Emotionsstörungen Wenn Männer keine Gefühle haben

Sie kennen keine Freude, empfinden keine Trauer und werden selten wütend. Dies Phänomen beschäftigt Therapeuten immer häufiger. Nach neuesten Schätzungen leidet jeder Siebte an Gefühlskälte.
Von Sylvie Berthoz

"Wie soll ich das beschreiben? Es fühlte sich an, als hätte ich einen Stein im Magen. Meine Kehle war wie zugeschnürt ... und der Kopf tat weh", erklärt Peter, als er sich an eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Vater erinnert. "Denken Sie, dass er Sie absichtlich verletzen wollte? Sind Sie vielleicht wütend auf ihn?", fragt ihn die Therapeutin. Der junge Mann runzelt die Stirn: "Ich weiß nicht. Was genau verstehen Sie unter wütend?"

Seit einigen Wochen ist Peter in psychologischer Behandlung. Er muss etwas lernen, was für andere Menschen selbstverständlich ist: zu wissen, was man fühlt. Als Peter vom frühen Tod seiner Mutter erzählt, kommen ihm Worte wie "traurig" nicht über die Lippen. Dabei lassen ihn aufregende Situationen keineswegs kalt: Wenn er bei einer Präsentation vor Kollegen den Faden verliert, zeigt Peter alle Anzeichen von Verlegenheit - er errötet, stottert, schwitzt. Doch fragt man ihn, was er dabei spürt, kann er es nicht erklären. Es gelingt ihm einfach nicht, seine Emotionen in Worte zu fassen.

Nach neuesten Schätzungen erfüllt bald jeder Siebte die Kriterien einer derartigen Störung - der "Alexithymie". Überdurchschnittlich oft sind Männer betroffen. Sie gelten als verkopft, verschlossen oder abgebrüht; allenfalls ihre Freunde vermuten noch einen "weichen Kern unter der harten Schale". Gleichzeitig fürchten viele Betroffene nahezu krankhaft um ihre Gesundheit: Wenn ihr Herz plötzlich wild klopft und der Magen schmerzt, fragen sie sich verstört, was mit ihnen nicht stimmt. Kein Wunder: Sie können die Ursache solcher körperlichen Reaktionen - das zugehörige Gefühl - nicht ausmachen.

Tränen statt Worte

Peter dagegen leidet am stärksten unter seinen getrübten Beziehungen zu anderen Menschen. Ihm graut vor gesellschaftlichen Ereignissen und es fällt ihm schwer, Freundschaften aufzubauen. Sobald sich das Gespräch um Zuneigung, Eifersucht oder Misstrauen dreht, bleibt er ratlos außen vor. Bahnt sich in der Familie ein Streit an, wechselt er lieber das Thema oder zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück. Nur manchmal - wenn die innere Spannung unerträglich wird - bricht Peter in Tränen aus oder bekommt einen Wutanfall! Meist wird seinen Mitmenschen erst in diesem Moment klar, dass sich in ihm etwas zusammengebraut haben muss.

Hirnforscher beschäftigen sich erst seit einigen Jahren mit diesem Phänomen: Unsere Emotionen entstehen tief im Gehirn, im limbischen System. Um bewusst als Gefühle wahrgenommen zu werden, muss der Frontalcortex (Stirnhirn) die von dort ausgesandten Informationen jedoch erst analysieren. Eine Arbeitsgruppe vom Institut Mutualiste Montsouris in Paris hat Hinweise dafür entdeckt, dass bei alexithymen Menschen diese beiden Hirnbereiche nur unzureichend miteinander kommunizieren. Vermutlich können die Betroffenen deshalb die körperlichen Empfindungen nicht mit den entsprechenden mentalen Zuständen verknüpfen.

Die Ursache für die Alexithymie liegt wahrscheinlich in der frühesten Kindheit verborgen. Auch ein Baby assoziiert seine Emotionen noch nicht mit Konzepten wie Angst oder Freude: Zunächst einmal nimmt es diese nur körperlich wahr - etwa wenn sich ihm vor Angst die Kehle zuschnürt oder ihm Tränen in die Augen treten. Erst später lernt das Kind, seine Körperreaktionen in größere Zusammenhänge einzuordnen, und erkennt, dass andere Menschen Ähnliches erfahren: Es wächst heran zu einem sozialen und selbstbewussten Wesen.

Gefühlen einen Namen geben

In dieser Entwicklungsphase spielen die Bezugspersonen die entscheidende Rolle. Die Mutter fragt "Freust du dich?", tröstet "Nicht traurig sein ..." oder schimpft vielleicht "Sei nicht so zornig!". So gibt sie den Emotionen einen Namen, und das Kind kann sie später leichter bei sich selbst identifizieren und anderen mitteilen. Dabei wandert die Information in seinem Gehirn vom Ursprung der Emotionen - dem limbischen System - in Bereiche des Frontalcortex, die für Kategorisierung, Überlegung und Sprache zuständig sind.

Für Maurice Corcos, Psychiater am Institut Mutualiste Montsouris in Paris, ist der frühe Austausch zwischen Mutter und Kind ausschlaggebend für das Erstellen einer Art "Gefühlsdatenbank". Hier wird jede Empfindung mit einer entsprechenden Gefühlsbeschreibung hinterlegt. Leiden die Eltern jedoch selbst an Alexithymie, an Depressionen oder einer labilen Persönlichkeit, besteht die Gefahr, dass sie ihrem Kind zu spärliche Erklärungen für seine Emotionen liefern. Später mangelt es ihm dann an den notwendigen Vokabeln, um Gefühle für sich und andere zu benennen. Selbst als Erwachsene müssen sich Betroffene noch wie Kleinkinder ganz an ihre Körperempfindungen halten - unfähig, diese mental zu verarbeiten und zu artikulieren.

Alexithymie-Patienten beschreiben ihr Elternhaus oft so, als hätten Gefühle darin nur eine geringe Rolle gespielt. Zudem haben Befragungen ergeben, dass sie in der Kindheit signifikant häufiger eine "unsichere Bindung" zu ihrer Mutter hatten als andere Menschen. Dieser Terminus stammt aus der Bindungstheorie des Londoner Psychoanalytikers John Bowlby (1907-1990).

Schon bei einjährigen Kindern lassen sich Unterschiede in der Beziehung zur Mutter entdecken: Bei einer sicheren Bindung reagiert das Kleine traurig, wenn seine Mutter den Raum verlässt, bleibt aber zunächst ruhig, so als wüsste es, dass sie bald zurückkommen wird. Ein unsicher gebundenes Kind dagegen zeigt oft kaum Trennungsschmerz und begrüßt die zurückkehrende Mutter nur beiläufig (vermeidend-unsicherer Typ). Oder aber es antwortet auf das Alleingelassenwerden mit heftigem Protest, verhält sich jedoch bei der Rückkehr der Mutter widersprüchlich - sucht Kontakt und wendet sich im nächsten Moment wieder ab (unsicher-ambivalenter Typ).

Gefühlsblinde unterm Tomografen: Was der Hirnscan verrät

In den vergangenen Jahren hat die Pariser Arbeitsgruppe die Besonderheiten der Emotionsverarbeitung im Gehirn alexithymer Menschen mit der funktionellen Magnetresonanztomografie untersucht. Um genügend Betroffene ausfindig zu machen, mussten über 400 männliche Studenten einen speziellen Fragebogen ausfüllen. Auf der Basis der Ergebnisse wählten die Forscher 16 Probanden aus - 8 Kontrollpersonen sowie 8 Teilnehmer, welche die Kriterien einer Alexithymie erfüllten.

Im Tomografen bekam jede Versuchsperson dann nacheinander verschiedene Fotos präsentiert: neutrale Bilder, schöne Landschaften, erotische Szenen, lächelnde Babys, aber auch weinende Kinder, Unfälle oder gefährliche Tiere wie zum Beispiel Schlangen.

Die beobachtete Hirnaktivität offenbarte tatsächlich einen deutlichen Unterschied zwischen den beiden Versuchsgruppen: Beim Betrachten der positiv besetzten Bilder arbeitete bei alexithymen Personen eine bestimmte Hirnregion wesentlich intensiver als bei Gesunden: der vordere Gyrus cinguli (cinguläre Cortex) - eine Großhirnwindung, die zum limbischen System gerechnet wird. Umgekehrt blieb dieser Hirnbereich angesichts negativer Fotos bei Alexithymen ungewöhnlich ruhig.

Emotionales Schubladendenken

Der vordere Gyrus cinguli steht sowohl mit den anderen Bestandteilen des limbischen Systems in Verbindung als auch mit eben jenen Arealen im Frontalcortex, welche die Emotionen analysieren. Es scheint tatsächlich so, als würde seine Aktivität bei unseren alexithymen Patienten anders reguliert: Er reagierte auf emotionale Reize entweder zu schwach oder überschießend.

Doch wie kommt es zu dieser Fehlfunktion? Beim Kleinkind existiert im Gehirn noch ein Überschuss an Synapsen - den Kontakten, die den Informationsaustausch zwischen Nervenzellen ermöglichen. Wenn wir in jungen Jahren lernen, emotionale "Schubladen" anzulegen, also Körperempfindungen mit bestimmten Begriffen und Konzepten zu assoziieren, verstärken sich die entsprechenden Synapsen im Gyrus cinguli. Die unbenutzten Verknüpfungen werden dagegen nach und nach eliminiert. Am Ende bleiben nur jene übrig, die immer wieder durch die Assoziation einer Emotion mit ihrer verbalen Beschreibung - etwa "Ich bin wütend" - aktiviert wurden.

Alle bisherigen Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Gyrus cinguli als Brücke zwischen limbischem System und Frontalcortex dem Bewusstwerden von Emotionen dient. Wird seine Aktivität nicht richtig moduliert, hat das Konsequenzen, und zwar nicht nur für das soziale Miteinander. Psychiater vermuten, dass einige psychosomatische Beschwerden auch von der Unfähigkeit herrühren, die eigenen Emotionen in Worte zu fassen, um sie mental verarbeiten zu können.

Therapieansatz: Gefühle spielen

Außerdem macht eine Alexithymie möglicherweise auch anfälliger für Drogen. Unter Süchtigen finden sich prozentual gesehen mehr alexithyme Personen als in der Gesamtbevölkerung. Einige Drogen wie Kokain rufen intensive Gefühle hervor - vermutlich verstärken sie die Kommunikation zwischen limbischem System und Frontalcortex so extrem, dass selbst alexithyme Menschen emotionale Fülle empfinden.

Wie kann alexithymen Patienten geholfen werden? Klassische Psychotherapien bleiben oft erfolglos, weil sie auf einen verbalen Austausch über Gedanken und Gefühle abzielen. Da der Betroffene seine eigenen affektiven Zustände selbst nicht versteht, fehlt der therapeutischen Beziehung dann in der Regel die emotionale Tiefe. Lange Zeit galt die Alexithymie daher als nicht behandelbar: Die Therapiestunden schienen an den Patienten einfach abzuperlen.

Heute zählen verschiedene Formen der Gruppentherapie zu den wirkungsvollsten Methoden. Zum Beispiel kann der Patient üben, eine Emotion mit Gesten theatralisch darzustellen. Dabei stützt er sich zu Beginn auf einige augenfällige Merkmale: Bei Ärger etwa kontrahieren die Gesichtsmuskeln und die Hände ballen sich zu Fäusten. So lassen sich mit der Zeit immer mehr Empfindungen an entsprechende Gesten koppeln.

Oft lohnt sich auch die Zusammenstellung von "gemischten" Gruppen, in denen gesunde Personen ihre Gefühle in typischen Situationen beschreiben. Von ihnen lernen alexithyme Menschen, was sich hinter bestimmten Kombinationen von Körperempfindungen verbirgt. Auch das Verknüpfen von Empfindungen mit Farben oder Landschaften hilft den Betroffenen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Von Weinliebhabern lernen

Die Erforschung der Alexithymie hat gezeigt, dass ein bewusstes Erleben von Gefühlen im frühen Alter erlernt werden muss. Wie stark die Sprache unser Empfindungsvermögen beeinflusst, mag das Beispiel eines Weinkenners illustrieren: Einem Laien erscheinen die verwendeten Ausdrücke zur Beschreibung eines edlen Tropfens zunächst sinnlos; doch nimmt man sich einmal die Zeit, ein Wort oder ein geistiges Bild mit den verschiedenen Eigenschaften eines Weines zu verbinden, lassen sich allmählich immer mehr Feinheiten entdecken.

Eine vergleichbare Leistung erbringt ein Kind, wenn es lernt, seine eigenen vielfältigen emotionalen Zustände zu erkennen. Diesen Lernprozess muss ein alexithymer Patient in der Therapie nachholen. Ein langwieriges, jedoch lohnendes Projekt. Denn nach und nach erweitert sich das Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten, mit denen er seine Empfindungen mitteilen kann - und damit wächst sein persönlicher Reichtum an bewusst erlebten Gefühlen.

Sylvie Berthoz ist Psychologin und promovierte Neurowissenschaftlerin. Sie arbeitet in der Abteilung für Psychiatrie für Jugendliche und junge Erwachsene im Institut Mutualiste Montsouris in Paris.

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