Emotionen Ich fühle, also bin ich

Lange Zeit galt der Verstand als höchste Errungenschaft des Menschen, Gefühle dagegen wurden als dumm und unzuverlässig abgetan. Mittlerweile wissen Hirnforscher, dass Emotionen ihre eigene Intelligenz haben – und überlebenswichtig sind.
Von Bas Kast

Elliot Smith war ein erfolgreicher Geschäftsmann, als sich eines Tages sein Leben unwiderruflich änderte. Es begann mit Kopfschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten, die immer schlimmer wurden. Bei der Arbeit machte er Fehler: Seine Kollegen mussten ihn korrigieren oder ihm die Arbeit ganz abnehmen. Smith ging zum Arzt. Dort stellte sich heraus, dass in seinem Kopf, direkt hinter der Stirn, ein Tumor wuchs. Das Geschwür hatte die Größe einer Mandarine. Chirurgen schnitten den Tumor heraus sowie einen Teil des Stirnlappens, des vorderen Teils der Großhirnrinde.

Anfangs schien es, als sei die OP ein Erfolg. Bald jedoch zeigte sich, dass Smith nicht mehr der Alte war. Das begann schon am Morgen: Er kam nicht mehr aus dem Bett, man musste ihn regelrecht dazu drängen. Bei der Arbeit war er völlig verloren. Nahm er sich vor, seinen Schreibtisch aufzuräumen, konnte er stundenlang darüber grübeln, nach welchem Prinzip er seine Papiere sortieren sollte. Irgendwann schließlich fing er damit an – nur um sich kurz darauf in eines der Dokumente zu vertiefen und dabei ganz das Aufräumen zu vergessen. Schließlich wurde ihm gekündigt.

Daraufhin tat sich Smith mit einem dubiosen Partner zusammen – und endete im Bankrott. Seine Ehe ging in die Brüche. Am Ende irrte er ratlos durchs Leben und landete schließlich in der Obhut seiner Geschwister.

Zu jener Zeit lernte der portugiesisch-amerikanische Neurologe Antonio R. Damasio den Patienten kennen. Elliot Smith hatte keinerlei Gedächtnisprobleme, stellte der Arzt fest, und seine Intelligenz lag im oberen Bereich. Erst nach vielen Gesprächen und Untersuchungen wurde dem Neurologen klar, dass es Smith nicht an Intelligenz oder Wissen mangelte, sondern an etwas anderem, und dass dies die Ursache für sein unvernünftiges Verhalten sein könnte: Dem Mann fehlte es an Gefühl.

Von Beginn an war Damasio das kühle Verhalten Smiths aufgefallen: "In den vielen Stunden erlebte ich bei ihm nie einen Anflug von Emotion: keine Traurigkeit, keine Ungeduld, keinen Überdruss angesichts meiner endlosen Fragerei." Selbst von seinem eigenen Schicksal erzählte Smith, als sei es eine Nachricht aus der Zeitung.

Ein Test brachte das ganze Ausmaß seiner Gefühllosigkeit ans Tageslicht. Als man Smith Bilder von brennenden Häusern und ertrinkenden Menschen vorlegte, blieb er vollkommen regungslos. Offenbar waren mit der Operation Hirnareale zerstört worden, die für die emotionale Wahrnehmung und Bewertung wichtig sind.

Gefühle haben in der abendländischen Kultur nicht den besten Ruf. Die Missachtung lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Von Platon über Aristoteles bis hin zu den Aufklärern galt die Vernunft als überlegene Instanz – die Gefühle wurden dagegen als eher primitiv, dumm, tierisch, unzuverlässig und gefährlich abgetan. Aristoteles definierte den Menschen als animal rationale. Und das Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz urteilte noch Jahrhunderte später, durch Gefühle würden wir "verdunkelt und unvollkommen".

Diese Einschätzung der Gefühle hat in den vergangenen 20 Jahren einen radikalen Wandel erfahren. Neurologen kommen mittlerweile zu dem Schluss, dass Gefühle nicht etwa dumm und primitiv sind, sondern ihre eigene Form von Intelligenz besitzen.

Gefühle machen uns auch nicht zu unvollkommenen Wesen, sondern umgekehrt – unvollkommen wären wir ohne sie. Kurz: Ohne Emotionen wäre der Mensch kein Mensch.

Unsere Emotionen, darauf deutet schon Smiths Fallgeschichte hin, sind wie ein Kompass. Sie zeigen uns, in welche Richtung wir handeln sollen. Sie lassen uns spüren, was gut und was schlecht für uns ist, und lenken uns so durchs Leben.

Es hat zahlreiche Versuche gegeben, Gefühle in ein Schema von "Grundgefühlen" zu ordnen – einig sind sich die Forscher darüber aber bis heute nicht. Ein Pionier auf diesem Gebiet, der US-Psychologe Paul Ekman, geht von 15 "Basisemotionen" aus; zu ihnen gehörten unter anderem Angst, Verachtung, Ekel, Freude, Ärger, Zufriedenheit, Verlegenheit, Aufgeregtheit, Schuldgefühl, Erleichterung, Trauer, Scham.

Diese Grundgefühle, sagt Ekman, seien uns angeboren. Alle Menschen hätten sie, wie er aus interkulturellen Vergleichen schließt. Und sie seien durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet: einen typischen Gesichtsausdruck oder spezifischen Körperzustand.

Jedes Gefühl wird von unterschiedlichen, genetisch festgelegten Schaltkreisen des Gehirns gesteuert


Der amerikanische Neurobiologe Jaak Panksepp dagegen nimmt das Gehirn als Basis für eine Einteilung der Emotionen. Sein Ansatz: Jedes Gefühl wird von unterschiedlichen, genetisch festgelegten Schaltkreisen des Gehirns gesteuert. Panksepp kommt so zu einem anderen Schema als Ekman und spricht von sechs "basalen emotionalen Systemen": Wollust/Sexualität, Panik/Trennung, Fürsorge/Pflege, Streben/Erwartung, Wut/Ärger und Spiel/Freude.

Obwohl sich die Forscher also über die Frage nach den "Grundgefühlen" streiten, sind sie sich in einem einig: Emotionen sichern unser Überleben.

Denn anders hätten unsere Ahnen in Afrikas Savanne wohl kaum überlebt. Das gilt besonders für so unangenehme Gefühle wie Angst, Ekel oder Schmerzen. Angst macht uns wachsam gegenüber Gefahren; Ekel mahnt zu Hygiene und warnt vor verdorbener, sprich: giftiger Nahrung; Schmerzen veranlassen uns, Verletzungen zu versorgen oder sie von vornherein zu vermeiden.

Diese schützende, ja lebensrettende Funktion der Gefühle wird uns oft erst dann bewusst, wenn sie plötzlich nicht mehr vorhanden sind.

So traf der Neurologe Damasio auf eine Patientin, die weder Furcht noch Ärger zu fühlen scheint. Aufgrund einer seltenen Erbkrankheit sind bei Barbara Miller die beiden Mandelkerne ihres Gehirns verkalkt. Die Mandelkerne sind sogenannte Kerngebiete tief im Inneren des Gehirns und Teil eines neuronalen "Angstnetzwerks".

Da die "Angstzentrale" im Kopf Barbara Millers nicht funktioniert, ist sie immer fröhlich und entgegenkommend. Auch von Fremden lässt sie sich bereitwillig umarmen und brennt förmlich darauf, mit jedem zu plaudern. Diese Offenheit ist für sie nicht immer von Vorteil – häufig wird sie von ihren Mitmenschen ausgenutzt.

Die gesunde Portion Argwohn also, die uns davor bewahrt, jedem blind zu vertrauen, ist bei Miller verloren gegangen. Es ist der Preis ihrer Furchtlosigkeit.

Viele Gefühle begleiten uns auf diese Weise durch den Alltag. Ekel zum Beispiel. Der US-Hirnforscher Ralph Adolfs hat die Fallgeschichte eines Patienten beschrieben, bei dem seit einer durch Herpes-Viren hervorgerufenen Hirnentzündung die Insula beschädigt und damit jedes Gefühl von Ekel wie ausgelöscht ist. John Taylor trinkt verdorbene Milch, die bereits aus Klumpen besteht, und findet sie "herrlich". Ein Teil seines natürlichen Alarmsystems ist defekt. Die gefährliche Folge: Bei jedem Griff in den Kühlschrank riskiert der Mann eine Lebensmittelvergiftung.

Dass Gefühle eine lebenswichtige Funktion erfüllen, daran besteht längst kein Zweifel mehr – doch wie, das ist nach wie vor rätselhaft. Um das Geheimnis zu lösen, versuchen Hirnforscher jene Schaltkreise im Kopf ausfindig zu machen, die unsere Gefühle steuern.

Dabei ist eines schnell klar geworden: Es gibt kein Gefühlszentrum – vielmehr werden unsere Emotionen durch die Aktivität weit verzweigter Nervenzellen-Netze hervorgerufen. Besonders gut untersucht ist die Hirnanatomie der Angst.

So entdeckte der US-Hirnforscher Joseph E. LeDoux, dass es zwei "Angstrouten" im Kopf gibt. Die eine Route ist schnell, aber ungenau. Sie führt über den Thalamus direkt zum Mandelkern und läuft weitgehend unbewusst ab. Sehen wir bei einem Waldspaziergang eine schlangenartige Struktur auf dem Weg vor uns, schrecken wir blitzschnell zurück. Was ist passiert?

Die visuelle Information ist von den Augen über den Thalamus im Mandelkern gelandet. Der hat daraufhin die Ausschüttung von Stresshormonen wie etwa Adrenalin veranlasst, die wiederum die Kräfte des Körpers mobilisieren: Herzschlag und Atemfrequenz schießen in die Höhe, wir sind in Alarmbereitschaft.

Gleichzeitig schickt der Thalamus über eine zweite Route die visuelle Information der Augen zur Sehrinde, die das Bild genauer und bewusst analysiert – was länger dauert. Kommt die Großhirnrinde zu dem Schluss, dass es sich tatsächlich um eine Schlange handelt, bestätigt sie es dem Mandelkern, und die Angstreaktion hält an, bis die Gefahr gebannt ist. Es kann aber auch sein, dass die Großhirnrinde feststellt, dass es sich bei der schlangenartigen Struktur um einen Stock handelt. Ist das der Fall, benachrichtigt sie den Mandelkern, den Alarm einzustellen – und wir beruhigen uns wieder.

Wer von seiner Gefühlswelt abgeschnitten ist, ist vom Leben abgeschnitten


Mit anderen Worten: Wir erschrecken zwar manchmal ohne Grund. Aber für unser Überleben ist es vorteilhafter, hin und wieder eine Schlange zu viel zu sehen, als eine zu übersehen. Die zwei Angstrouten stellen sicher, dass wir schnell und präzise auf Gefahren reagieren.

Das Schlangenbeispiel offenbart zugleich, was Emotionen sind und wie sie "funktionieren". Gefühle sind eine Art Modus, sie versetzen unser Gehirn und den Rest des Körpers in einen Zustand, der, aus Sicht unserer Entwicklungsgeschichte, am besten dazu geeignet ist, mit der jeweiligen Situation fertig zu werden.

So kann uns die Bedrohung durch eine Schlange auf Anhieb in einen "Angstmodus" versetzen: Die Aufmerksamkeit fokussiert sich schlagartig auf die Gefahrenquelle. Der Körper ist bereit zur Flucht – oder zum Kampf. Erst wenn wir außer Gefahr sind, kehren Körper und Geist in ihren "Normalzustand" zurück.

Ein anderer Modus, den jeder kennt und der vom Normalzustand abweicht, ist die Liebe. In gewisser Weise gleicht sie hirnphysiologisch einem Negativ der Angst. So hat man Verliebte im Kernspintomografen untersucht und festgestellt: Wenn sie das Bild ihres Partners vor Augen haben, erlischt die Aktivität des Mandelkerns. Der Botenstoff Dopamin, den man unter anderem mit guten Gefühlen in Verbindung bringt, wird vermehrt ausgeschüttet. Insgesamt nimmt das Gehirn einen Aktivitätszustand an, der sich auch beobachten lässt, wenn jemand Kokain geschnupft hat.

Auf diese Weise wird jedes Gefühl mit einer spezifischen Hirnaktivität und Hormonausschüttung kombiniert; dies aber läuft so komplex ab, dass es Forschern noch unmöglich ist, ein bestimmtes Gefühl ausschließlich einem bestimmten Hirnareal wie etwa dem Mandelkern zuzuordnen – oder gar einem einzigen Hormon wie dem Adrenalin. Hormone sind keine Solokünstler, sie arbeiten im Konzert, und das Gleiche trifft auf die diversen Hirnstrukturen zu.

Der Mandelkern beispielsweise wird nicht nur bei Angst aktiviert, sondern auch bei vielen anderen Emotionen, etwa bei Aggression. Umgekehrt sind, wenn wir uns fürchten, zahlreiche weitere Hirnareale erregt.

Es sind somit auch eher Ausnahmefälle, in denen sich systematische Zusammenhänge zwischen Hormonkonzentrationen, Gefühl und Verhalten feststellen lassen. Ein Beispiel dafür ist das männliche Sexualhormon Testosteron. Je mehr davon im Blut zirkuliert, desto ausgeprägter sind sexuelle Lust und Aggressionsbereitschaft. Bei einer Studie an 4462 Veteranen der US-Streitkräfte etwa ergab sich, dass Männer mit einem erhöhten Testosteronspiegel mehr mit ihren Ehefrauen stritten, sie häufiger schlugen und öfter fremdgingen.

Gefühlseigenschaften wie Aggressivität oder Fröhlichkeit gehören zum Kern unserer Persönlichkeit. Wir sind nicht nur, was wir denken, sondern ganz entscheidend auch, was und wie wir fühlen. Jeder von uns hat seinen eigenen "affektiven Stil", wie es der US-Psychologe Richard Davidson nennt – und das spiegelt sich im Hirn wider.

So verglich Davidson die Hirnstrombilder (Elektroenzephalogramme) von Menschen, die sich als Frohnaturen sehen, mit denen solcher Probanden, die sich eher als Miesepeter beschreiben. Es zeigte sich: Bei den positiv Gestimmten ist der linke Stirnlappen stärker aktiv als der rechte, bei den Nörglern dagegen weist der rechte Stirnlappen eine erhöhte Grunderregung auf. (Jede Hirnhälfte hat ihren Schwerpunkt. Eine bestimmte Funktion ist jedoch selten auf eine Hemisphäre beschränkt. Meist sind beide Hirnhälften aktiv, allerdings nicht im gleichen Ausmaß. Vielmehr ergänzen sie sich gegenseitig. So werden beim Hören von Musik Töne in beiden Hirnhälften gleichzeitig verarbeitet und zusammengeführt. Dabei wertet die linke Hemisphäre eher einzelne Tonelemente aus, die rechte befasst sich mehr mit der Melodie.)

Gute Stimmung links, schlechte rechts – diesen Zusammenhang konnte Davidson bereits bei Babys beobachten: Kleinkinder, deren rechte Hirnhälfte dominanter war, weinten zum Beispiel mehr, wenn sie von ihren Müttern getrennt wurden. Es ist, als sei ein gewisser emotionaler Charakter schon in der Wiege angelegt.

Der Mensch ist eben nicht nur ein animal rationale, sondern auch ein animal emotionale – wie das mysteriöse Cotard-Syndrom nahelegt.

Menschen, die darunter leiden, sind davon überzeugt, sie seien tot. Sie wundern sich zuweilen, dass sie noch nicht begraben sind. Der Auslöser dieses Syndroms ist weitgehend ungeklärt, doch wird spekuliert, dass bei den Patienten die Sinneswahrnehmungen von der emotionalen Bewertung im Gehirn abgekoppelt sind.

Die Folge: Nichts in der Welt, kein Ereignis, keine Berührung, keine Musik, hat für sie noch irgendeine emotionale Bedeutung. Diese Menschen erleben nichts mehr, sie registrieren nur noch.

Psychiatern gelten die Überzeugungen der Cotard Patienten, sie seien tot, als Wahnvorstellung. Doch für die Betroffenen selbst ist der Wahn bittere Wirklichkeit: Wer von seiner Gefühlswelt abgeschnitten ist, so deren Erkenntnis, der ist vom Leben abgeschnitten.

Im Umkehrschluss aber hieße das: Ich fühle, also bin ich.


Bas Kast, 35, ist Journalist in Berlin.

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