Elektrotherapie Wunden heilen unter Strom besser

Verletzungen an der Augen-Hornhaut genesen schneller, wenn sie unter Strom stehen. Die Tierversuche seien so Erfolg versprechend, meldet ein Team aus Medizinern und Biotechnikern, dass es nun auch Anwendungen für Menschen entwickeln will.


London - Mit elektrischem Strom lässt sich der Heilungsprozess von Wunden steuern und beschleunigen. Das hat ein Team von Wissenschaftlern aus vier Nationen in einer Laborstudie nachgewiesen. Sie berichten in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature", dass sie mit Hilfe von Stromflüssen die Bewegungen der Zellen kontrollieren konnten - und somit auch beeinflussten, auf welche Art und wie schnell Wunden heilten.

Noch nicht beim Menschen: Therapie mit elektrischen Strömen hilft Hornhaut-Verletzungen zu heilen
DPA

Noch nicht beim Menschen: Therapie mit elektrischen Strömen hilft Hornhaut-Verletzungen zu heilen

Um die Rolle des elektrischen Feldes für die Wundheilung zu untersuchen, hatten Forscher um den Mediziner Min Zhao von der University of Aberdeen Silbernitrat auf die verwundete Augen-Hornhaut von Ratten gegeben. Die Substanz verstärkt oder schwächt den Transport von elektrisch geladenen Teilchen durch bestimmte Ionenkanäle in den Zellwänden.

"Wenn wir die Kraft dieser Ionenpumpen verstärkten, erhöhten wir den elektrischen Strom an der Wunde, was wiederum den Heilungsprozess beschleunigte", erklärt Zhao die Beobachtung. Auch die beiden Gene, die als Reaktion auf die elektrischen Ströme den Wundheilungsprozess steuerten, hätten sie entdeckt, schreiben Zhao und seine Mitarbeiter.

Mit ihren Resultaten könnten neue Behandlungsmethoden für chronische Wunden und andere Verletzungen entwickelt werden, hoffen die Wissenschaftler. Bisher haben sie jedoch nur mit der Hornhaut von Rattenaugen und anderen tierischen Gewebeproben experimentiert. Zhao will nun herausfinden, ob die im Labor getesteten Substanzen auch zur Behandlung von Augenverletzungen oder anderer Wunden beim Menschen taugen.

Elektrische Ströme bereits als Wund-Sanitäter bekannt

Dass elektrische Felder Wunden-Sanitäter sind, haben Physiologen bereits in den letzten Jahrhunderten erkannt.

Luigi Galvani hatte 1780 entdeckt, dass Frösche Strom leiten - und selbst ihre abgetrennten Schenkel mit elektrischen Impulsen noch zum Zucken gebracht werden konnten. Und 1850 sei erstmals berichtet worden, dass Knochenbrüche mit Elektrostimulation behandelt wurden, heißt es in einem Übersichtsartikel aus dem letzten Jahr. Ebenfalls im 19. Jahrhundert zeigte der deutsche Physiologe Emil Du Bois-Reymond, dass in Nerven und in der Umgebung von Wunden ganz natürlich elektrische Ströme fließen.

Mittlerweile wisse die Wissenschaft, dass das verletzte Hautgewebe selbst diese inneren elektrischen Felder verursacht, steht in der aktuellen Studie. Neu sei die Erkenntnis, dass die elektrischen Ströme bei der Heilung als Lotsen fungierten - und so die Zellen an den Ort lenkten, an dem sie gebraucht werden.

Ein Beweis für diese Theorie fehlte aber bisher, schreiben Zhao und seine Forschungskollegen aus Österreich, Japan und den USA. In früheren Studien sind verschiedene Effekte beobachtet worden, darunter auch das Abwandern von Zellen. Dass die Richtung dieser Bewegung beeinflussbar sei, hätten die Forscher mit Zeitraffer-Aufnahmen nun nachgewiesen.

Von den Stromflüssen ist auch abhängig, wie schnell eine Wunde verheilt. Die Wissenschaftler stellten fest, dass sich die an der Wundheilung beteiligten Zellen am schnellsten bei einem elektrischen Feld von 100 bis 200 Millivolt pro Millimeter bewegten. Die natürlicherweise bei Wunden vorkommende Feldstärke beträgt indessen nur rund 42 bis 11 Millivolt pro Millimeter.

fba/ddp



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