Energieversorgung Wie Schweden frei vom Öl werden will

Die schwedische Regierung hat ehrgeizige Pläne: Bis 2020 soll das Land unabhängig vom Erdöl sein. Alternativen sind Holzheizungen, Kernkraft - und alkoholischer Biosprit. Doch gerade der gerät zunehmend in die Kritik: als Regenwaldkiller und Nahrungsmittelvernichter.
Von Nathalie Klüver

Schweden ist das Land der roten Häuser, an deren Wänden meterweise Heizholz lehnt. Man will es ja warm haben im Winter, denn der ist lang im Norden. Dies ist das Land, das sich das Ziel gesetzt hat, bis 2020 unabhängig zu sein vom Erdöl.

Wenn man durch Schweden reist, beginnt man zu verstehen, wie die Schweden das schaffen wollen. Das zeigt sich nicht nur an den Holzstapeln, die das Heizöl ersetzen sollen. Das beginnt an den Tankstellen, an denen man neben Benzin Bioethanol tanken kann. Ein Viertel der Tankstellen, mehr als 650, sind mit diesem Treibstoff ausgerüstet, jeden Monat kommen zehn neue dazu. Das sieht in Deutschland ganz anders aus: Rund hundert Tankstellen mit Ethanol-Zapfsäulen zählt der Bundesverband Freier Tankstellen und rechnet bis 2008 mit 150 weiteren.

Ethanol wird aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Die Idee ist nicht neu: Schon Henry Ford trieb sein T-Model mit Ethanol an, sattelte dann auf Druck der Industrie auf Benzin um. Der schwedische Autohersteller Saab setzt in Schweden mittlerweile die Hälfte aller Neuwagen mit Ethanol-Antrieb ab.

In knapp zwölf Jahren soll die Zahl der erdölabhängigen Haushalte gen Null gehen, so das erklärte Ziel, das der schwedische Reichstag vor eineinhalb Jahren formulierte. Sven Kullander ist der Vorsitzende des Energiekomitees der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften, das gemeinsam mit Wirtschaft und Wissenschaft Konzepte erarbeitet. Die Zeit renne davon, mahnt er.

Unabhängigkeit vom unberechenbaren Ölmarkt

Einer Förderung von 89 Millionen Barrel am Tag stünden fast genauso viele verbrauchte Barrel gegenüber. 1200 Milliarden Barrel Reserven gebe es noch. "Die Nachfrage nach Öl wird weiter steigen – schon allein, wenn wir nach China und Indien schauen", sagt Kullander. Schweden will sich unabhängig machen vom Ölmarkt.

Die größte Herausforderung sei das Autofahren: Mehr als die Hälfte des verbrauchten Erdöls wird in Schweden in Automotoren verbrannt. Auch wenn die Zahl der mit Ethanol betriebenen Fahrzeuge kontinuierlich ansteigt, Kullander hat Zweifel, ob der Treibstoff wirklich die Lösung ist. Nicht alle alten Autos lassen sich auf Anhieb durch neue ersetzen: "Das geht nicht von heute auf morgen."

Selbst, wenn man die Schweden dazu brächte, bis 2020 auf Ethanolfahrzeuge umzurüsten, stelle sich die Frage, ob überhaupt genügend davon produziert werden kann. Schon jetzt werde ein Großteil des Ethanols aus Brasilien importiert, wo es aus Zuckerrohr hergestellt wird. Das sei billiger als Ethanol aus Schweden. In Schweden stellt man Ethanol aus Abfällen der Holzindustrie her – doch die benötige man auch für die Papierindustrie. Die schwedische Forstverwaltung befürchtet zudem, dass eine Nutzung der schwedischen Wälder für die Ethanolproduktion zu verheerenden Schäden der Waldfauna führen könnte.

Ökotreibstoff als Regenwaldkiller

Auch Ethanol aus Brasilien ist umstritten. Da inzwischen sogar der Erdölgroßverbraucher USA immer stärkeres Interesse an PKW mit Ökoantrieb zeigt, werden in Brasilien die Anbauflächen für Zuckerrohr immer weiter vergrößert. Die Hälfte des brasilianischen Ethanols geht in die USA. Die rund 300 Fabriken kommen mit der Produktion kaum nach, in den nächsten fünf Jahren sollen hundert weitere hinzukommen. Mittlerweile fallen sogar Regenwälder den Ackerflächen zum Opfer, beklagen Naturschutzorganisationen.

Auch die Umweltbilanz von Ethanol ist umstritten. Zwar entsteht bei der Verbrennung nur so viel Kohlendioxid, wie die Pflanzen beim Wachstum aufgenommen haben, aber die Verarbeitungsprozesse, angefangen bei Düngung und Ernte, verbrauchen zusätzliche Energie – so dass eigentlich nicht mehr von einem CO2-neutralen Treibstoff die Rede sein könne, bemängeln Kritiker. Eine Studie der University of California in Berkeley ergab kürzlich, dass Ethanol im Vergleich zu Benzin immerhin 13 Prozent Treibhausgas einspart.

Auch unter ethischen Gesichtspunkten gerät der auch von der deutschen Bundesregierung subventionierte Treibstoff zunehmend in die Kritik: Der Anbau von Pflanzen für Ethanol-Gewinnung in Afrika etwa gefährde Wildtiere, klagen Tierschützer. Und die Nahrungsmittelproduktion: 830 Millionen Menschen hungern auf der Welt. Für 120 Liter Ethanol benötigt man Getreide, von dem sich ein Mensch ein Jahr lang ernähren kann.

Konflikt zwischen Autofahrern und Hungernden

Lester Brown, Präsident des Earth Institute, brachte es in einem SPIEGEL-Essay auf den Punkt: "Die Bühne ist frei für den Konflikt zwischen den 800 Millionen Autobesitzern und den weltweit zwei Milliarden Allerärmsten, die nur überleben wollen." Kanadische Forscher arbeiten zwar daran, nur die Pflanzenstängel und nicht mehr das Korn selbst zur Ethanolproduktion zu benutzen, doch noch stehen sie ganz am Anfang.

Diese Zweifel sind auch Kullander bekannt: "Wir brauchen dringend andere Lösungen für den PKW-Antrieb", sagt er. Er setze große Hoffnungen in die Brennstoffzellentechnologie. Auch in Sachen Elektroautos sei noch längst nicht alles ausgereizt. Bis 2009 will Kullander der Regierung einen Abschlussbericht vorlegen. Auch wenn nach etwas mehr als einem Jahr noch keine Zahlen vorliegen, sieht er sein Land auf einem guten Weg: 34 Prozent des Energiebedarfs werde in Schweden durch Öl gedeckt, rechnet er enthusiastisch vor, der EU-Durchschnitt liege bei 80 Prozent. Die meiste Energie zieht Schweden aus Wasser- und Kernkraft.

Letztere sollte eigentlich, laut einem Volksentscheid von 1980, abgeschafft werden. Nachdem es jahrelang keinen Fahrplan für die Stilllegung der Meiler gab, hat sich das schwedische Parlament nun darauf geeinigt, die AKW so lange laufen zu lassen, wie es ihre technische Lebenszeit zulässt. Das Energiekomitee unterstützt die Energiegewinnung aus Kernkraft: "Wenn man auf sichere Kernkraftwerke setzt, dann können sie eine wichtige Alternative zu fossilen Brennstoffen sein." Aber Autos lassen sich damit nicht antreiben.

Kullander möchte sich dem von der Regierung ausgerufenen Optimismus nicht bedingungslos anschließen: "Ich bin skeptisch, ob wir es bis 2020 schaffen." Er hält es für machbar, bis dahin nur noch ein Viertel der Energie aus Öl zu ziehen. "Ich halte einen Zeitraum bis 2030 für realistisch", sagt er. Doch selbst, wenn man in naher Zukunft Autos mit Wasserstoff oder Strom betreiben und so die ethischen Bedenken des Bioethanols umschiffen kann, ein Problem bleibe: die Flugzeuge. Denn hier zeichne sich keinerlei Alternative zum Kerosin ab.

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