Eisfrei Riss am Nordpol

Den Forschern und Touristen an Bord des russischen Eisbrechers "Yamal" bot sich ein seltenes Bild: Am Nordpol, wo sie eigentlich Packeis erwarteten, gab es weit und breit nur Wasser. Der Klimaeffekt? Oder ging uns unbemerkt, wie "Bild" publikumswirksam schlagzeilte, der Nordpol verloren?


Riss im Packeis: So etwas hat es am Pol wahrscheinlich seit mehreren Millionen Jahren nicht gegeben
AP

Riss im Packeis: So etwas hat es am Pol wahrscheinlich seit mehreren Millionen Jahren nicht gegeben

New York - Besucher des Nordpols können dort derzeit etwas sehen, was es vielleicht seit Millionen Jahren nicht gab - Wasser. Das sonst meterdicke Eis über dem Nordpol ist in diesem Jahr an vielen Stellen hauchdünn oder gar geschmolzen. Am Pol erstreckt sich jetzt eine 1,6 Kilometer breite Wasserstraße, wie die "New York Times" berichtete. Nach Angaben von Wissenschaftlern gab es zuletzt vor mehr als 50 Millionen Jahren so viel Wasser am Nordpol.

"Ich weiß nicht, ob irgendjemand schon einmal dort oben von Wasser begrüßt wurde, und nicht von Eis", sagte der Paläontologe Malcom McKenna. Und der Ozeanograph James McCarthy berichtete, viele Touristen einer Kreuzfahrt zum Nordpol seien völlig überrascht gewesen, als sie statt des erwarteten Eises nur Wasser gesehen hätten. McKenna und McCarthy, der auch Leiter einer Arbeitsgruppe ist, die sich im Auftrag der Vereinten Nationen mit dem Klimawandel befasst, nahmen als Dozenten an der Kreuzfahrt an Bord des russischen Eisbrechers "Yamal" zum Nordpol teil.

Die Ursachen für das schmelzende Eis sind nicht eindeutig geklärt. Während viele Forscher den Treibhauseffekt und die allgemeine Erwärmung der Erdatmosphäre dafür verantwortlich machen, halten andere auch natürliche Phänomene als Ursache für möglich.

Der Klimaforscher Mojib Latif vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg ist sich dagegen sicher, dass die Eisschmelze "mit hoher Sicherheit" durch den menschengemachten Treibhauseffekt hervorgerufen werde. Das Meereis der Arktis werde seit Jahrzehnten dünner und seine Fläche schrumpfe, sagte der Forscher.

Da das Eis der Arktis ohnehin im Wasser schwimmt, führt das Abschmelzen nicht zur Erhöhung des Meeresspiegels. Es reagiert nach Aussagen von Latif jedoch wesentlich sensibler auf den Treibhauseffekt als das am Südpol. Dort liegt die größte Masse des Eises auf Land.

"Bild"-Titelzeile: Boulevardeske Überspitzung

"Bild"-Titelzeile: Boulevardeske Überspitzung

Bekannt ist, dass die Dicke des Packeises am Norpol in den letzten 40 Jahren um durchschnittlich 45 Zentimeter abnahm, wie die Nasa mitteilt - "Bild" misst sogar 1,5 Meter. Das Eis in der Arktis breche daher immer häufiger auf, sagte Klimaforscher Latif: "Es ist inzwischen so dünn, dass es im Prinzip an vielen Orten aufreißen kann". Dies unterstreiche, dass möglichst rasch etwas gegen den Treibhauseffekt getan werden müsse.

Geologen sind da vorsichtiger: Sie denken in Abläufen, die nur in Jahrmillionen zu messen sind. "Dieses Eis", erklärt der Bonner Geologe Thomas Werner, "steht natürlich unter erheblichen Spannungen". Da wäre es schon denkbar, dass zum Teil großflächige Risse entstünden, gerade an Stellen, an denen der Eispanzer dünner ausgeprägt sei. "Gesicherte Erkenntnisse gibt es in diesem Fall ja noch nicht, nur eine Beobachtung. Es liegt jetzt an den Klimatologen, die Faktenlage zu klären". Die immerhin mit einem vorsichtigen Fragezeichen versehene Schlagzeile der "Bild" vom Montag, "Nordpol weg?", dürfe man getrost als boulevardeske Überspitzung verbuchen.

Auch der Hinweis zahlreicher Zeitungen, dass die letzte bekannte Phase der Erdgeschichte, in der zumindest die Antarktis eine tropische Vegetation aufwies, das Eozän gewesen sei (vor rund 55 Millionen Jahren), sei so richtig wie irreführend, meint Werner. Die Antarktis lag damals nämlich deutlich näher am Äquator und noch nicht am Südpol: Im Laufe der Kontinentalbewegung verlagerten sich Australien und Antarktis von Nord nach Süd.



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