Macrons Ozean-Gipfel AWI-Chefin schlägt internationale Antarktis-Mission vor

Hunderte Spitzenvertreter aus Politik und Wissenschaft hat Frankreichs Präsident Macron zu einem Ozeangipfel in die Bretagne eingeladen. Deutschlands bekannteste Meeresbiologin will auf dem Treffen ein neues Großprojekt vorschlagen.
Pinguin auf der Antarktischen Halbinsel

Pinguin auf der Antarktischen Halbinsel

Foto: NATALIE THOMAS / REUTERS

Die Rolle der Weltmeere für das Leben auf der Erde ist kaum zu überschätzen. Mehr als 70 Prozent der Fläche unseres Planeten sind von Wasser bedeckt. Sie sind gigantische Kohlenstoffspeicher, weltweit wichtigster Sauerstoffproduzent, Nahrungslieferant – und vielfältiger Lebensraum vom Küstengewässer bis in die Tiefsee.

Für den Mittwoch und Donnerstag hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Spitzenpersonal aus Politik und Forschung nach Brest in die Bretagne eingeladen – zu einem Gipfel, bei dem nichts Geringeres als die Zukunft der Meere verhandelt werden soll. Macron steht im Wahlkampf, Fotos mit internationalen Spitzenpolitikern, die sich zu einem guten Zweck treffen, kann er gut gebrauchen.

Olivier Poivre d’Arvor versichert  allerdings, es solle nicht nur um das Familienfoto der Politiker gehen. Man wolle tatsächlich etwas bewirken. Der französische Schriftsteller ist Botschafter seines Landes für die Polar- und Meeresgebiete.

Die Ozeane, so wirbt Sonderbotschafter Poivre d’Arvor, müssten eben wie das Weltklima und die Biodiversität behandelt werden – auf der ganz großen politischen Bühne. Mit dabei bei dem für Mittwoch und Donnerstag anberaumten »One Ocean Summit« ist auch Antje Boetius, Chefin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Sie werde, so beschreibt sie es im Gespräch mit dem SPIEGEL, den politischen Entscheidungsträgern die Stimme der Wissenschaft zu Gehör bringen.

»Die Polarregionen verändern sich am schnellsten«

Dabei will Boetius auch eine große internationale Wissenschaftsmission in die Antarktis vorschlagen, vergleichbar mit der vom AWI organisierten »Mosaic«-Expedition, die von September 2019 bis Oktober 2020 in der zentralen Arktis unterwegs war. Dabei driftete der deutsche Forschungseisbrecher »Polarstern« ohne Antrieb mit den Eisschollen durch die Gegend am Nordpol. Mehr als 80 Forschungsinstitutionen aus 20 Ländern beteiligten sich an dem Projekt, dessen gesammelte Erkenntnisse zu Atmosphäre , Schnee und Meereis  sowie Ozeanografie  just in dieser Woche im Fachmagazin »Elementa – Science of the Anthropocene« veröffentlicht wurden.

AWI-Chefin Boetius

AWI-Chefin Boetius

Foto: Kerstin Rolfes/ Kerstin Rolfes / AWI

Eine ähnlich umfassende Erforschung kann sich Boetius nun auch für die Antarktis vorstellen. »Die Polarregionen verändern sich am schnellsten. Gleichzeitig sehen wir dort am wenigsten hin, was passiert«, sagt sie. »Die Ambition, die wir in der Arktis hatten, brauchen wir jetzt in der Antarktis.« Untersucht werden müsse unter anderem das Schicksal des antarktischen Meereises. Dessen Ausdehnung bleib in den vergangenen beiden Jahren deutlich unter dem Durchschnitt. »Niemand weiß, ob wir das schon den Beginn des Kippens sehen«, so Boetius.

Synchron sollten alle Bereiche des Südpolarmeers untersucht werden, auch in Bezug auf seine Funktion als Wärmespeicher, auf die Wale, auf Krill und andere Themen. Ob sich die 1982 gebaute »Polarstern« noch an dem vorgeschlagenen Großprojekt beteiligen können wird, steht auf einem anderen Blatt. Sie sollte sie nach nunmehr 40 Dienstjahren eigentlich schon längst gegen einen moderneren Nachfolger ausgetauscht sein. Eine europaweite Ausschreibung dazu wurde aber 2020 gestoppt. Ein neues Verfahren für den Bau der »Polarstern II« könnte aber bald starten, so Boetius: »Es ist alles vorbereitet.«

chs

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