Empörung in Schottland Chinesen wollen Golf erfunden haben

Alte Gemälde und Beschreibungen aus dem Mittelalter sollen beweisen, dass die Wiege des Golfsports in China stand. Im schottischen St. Andrews Links, der selbsternannten Heimat des Golfs, ist man gar nicht amüsiert.


Sie haben das Schießpulver erfunden, den Regenschirm, das Papier und womöglich sogar die Schubkarre. Auch Porzellan wurde zuerst von Chinesen gebrannt, die Geheimnisse seiner Herstellung entdeckten die Europäer erst Hunderte Jahre später.

In China reklamiert man jetzt auch noch die Urheberschaft an einem urbritischen Zeitvertreib - dem Golfen. Das gehe nun wirklich zu weit, finden die Gralshüter des Sports im schottischen St. Andrews Links. In der "Heimat des Golfs", empört man sich über eine Ausstellung im fernen Peking, die zuvor bereits in Hongkong zu sehen war. Darin wird ein Gemälde aus der Ming-Dynastie gezeigt, auf dem Höflinge etwas tun, das dem modernen Golfspiel sehr ähnlich sieht. Dazu zeigt die Ausstellung noch hölzerne Schläger und Bälle, alle eigens für die Exposition angefertigt - nach alten Vorlagen.

Es sei bekannt, dass es viele verschiedene rudimentäre Varianten eines Stock-Ball-Spiels in der Welt gegeben habe, erklärte ein Vertreter das St. Andrews Links Trust. "Wir wissen aber, dass das Spiel Golf, wie wir es heute kennen, zuerst in St. Andrews gespielt wurde."

Zunächst war die Ausstellung "Zeitvertreib im Alten China" im Hongkonger Heritage Museum zu sehen, ihre Hauptattraktion stellte das Gemälde "Das Herbst-Bankett" dar. Auf der Rolle aus der Ming-Dynastie schwingen Mitglieder des Hofes die Schläger. Ein kleiner Ball ist ebenso zu erkennen wie Löcher auf grünem Grund.

Chinesisches Golf 100 oder gar 500 Jahre älter?

Das Spiel, das die Höflinge spielen, heißt Chuiwan, wörtlich übersetzt: Ball-Schlagen. Die Darstellung soll aus dem 14. Jahrhundert stammen. In Schottland wurde das Golfspiel erstmals im 15. Jahrhundert schriftlich erwähnt: 1457, als es vom Parlament unter König James II. verboten wurde.

Doch zum Ärger der Schotten gibt es offenbar noch ältere Zeugnisse chinesischer Golfleidenschaft: Auf einem Wandgemälde aus der Yuan-Dynastie (1271 bis 1368) werden ebenfalls Schläger geschwungen. Auch eine Chuiwan-Spielanleitung, angeblich aus dem Jahr 1282, wird in der Ausstellung gezeigt. Es dürfte sich dabei um die älteste bekannte Anleitung eines Golf-ähnlichen Spiels handeln.

"Dank dieser Dokumente können wir sagen, dass Chuiwan und Golf sich sehr ähneln", sagte Tom K. C. Ming der Zeitung "International Herald Tribune". Ming war Chefkurator der Ausstellung in Hongkong.

Ling Hongling, ein pensionierter Professor der Universität Lanzhou, glaubt sogar, dass die chinesische Golfvariante 500 Jahre älter ist als die schottische. Er verweist unter anderem auf ein Lied aus dem 10. Jahrhundert, in dem von Löchern die Rede ist, die man graben müsse, um Bälle hineinzubefördern.

Nach Lings Meinung haben Chinesen nicht nur den Golfsport erfunden, sondern ihn auch noch nach Europa gebracht. Ein Buch aus dem 13. Jahrhundert, das die Mongolen mitbrachten, soll das Spiel im Westen bekannt gemacht haben.

Die Neigung einiger chinesischer Historiker, kulturelle und technologische Leistungen nachträglich für das Reich der Mitte zu reklamieren, ist jedoch kein gänzlich unbekanntes Phänomen. Unter anderem die Entdeckung Amerikas, die Erfindung des Buchdrucks mit bewegten Lettern und die Bierbraukunst wurden bereits als chinesische Leistungen beansprucht.

So überzeugen in Schottland die Indizien einer ostasiatischen Golf-Erfindung niemanden so recht. Die Abgrenzungen gegenüber dem ostasiatischen Zeitvertreib zeichnen sich - vielleicht vorsichtshalber - durch begriffliche Spitzfindigkeit aus. Mike Woodcock vom St. Andrews Links Trust sagte: "Wir glauben, dass sich das Spiel, aus dem sich das 18-Loch-Format entwickelt hat, zuerst hier gespielt wurde."

hda



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