Embryonenforscher Brüstle "Wir haben die Chance, die Medizin zu revolutionieren"

Oliver Brüstle, Professor in Bonn, hat durch seinen Antrag, embryonale Stammzellen zu Forschungszwecken nach Deutschland zu importieren, für eine leidenschaftlich geführte Diskussion gesorgt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verteidigt der 39-Jährige sein Vorhaben.

Von Alexander Schwabe


SPIEGEL ONLINE:

Sind sie von der Empörung überrascht, die Ministerpräsident Wolfgang Clement durch seinen Vorschlag hervorgerufen hat, embryonale Stammzellen aus Israel nach Deutschland importieren zu wollen?

Brüstle: Die Dimension dieser Diskussion war nicht abzusehen. Von einer sachlichen Debatte sind wir dabei weit entfernt. Es geht nicht darum, Projekte zu forcieren, die den jetzigen gesetzlichen Rahmen sprengen.

Oliver Brüstle
DPA

Oliver Brüstle

SPIEGEL ONLINE: Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel möchte diesen Rahmen enger ziehen. Sie hat den Importstopp embryonaler Stammzellen gefordert.

Brüstle: Das halte ich für eine gefährliche Überlegung. Denn wir haben die Chance, viele Bereiche der Transplantationsmedizin zu revolutionieren. Wir wollen keine überzogenen Heilsversprechen machen, doch dieses hoffnungsvolle Gebiet jetzt komplett ausklammern zu wollen, ist aus ärztlicher Sicht nur schwer zu verantworten. Das Potenzial dieser Forschung ist bei aller Langwierigkeit so enorm, dass es unverantwortlich ist, den Bereich auszukoppeln.

SPIEGEL ONLINE: Worin besteht dieses Potenzial?

Brüstle: Eines der Hauptprobleme der Transplantationsmedizin besteht darin, dass nicht genügend Spendergewebe zur Verfügung steht. Mit Hilfe embryonaler Stammzellen wird es möglich sein, in fast unbegrenzter Zahl Spenderzellen für verschiedene Organe herzustellen. Im Gegensatz zu adulten Stammzellen haben sie die Eigenschaft, sich unbegrenzt vermehren zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: So dass nicht fortwährend Embryonen erzeugt werden müssen.

Brüstle: Ja, dies ist übrigens auch ein Argument gegen eine verbrauchende Embryonenforschung, gegen die ich mich auch wehre. Embryonen gezielt für Forschungszwecke herzustellen, sollte weiterhin verboten bleiben. Erwägenswert ist es allerdings, überzählige, vorhandene Embryonen, die über Jahre tiefgefroren worden sind, für die es keine Verwendung mehr gibt, in Einzelfällen für die Herstellung von Zelllinien zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich aus diesen Zellen gewinnen?

Brüstle: Es geht nicht um das Züchten ganzer Organe. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne aus diesen Zellen ein Herz oder eine Leber herstellen. Es geht darum, einzelne Zellen herzustellen, die in defekte Organe eingeschleust werden, um dort verloren gegangene oder defekte Zellen zu ersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist der wirtschaftliche Nutzen dieser Forschung?

Brüstle: Es handelt sich im Moment noch um einen jungen Bereich der Biotechnologie. Aber es ist klar, dass die Stammzelltechnologie Ansatzpunkte hat, die über den Zellersatz hinausgehen.

SPIEGEL ONLINE: In welche Richtung?

Brüstle: Erstmals könnte es gelingen, an humanen Zellen Medikamente zu testen, ohne dass Proben entnommen werden müssen. Es ist möglich, ganz neue Erkenntnisse über die Entstehung von Erkrankungen wie etwa Krebs zu gewinnen. Und man könnte daran denken, Missbildungen verursachende und toxische Substanzen zu identifizieren, ohne auf Tierversuche zurückzugreifen.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit Oliver Brüstle, wie schutzwürdig ein Embryo für ihn ist.

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