Energiewende Nur die Sonne kann unsere Zukunft retten

Aus der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren hat die Politik gelernt, glaubt der Klimaforscher Mojib Latif. Aber die nächste Herausforderung steht bevor: Eine tiefgreifende Energiekrise ist nur durch Stromgewinnung aus Sonnenkraft zu verhindern.

Wir erleben im Moment eine Finanz- und Wirtschaftskrise, die sich zu der bisher größten Wirtschaftskrise der vergangenen hundert Jahre ausweiten könnte. Ich glaube, sie wird die Welt verändern wie keine vor ihr. Vordergründig hat sie mit einigen verantwortungslosen Bankmanagern zu tun. Die wahren Gründe liegen jedoch viel tiefer. Unser Wirtschaftssystem hat sich überlebt, weil es nicht nachhaltig ist. Es nimmt keine Rücksicht mehr auf die Bedürfnisse der Menschen und auf die der Umwelt. Diese Einsicht wächst und die gängigen Vorstellungen darüber, wie Wirtschaft zu funktionieren hat, werden gerade über Bord geworfen.

Wer hätte es beispielsweise noch vor einem Jahr gewagt, die Verstaatlichung von Banken zu fordern? Heute sind bereits die gesetzlichen Grundlagen dazu geschaffen.

Der Umgang mit der Wirtschaftskrise verdeutlicht, dass wir Menschen dabei sind, aus unseren Fehlern der vergangenen Jahrzehnte zu lernen. Weltweit koordiniertes Handeln ist das Gebot der Stunde und man ist sich einig, dass der Markt strenge Regeln benötigt. Das macht Hoffnung, vor allem auch im Hinblick auf die Bewältigung der globalen Umweltprobleme. Wir Menschen verbrauchen die natürlichen Ressourcen mit einer Geschwindigkeit, dass wir geradewegs auf einen Kollaps zusteuern.

Die zukünftige Entwicklung und vor allem der Wohlstand der Menschheit sind unter anderem eng mit der Verfügbarkeit bezahlbarer Energie für alle verknüpft. Die momentane Energiegewinnung ist im höchsten Maße unnachhaltig. Die fossilen Energieressourcen werden derart schnell verbraucht, dass man kein Prophet sein muss, um die nächste Krise - die Energiekrise - vorherzusehen. Und wir gefährden das Klima, wenn wir weiterhin auf die fossile Karte setzen.

Es hat lange gedauert von den ersten Warnungen des "Club of Rome" vor nunmehr fast 40 Jahren, bis zu der Einsicht, dass es Grenzen des Wachstums gibt. So wie es in der Physik das Gesetz der Energieerhaltung gibt, wonach verschiedene Reservoires zwar Energie untereinander austauschen, sich die Gesamtenergie jedoch nicht ändert, unterliegt auch die Wirtschaft einem ähnlichen Mechanismus. In der Physik führt ein zu starkes Anwachsen der Energie in einem Reservoir zu dem bekannten Phänomen der Instabilität.

Beim Wetter kennen wir dieses Phänomen nur zu gut. Die Sonne bestrahlt die Erdoberfläche ungleichmäßig. Dadurch kommt es zu einem starken Temperaturgefälle zwischen den äquatorialen und den polaren Breiten. Die daraus resultierenden Winde werden instabil, es entstehen Wirbel, die wir als Tiefdruckgebiete kennen. Die Winde wachsen nicht weiter an und die Tiefs übernehmen den notwendigen Wärmetransport. Wir möchten die Instabilität des Wirtschaftssystems vermeiden, da sie zu chaotischem und damit unberechenbarem Verhalten führt. Ein rechtzeitiges Umsteuern vermeidet die Instabilität. Beim Wetter ist dies nicht möglich, denn die Sonne entzieht sich unserem Einfluss.

Bin ich ein Phantast?

Auf die Wirtschaft können wir Einfluss nehmen. Voraussetzung ist, dass man Fehlentwicklungen frühzeitig erkennt und das Wachstum rechtzeitig in andere Sektoren lenkt. Bezogen auf das Energie- bzw. das Klimaproblem erfordert dies eine neue Art der Energiegewinnung. Die Atomenergie kann nicht die Lösung sein, da sie nicht nachhaltig ist. Es kommen daher nur die regenerativen Energien als Alternative in Frage.

Die Sonnenenergie beispielsweise steht praktisch unbegrenzt auf der Erde zur Verfügung, die Technik zu ihrer Nutzung existiert, und sie ist auch bezahlbar, wenn man den technologischen Fortschritt berücksichtigt.Wir sollten daher verstärkt in die Entwicklung neuer Netz- und Speichertechnologien investieren, um die Sonne und andere saubere Energien effektiver zu nutzen. Die Sonnenenergie bietet daneben die Möglichkeit, den Nord-Süd Konflikt zu entschärfen, der eine Gefahr für den Weltfrieden darstellt.

Regionen wie etwa Nordafrika besitzen den "Rohstoff" Sonne im Überfluss und könnten eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung nehmen. Ich glaube, dass der Durchbruch in den kommenden 20 Jahren gelingt, und wir den Einstieg in das solare Zeitalter schaffen. Wir werden darüber hinaus die anderen regenerativen Energien viel stärker nutzen als bisher. Ich bin zuversichtlich, dass die Menschheit gegen Mitte des Jahrhunderts die Hälfte der Energie regenerativ erzeugt. Man würde damit das Wirtschaftswachstum von den fossilen in Richtung der regenerativen Energien verlagern, eine weitere Instabilität vermeiden und bei der Bewältigung des Klimaproblems einen entscheidenden Schritt vorankommen. Und die Welt würde aus vielerlei Gründen sicherer.

Bin ich ein Phantast? Ich glaube nicht. Die Weltpolitik hat ihre Lektion gelernt. Der Paradigmenwechsel ist erkennbar. Die Bankenkrise und die Krise der Automobilindustrie haben verdeutlicht, dass Partikularinteressen niemals gegenüber dem Allgemeinwohl Vorrang haben können. In der heutigen Zeit ist das Allgemeinwohl allerdings global zu definieren. Der gesunde Menschenverstand kehrt in unser Denken zurück. Die Zeit der Rekordrenditen und des Marktradikalismus ist vorbei. Es wird nicht bei der Regulierung des Finanzwesens bleiben, der Energiesektor wird folgen und viele andere Bereiche.

Die Finanzkrise hat uns allen das Phänomen der Instabilität deutlich vor Augen geführt. Das Platzen von Spekulationsblasen an den Börsen ist ein Indiz für die Instabilität und zeugt von nicht nachhaltigem Wachstum. Es gilt, Instabilitäten künftig zu vermeiden. Die Menschheit ist dazu fähig. Während des Kalten Krieges standen wir am Abgrund, es bestand die Gefahr eines Dritten Weltkriegs, ja sogar einer atomaren Auseinandersetzung. Besonnenheit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hat ihn verhindert. Diese Besonnenheit sehe ich jetzt wieder.

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