Energien der Zukunft Plan B für die Rettung der Welt

Kalte Kernfusion, fliegende Windkraftwerke, Solar-Satelliten: Forscher setzen auf teils futuristische Technologien, um die modernen Lebensstil in die Zukunft zu retten. Denn Energie effizienter zu erzeugen und den Verbrauch zu senken könnte allein nicht ausreichen.

Von W. Wayt Gibbs


Die Welt steht an einem Scheideweg. Lässt sich die globale Erwärmung nicht stoppen, wird das komfortable Leben in den Industrieländern so nicht mehr möglich sein, Schwellenländer und Staaten der Dritten Welt werden diese Entwicklungsstufe gar nicht erst erreichen.

Windkraftwerk: Alternative Energien sollen einen Ausweg aus der Treibhausfalle bieten
AP / General Electric

Windkraftwerk: Alternative Energien sollen einen Ausweg aus der Treibhausfalle bieten

Um dem entgegenzuwirken, muss die Menschheit einen wahren Marathon an technologischen Veränderungen bewältigen. Robert H. Socolow and Stephen W. Pacala von der Universität Princeton haben dieses Kunststück mit einem generationenübergreifenden Staffellauf verglichen. Allein die erste Etappe dauert bereits fünfzig Jahre und hat dabei doch ein bescheiden klingendes Ziel: die globalen Kohlendioxidemissionen endlich zu zügeln und zunächst auf dem jetzigen Stand zu halten. Dazu sollten die Technologien ausreichen, die wir heute schon zur Verfügung haben, und zwar ohne die Weltwirtschaft zu gefährden.

Doch die Umsetzung dieses Plans ist alles andere als narrensicher. Der Erfolg hängt davon ab, dass Maßnahmen sofort in Gang kommen, um der Atmosphäre in sieben "Reduktionskeilen" - Treibhausgas im Äquivalent von jeweils 25 Milliarden Tonnen verbrannten Kohlenstoffs - zu ersparen. Nicht nur kann jede Verzögerung den gesamten Prozess aus der Bahn werfen, einige Wissenschaftler glauben auch, dass bis zu 18 solcher Einheiten notwendig wären, um die Treibhausgasemissionen bis 2056 zu stabilisieren.

Denn Socolows und Pacalas Standardmodell beruht unter anderem auf der Annahme, dass selbst bei einem "Weiter wie bisher" der Anteil erneuerbarer Energien deutlich steigen, der Energieverbrauch dank wachsender Effizienz der Systeme sinken würde. Der zusätzliche Aufwand, um den absoluten Ausstoß an Kohlendioxid auf dem heutigen Wert zu stabilisieren, betrüge daher "nur" sieben Reduktionskeile. Doch das ist falsch, argumentiert Martin I. Hoffert, Physiker an der Universität New York. Denn mit steigenden Öl- und Gaspreisen greift die Energiewirtschaft in vielen Ländern wieder auf Kohle zurück. "Etwa 850 Kohlekraftwerke sind in den USA, China und Indien in Planung. Diese neuen Anlagen dürften die in Kioto für 2012 vereinbarte Treibhausgas-Reduktion um den Faktor fünf überkompensieren.

Selbst wenn die Teenager von heute die erste Etappe des Klimamarathons zu Beginn ihrer Rente erfolgreich absolviert haben, ist das Rennen noch lange nicht gewonnen. Wenn das Staffelholz in fünfzig Jahren einer neuen Generation übergeben wird, hat diese sogar den wahrscheinlich härteren Abschnitt vor sich: eine 50-prozentige Reduktion der Kohlendioxidemissionen bis 2106.

Daher benötigt die Welt einen Plan B: fundamental neue Technologien, die zusammen zehn bis dreißig Terawatt (Milliarden Megawatt) liefern, ohne eine einzige Tonne an Kohlendioxid freizusetzen. Seit den 1960er Jahren gibt es entsprechende Visionen und Projekte. "Wenn wir jetzt nicht damit beginnen, die Grundlagen für eine revolutionäre Änderung des Energiesystems zu legen", warnt Hoffert, "werden wir den Zug verpassen." Doch welche Option hat die größten Aussichten auf Realisierung?



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