruht, "konnte dieses Muster ziemlich gut voraussagen", heißt es in der Studie , die Kleinberg und seine Kollegen kürzlich auf einer Fachkonferenz vorstellten.

Mit anderen Worten: Ist eine Geschichte aktuell und greift die Konkurrenz sie auf, machen zahlreiche weitere Medien mit - es sei denn, die Nachricht ist so groß, dass sie ohnehin sofort auf allen Kanälen läuft. Jeweils für sich genommen konnten das gegenseitige Kopieren und die Aktualität die beobachtete Verbreitung der Nachrichten nicht erklären - sie spielen zusammen.

Wer greift Nachrichten am schnellsten und sichersten auf? Die Netz-Studie kommt zu überraschenden Ergebnissen

Der Datenschatz von Kleinbergs Team hält weitere interessante Einblicke bereit - etwa welche Medien am schnellsten auf Nachrichten reagieren und welche die wichtigsten Meldungen am treffsichersten herausfilterten. Das Ergebnis ist durchaus überraschend. Demnach kann man auf "Hotair.com" Top-Zitate im Durchschnitt 26,5 Stunden vor ihrer maximalen Verbreitung erstmals lesen. Damit ist die Website das schnellste der beobachteten Medien, lässt es aber an Treffsicherheit mangeln: Nur 42 von 100 der wichtigsten Meldungen tauchten auf "Hotair.com" auf.

Wer nun glaubt, die Bedeutendsten unter den US-Medien könnten es besser, sieht sich getäuscht. Eines der besten Verhältnisse zwischen Schnelligkeit und Zuverlässigkeit hat der kleine Newsdienst "Breitbart.com": 89 Prozent der wichtigsten Nachrichten waren dort im Mittel 16 Stunden vor ihrer maximalen Verbreitung zu finden. Ebenfalls weit vorne sind lokale Medien wie die "StarTribune" aus St. Paul im US-Staat Minnesota - die Website der Zeitung brachte es auf 14 Stunden Vorsprung und 93 Prozent Treffsicherheit. Auch die "Huffington Post" der Bloggerin Arianna Huffington gehört mit 18 Stunden und 73 Prozent Trefferquote zu den Top-Angeboten.

Die "Washington Post" bringt es nur auf 10,5 Stunden Vorsprung und 78 Prozent - und ist damit noch der Spitzenreiter unter den großen, nationalen US-Medien - dicht gefolgt von CNN mit elf Stunden und 72 Prozent. Für andere Mainstream-Medien fiel das Ergebnis weniger schmeichelhaft aus: Die britische Website der Nachrichtenagentur Reuters etwa lieferte Meldungen im Schnitt elf Stunden vor der maximalen Verbreitung und hatte nur 32 Prozent der wichtigsten Nachrichten. Auch unter den etablierten Blogs ist nicht alles Gold, was glänzt: Der vielbeachtete "Drudge Report" etwa war mit zwölf Stunden Vorsprung nicht besonders schnell und erwischte ebenfalls nur 32 Prozent der Top-News.

Langsamer bedeutet nicht zuverlässiger

Ein weiteres erstaunliches Resultat ist, dass die Treffsicherheit - anders, als man erwarten könnte - nicht spürbar steigt, je langsamer die Websites sind. Das "Time"-Magazin etwa bringt Nachrichten im Schnitt sieben Stunden vor deren Höhepunkt und hat eine Treffsicherheit von nur 43 Prozent. Auch der britische "Daily Telegraph" sieht mit fünf Stunden und 41 Prozent nicht gerade gut aus, ebenso wie die Website der berühmten BBC: Hier findet man nur 46 Prozent der Top-News, und selbst die nur fünf Stunden vor der größten Verbreitung - mit der transatlantischen Zeitverschiebung allein lässt sich das nicht mehr erklären.

Die Website der "New York Times" ist in der Tabelle übrigens nicht aufgeführt. Kleinbergs Mitarbeiter Jure Leskovec erklärte das mit der Tatsache, dass die Adresse "NYTimes.com" nicht im für die Studie verwendeten Datensatz vorhanden war, sondern lediglich die von der Zeitung angebotenen Blogs - darunter "The Caucus", der aber mit elf Stunden Vorsprung und 43 Prozent Trefferquote ebenfalls nur einen sehr durchwachsenen Wert erreichte.

Unabhängige Experten messen der Studie dennoch große Bedeutung bei. Eric Horvitz, Forscher bei Microsoft und Präsident der Association for the Advancement of Artificial Intelligence, sprach von einem "Meilenstein" bei der Untersuchung des globalen Nachrichtenflusses. Sreenath Sreenivasan von der Columbia Journalism Schoolin New York glaubt, dass ein solcher Ansatz "die Tür zu einem neuen Verständnis des Nachrichtenzyklus" öffnen könnte.

Natürlich müsse das mathematische Modell noch verfeinert werden, betonen Kleinberg und seine Kollegen ein. Doch Informatiker Leskovec zeigte sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE optimistisch: Schon jetzt ermöglichten die Ergebnisse, "eine Reihe von intuitiven Vorstellungen über Nachrichtenmedien zu konkretisieren, indem wir sie direkt messen können".

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