Endeavour-Mission Die Grenzgänge des deutschen Astronauten Thiele

230 Kilometer über der Erde macht sich der deutsche Astronaut Gerhard Thiele seine Gedanken über den Lauf der Welt. Im Dauerstress der Vermessungs-Mission des Spaceshuttle "Endeavour" entdeckt er eigene Grenzen.


Hamburg - Mit einem Tempo von 28.000 Kilometern pro Stunde schwebt Thiele mit dem Shuttle durchs All - alle 90 Minuten erlebt er einen Sonnenuntergang, innerhalb von 20 Minuten rast das Spaceshuttle von Namibia bis zum Indischen Ozean bei Australien. "Wir leben nach der Uhr, nicht nach Sonne", sagt der Deutsche während eines Funkgesprächs.

Gerhard Thiele im All
AFP

Gerhard Thiele im All

Dabei fühlt er sich - so weit entfernt - der Erde und den Menschen viel näher als sonst. "Wenn ich runterschaue, dann frage ich mich, welche Träume die Menschen da unten haben." Doch so schnell Träume zerplatzen wie Seifenblasen, so schnell ist an Bord der Endeavour die Nacht vorbei.

Gespannt ist der Hobbyphilosoph darauf, ob sich sein Weltbild durch die neue Perspektive verändert hat. "Im Moment nur so viel: Von hier oben gesehen gibt es auf der Erde keine Grenzen", so Thile. Er frage sich, woher die Grenzen kommen und woher es komme, dass es in den Köpfen so unüberwindbare Grenzen gebe.

"Es ist doch alles so einfach an Bord", erzählt der 46 Jahre alte Physiker. "Wenn ich mich ausruhen will, hänge ich mich kurz unter die Decke. Dann wissen die Kollegen, dass ich mich zurückziehen will." Er strahlt, lobt die Crew - und gibt zu, dass er so schnell eigentlich nicht zurück auf die Erde will.

Zwölf bis 14 Stunden Arbeit stünden auf dem täglichen Programm. Danach trimme er sich und ab und an schlafe er auch ein bisschen. Die Endeavour ist mit zwei Radargeräten ausgestattet, die stereo die Erde vermessen. Aus den Daten der elftägigen Mission soll eine dreidimensionale Weltkarte entstehen. Thiele überwacht und steuert die Radaranlage und wechselt die Datenträger.

Die sechsköpfige Besatzung wird neun Stunden länger als geplant dreidimensionale Radarbilder der Erde von bisher unerreichter Qualität aufnehmen, nachdem die Probleme mit dem anfänglich zu hohen Treibstoffverbrauch bewältigt wurden. Die Techniker am Boden und die Besatzung fanden zahlreiche Einsparmöglichkeiten. Unter anderem wurde die Fähre langsamer bewegt, auch die Entsorgung der Abwasser wurde auf eine energiesparende Weise umgestellt.

Ein Paket schwebt durch das Bild. Thiele nennt es Kartoffelgratin. Die Mahlzeit ist eingeschweißt in Plastikfolie. Hobbykoch Thiele beteuert immer wieder, dass die Astronautenkost "ganz akzeptabel" sei. Den Speiseplan stellte sich Thiele selbst zusammen. Zum Frühstück genehmigt er sich etwas Huhn mit Nudeln und Tortilla, am Abend Schokopudding, Butterkekse und italienisches Gemüse. "Meine Frau kann aber besser kochen."

Kochen, Schlafen, Radarüberwachen - das ist alles Routine. Die Schwerelosigkeit habe ihn jedoch oft überrascht, erzählt Thiele. "Ich schwebe hier herum und denke, ich bin im Kino. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich realisiert habe, dass sich mein Jugendtraum erfüllt hat."

Der Vater von vier Kindern wäre gerne an seine Grenzen gegangen. Ein "Weltraumspaziergang" blieb ihm jedoch versagt. Und dies gerade deshalb, weil die Mission nach ersten Anfangsschwierigkeiten fast perfekt läuft. Den Schritt ins All hatte er immer wieder geübt. "Das muss ich wohl jetzt auf einem der nächsten Flüge nachholen."

Andreas Krosta



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