Qualität in der Wissenschaft Liebe Leserin, lieber Leser,


letzte Woche unterhielt ich mich mit einem Astronomen über eine Studie, die seine Forschergruppe veröffentlichen wollte. Aus unterschiedlichen Gründen musste es mit der Publikation schnell gehen, deshalb war das Team mit verschiedenen Fachzeitschriften im Gespräch. Eines der Journale bot an, die Peer Review innerhalb von einer Woche abzuwickeln

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Heft 21/2019
Angela Merkels apokalyptischer Blick auf die Lage der Welt

Eine Woche?

Dieser Standardprozess, bei dem unabhängige Wissenschaftler für Fachzeitschriften die Ergebnisse von Forschern prüfen und bewerten, dauert normalerweise erheblich länger, oft mehrere Monate. Eine gewissenhafte Prüfung seiner Studie in dem Zeitraum sei unmöglich, bemerkte der Astronom - und sagte der Zeitschrift ab.

Matushchak Anton/ Shutterstock

Die kleine Anekdote bestätigt die Beschwerden von Forschern über die Qualität in Wissenschaftspublikationen. Skandale gab es schon genug. Das Magazin "Journal of Vibration and Control" zog vor Jahren gleich 60 Studien zurück, weil der Begutachtungsprozess der Studien manipuliert gewesen sei. Auch ein bekanntes Journal wie "Science" musste schon gefeierte Stammzell-Studien widerrufen, weil der Autor Daten gefälscht hatte. Niemandem war das aufgefallen.

Gut, dass es Elisabeth Bik gibt.

Die Mikrobiologin aus den USA, die lange an der Stanford University arbeitete, nimmt es mit der Qualität von wissenschaftlichen Veröffentlichungen ganz besonders genau. Sie will jetzt ihren Job ein Jahr lang ruhen zu lassen, um sich ganz dem Thema Qualitätsprüfung zu widmen. Zum Zeitvertreib hatte sie bisher nur in ihrer Freizeit Grafiken und Diagramme in Studien geprüft und war häufig über Fehler, teils auch über Plagiate gestolpert.

2016 veröffentlichte sie dann mit zwei weiteren Forschern eine detaillierte Auswertung - dafür hatten die drei fast achthundert Studien untersucht und mehr als 20.000 Fehler entdeckt.

Eigentlich ist in der Wissenschaft eine ausgeprägte Diskussionskultur üblich. Doch mit ihrer Kritik an manchen Studien stieß Bik anfangs auf Widerstand. Nicht nur Forscher sondern auch die Fachzeitschriften reagierten äußerst träge und schienen kaum an Verbesserungsvorschlägen interessiert. Das hat sich geändert. Das Fachmagazin "PLOS One" beispielsweise schätzt ihre Beiträge inzwischen sehr und hat verschiedene Studien überarbeitet.

Bik will sich demnächst auch verstärkt Predatory Journals, sogenannten Raubtierzeitschriften, widmen. Dahinter steckt ein cleveres Geschäftsmodell: Die Journale bieten mit teils aggressiver Werbung an, Studien gegen Geld frei zugänglich (Open Access) zu veröffentlichen und dabei das Peer-Review-Verfahren einzuhalten. Tatsächlich bleibt das aber oft aus, manchmal existieren angegebene Gutachter gar nicht.

Eine gute Nachricht im Kampf gegen solche unseriösen Fachzeitschriften: Ein US-Gericht hat vor einigen Wochen den umstrittenen Pseudo-Verlag "Omics" zu einer Strafe von über 50 Millionen US-Dollar verurteilt, weil er wissenschaftliche Standards nur vorgetäuscht hatte. Der Verlag gibt über 700 Zeitschriften heraus und organisiert auch fragwürdige Konferenzen.

Problematischer ist zudem, dass bei Predatory Journals manchmal auch renommierte Forscher publizieren - darunter auch deutsche. Dabei dürfte es ihnen vor allem um schnelle Veröffentlichungen gegangen sein.

Genau wie der Astronom, mit dem ich sprach. Ihm war die Seriosität seiner Forschung wichtiger als eine Blitzveröffentlichung. Deshalb hat er sich für ein anderes Journal entschieden. Gut so.

Ihr Jörg Römer

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Viele Predatory Journals sind aufgrund schlecht gemachter Massenmails einfach zu erkennen. Aber manchmal ist es auch für gestandene Forscher schwer, sie zu identifizieren. Hier berichtet ein Wissenschaftler, wie er auf so ein Magazin hereinfiel.
  • Das Internationale Spionagemuseum in Washington D.C. ist nach seiner Neueröffnung sicher einen Besuch wert. Das legt jedenfalls diese Geschichte nahe. Sie beschreibt, wie die USA während des Kalten Krieges ein gesunkenes, sowjetisches U-Boot stehlen wollten.
  • Wenn Paläoforscher Glück haben, dann finden sie in Bernstein eingeschlossen hier und da mal Insekten oder Spuren von anderem Kleingetier - meist Waldbewohner. Nun entdeckten sie ein fast 100 Millionen Jahre altes Meerestier.
  • Ein Amerikaner soll im Marianengraben einen neuen Tieftauchrekord aufgestellt haben. Dabei machte er angeblich auch einen traurigen Fund - eine Plastiktüte.
  • Dank Jeff Bezos' verwegenen Plänen für eine neue Mondmission wird derzeit viel über die Besiedlung unseres Erdtrabanten gesprochen. Die "New York Times" erinnert mit einer tollen Geschichte an die "Apollo 10"-Mission, die später die Mondlandung von "Apollo 11" erst möglich machte.
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Quiz

  • Warum nannte der Astronom Walter Baade einen von ihm in den Zwanzigerjahren entdeckten Asteroiden Muschi?
  • Wo lebte der Elefantenvogel, einer der größten Vögel der Erdgeschichte?
  • Welche Symptome haben Menschen, die an Trimethylaminurie leiden?

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Bild der Woche

Die Zukunft steht in Dongguang, einer Stadt im Süden Chinas: In einem futuristischen Labor testet der chinesische Konzern Huawei seine 5G-Antennen. 5G ist der derzeit modernste Mobilfunkstandard, der Daten mehr als 60-mal schneller übertragen kann als die derzeitige LTE-Technik. Huawei gilt als führender Anbieter der neuen Übertragungstechnik. Ob sich das Unternehmen beim Aufbau des deutschen 5G-Netzes beteiligen darf, ist indes umstritten - es ist per Gesetz zur Kooperation mit der chinesischen Regierung verpflichtet.

Todd Darling/ Polaris/ Studio X

Fußnote

5-mal höher ist das Risiko, an Prostatakrebs zu sterben, wenn dessen Zellen von der normalen Chromosomenzahl abweichen. Das fanden US-Forscher in einer Studie heraus, die im renommierten Journal "PNAS" erschienen ist. Durch eine entsprechende Chromosomenanalyse könnten Patienten künftig individueller behandelt werden. In Deutschland ist das Prostatakarzinom die häufigste Krebsart bei Männern.


Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: Es war der Spitzname seiner Frau Johanna / Er kam an der Ostküste Afrikas aber überwiegend auf Madagaskar vor / Sie sondern einen fischähnlichen Geruch ab. Die Stoffwechselerkrankung wird auch Fischgeruch-Syndrom genannt.

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insgesamt 15 Beiträge
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The Restless 18.05.2019
1. Ist wie eine Pest
Ich erhalte jede Woche per Email 3-5 Aufforderungen von irgendwelchen Zeitschriften, doch bitte dort zu publizieren. Alles ginge sehr schnell, die Publikation sei frei verfügbar im Internet. Natürlich müsse ich dafür bezahlen. Zu den in meinem Fachbereich etablierten Zeitschriften gehören diese Journale nicht. Forscht man ein wenig im Internet, so findet man schnell, dass es sich dabei um solche Predatory-Journale handelt. Problematisch ist nur, wenn es sich um ein ganz neues Journal handelt, zu dem noch keine Beschwerden vorliegen. Daher lieber: Finger weg von unbekannten Journalen.
Reg Schuh 18.05.2019
2. Ökonomisierung
In dem Moment, wo Forschungsgemeinschaften, Chefs, Führungsetagen, Vorstände etc. sich darauf eingelassen hatten, ein "meßbares" System, wie den Impact factor, den Hirsch-Index, die Veröffentlichungszahlen an sich als Kriterium für Güte heranzuziehen, in dem Moment war eine fortschreitende Ökonomisierung in der Wissenschaft nicht mehr aufzuhalten. All die Anpassungen in den Zählweisen müssen ständig einen Rüstungswettlauf gegen Tricksereien kämpfen, weil wir Menschen so dumm sind, aus einer guten Sache immer weider die schlechtesten Verwendungen herauszufinden. Im Wissenschaftszeitschrifts-Gewerbe hat das Verlagswesen sich auf wenige Velage konzentriert, die dann - wie im Kapitalismus üblich - von allen immer mehr Geld wollten, von den Lesern, die ja was wissen wollen, und ebenso von den Autoren, die keine Honorare mehr bekommen, sondern stattdessen für Artikel, die die Autoren selbst schreiben und setzen, weil die Autoren ja auch "Nutzer der Zeitschrift sind, und dann was dazu beitragen sollen; und dann sollen die Autoren auch noch -vergütungsfrei- für den Verlag Artikel anderer Autoren prüfen und korrekturlesen ("Bitte innerhalb einer Woche!"). Dann kam die Open-Source-Idee - an sich eine exzellente Idee - die leider pervertiert wurde. Irgendwo müssen die Kosten für das Organisieren ja her kommen, und das führt dazu, daß nur reiche Institute bei den klassischen Zeitschriften/Verlagen schreiben können, und daß es als Geld-Einsack-Modell funktioniert, Autoren zum Veröffentlichen in scheinbar günstigeren Zeitschriften zu übertölpeln - man muß ja veröffentlichen, egal welchen Unfug, Hauptsache, man hat irgendwie veröffentlicht. Das Herausfiltern von betrügerischen Verlagen ist vermutlich auch eine Sysphus-Arbeit,, die die Frau eigentlich von staatlicher Seite bezahlt bekommen sollte. Denn man kann an so vielen Stellen sehen, zu welchen Perversionen fehlende Regulierung führt. Ich frage mch allerdings tatsächlich, wenn Frau Bik ein Jahr "off from paid work" nimmt, wie sie sich das leisten kann, ein Jahr lang nichts zu verdienen.
jjs 18.05.2019
3. Es ist eigentlich noch viel schlimmer
Es sind nicht nur die predatory journals, die Probleme machen sondern auch die Standard-Journale. So werden auch dort viel zu viele Publikationen durchgewunken, die nur unzureichend geprüft sind, was man als Leser eigentlich erst dann so richtig merkt, wenn man versucht, diese Ergebnisse nachzuvollziehen, und dann sieht, dass entweder Angaben zu wichtigen Parametern komplett fehlen oder dass die Autoren, wenn sie nachweisen wollten, dass ihr neues Verfahren besser als ein bisheriges Standardverfahren ist, oftmals das Standardverfahren möglichst schlecht implementiert haben, so dass der Vergleich natürlich zu ihren Gunsten ausfallen musste. Manchmal werden Ergebnisse auch schlicht getürkt, aber wenn man dann eine entsprechende Veröffentlichung dazu schreibt, dann interessiert das die Editoren eines Journals überhaupt nicht mehr, wie ich selbst schon erlebt habe. Da fällt dann die Aussage, "ach, die Veröffentlichung ist eh schon über ein Jahr alt". Letztlich müssten die Referees gezwungen werden, alles genauestens nachzuvollziehen, und für diese Zeit auch bezahlt werden. Und der Referee-Bericht sollte gewichtet werden wie ein paar Veröffentlichungen auf einmal, denn ansonsten hat ein Referee nur einen Nachteil, wenn er sich wirklich die Zeit nimmt und eine zu begutachtende Veröffentlichung genau liest, denn diese Zeit geht ihm von seiner eigenen Forschung ab, und auch er muss ja die Zahl seiner eigenen Publikationen maximieren. Hinzu kommt noch ein Punkt, den ich anmerken will: Bei guten Journalen, bei denen noch etwas besser referiert wird, kam es in der Vergangenheit auch schon öfter vor, dass manche Referees eine zu begutachtende Arbeit in ihrer Akzeptanz verzögerten, schnell selbst was dazu machten und dann in einer niederwertigeren Zeitschrift dann unterbrachten, damit sie die ersten waren, die eine Veröffentlichung dazu hatten. Deshalb ist es zum Beispiel in der Physik so, dass bislang noch keine Arbeit, die schließlich zu einem Nobelpreis führte, zunächst bei Nature oder Science oder Physical Review Letters publiziert wurde, sondern dass die Autoren die erste Arbeit dazu stets in einer niedrigrangigen Zeitschrift veröffentlichten, damit ihnen die Ergebnisse nicht auf diese Art gestohlen werden konnten. So haben beispielsweise Bednorz und Müller ihre erste Arbeit zur Hochtemperatursupraleitung bei der Zeitschrift für Physik untergebracht, weil sie befürchteten, dass ihnen ansonsten auf diese Weise ihre Ergebnisse gestohlen werden könnten. Und schließlich noch als letzten Punkt will ich auf die Affäre um Jan Hendrik Schön verweisen, der vor Jahren mit wunderbaren aber gefälschten Ergebnissen auf sich aufmerksam machte, den Nature- und Science-Editoren anschrieben, er möge doch so schnell wie möglich wieder Papers bei ihnen zur Publikation einreichen. Tja, das ist eine Ausuferung von einem allgemeineren Effekt: Wenn man zum ersten Mal in einer dieser Zeitschriften eine Veröffentlichung unterbringen will, hat man so gut wie keine Chance, es sei denn, man tut einen Koautoren drauf, der schon mal dort Veröffentlichungen hatte. Hat man dagegen das schon mal geschafft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man es wieder schafft.
realist4 18.05.2019
4. Höchste Zeit einzuschreiten
Erst vor Kurzem habe ich in Arte einen Beitrag zu diesem Thema gesehen, interessant fand ich, dass auch renomierte deutsche Forschungsinstitute diese fake Peer Reviews nutzen. Aber man muss eigentlich kein Wissenschaftler sein, um zu bemerken wieviel Schindluder getrieben wird, es reicht aufmerksam die Artikel in der Presse zu lesen, welche über irgendwelche tolle Studien berichten. Wer nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, bemerkt sofort die mangelnde Qualität.
markus333 18.05.2019
5. Schlimmes Durcheinander - lenkt von den Problemen ab
Ich wäre dafür, dass Journalisten erst mal nicht über "Raubtier-Journale" berichten sollten. Diese sind zwar eine Plage, wie Spam in der E-Mail, hat aber mit Qualitätsproblemen der Wissenschaft fast überhaupt nichts zu tun - wenn, dann höchstens als Indiz. Da die Publikationskultur in der Wissenschaft so komplex ist, eignet sie sich schlecht für eine öffentliche Diskussion. Das endet meist in einer Empörungsdebatte, die selbst schon an Fake-News grenzt. Nur ein paar Aspekte zum Nachdenken: 1. 99,9% aller echten Wissenschaftsskandale passieren auf normalen oder sogar "High-Impact"-Journalen. Was das mit Raubtierjournalen zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. 2. Die Raubtier-Journal-Skandale werden von Journalisten selbst fabriziert, indem sie Müll-Artikel an diese schicken und abdrucken lassen. Das ist so skandalös, wie sich über einen Copy-Shop zu beschweren, der sich nicht weigert, Mist zu kopieren. 3. Echte Wissenschaftler stoßen in Ihrer täglichen Arbeit praktisch nie auf Raubtierjournal-Artikel, da diese in den Profi-Datenbanken nicht gelistet werden. Nur ahnungslose Journalisten wittern da Skandale, wo keine sind. 4. Die Angebote von Raubtierjournalen sind sicherlich nicht seriös, wie die Mail vom Nigerianischen Prinzen, der mir 10 Mio Dollar auf mein Konto überweisen will. Aufklärung für Wissenschafts-Neulinge ist aber sicherlich nicht schlecht. 5. Die Argumente über die erschlichenen Vorteile, in einem Raubtierjournal zu veröffentlichen, sind frei erfunden. Da - siehe oben - die Journale nicht in den Datenbanken auftauchen und auch durch die Bank null mal zitiert werden, haben sie auch keinerlei Einfluss auf die Karriere eines Wissenschaftlers. Sie sind schlichtweg unsichtbar und daher nutzlos. 6. Es darf sich ja jeder aufregen, dass z.B. der scheinwisssenschaftliche Artikel in der Apothekenumschau über Schlankheitspillen ein Skandal ist, ein wissenschaftliches Thema ist es nicht. Ich halte diese Art der Diskussion für extrem wissenschaftsschädlich, da es auf der einen Seite die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in Frage stellt, und auf der anderen Seite von den zweifellos zahllosen Defiziten in der Wissenschaft ablenkt und Pseudolösungen für Populisten anbietet. 7. Kurz: Die normalen Journals sind das gefährliche Problem, nicht die Raubtierjournale! Wem das zu komplex ist, sollte es mit Dieter Nuhr halten: "Wenn man keine Ahnung hat, ..."
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