Entdeckt Schlaue Krähen sind Rechtsschnäbler

Nicht nur Menschen haben eine bevorzugte Seite. Die Neukaledonische Krähe fertigt ihre Werkzeuge, mit denen sie nach Insekten stochert, am liebsten von rechts nach links.


Rechtsschnäbler: Neukaledonische Krähe mit Werkzeug
Gavin Hunt

Rechtsschnäbler: Neukaledonische Krähe mit Werkzeug

Die Vorliebe für eine bestimmte Seite - also etwa die Rechtshändigkeit - galt bislang als exklusives Merkmal von Menschen und Menschenaffen. Nun muss wohl auch die Neukaledonische Krähe in diesen illustren Kreis aufgenommen werden. Der schlaue Vogel mit dem lateinischen Namen Corvus moneduloides hat, wie neuseeländische Forscher von der University of Auckland entdeckt haben, eindeutig eine Lieblingsseite.

Die Krähen auf der Pazifik-Inselgruppe Neukaledonien sind als geschickte Werkzeugmacher bekannt. Aus den Blatträndern des Pandanus, eines palmenartigen Schraubenbaumgewächses, fertigen sie durch eine Reihe von sehr konstanten Schnitt- und Reißbewegungen abgestufte, lanzettartige Werkzeuge, mit denen sie im Regenwald nach Insekten stochern.

Wie Hunt und seine Kollegen im Fachmagazin "Nature" berichten, hatten sie auf der Hauptinsel Grande Terre insgesamt 3727 Blätter mit Bearbeitungsspuren gesammelt. Die Fundstellen lagen meistens mindestens zehn Kilometer auseinander und deckten einen 300 Kilometer langen Teil der Insel ab, so dass ein Einfluss örtlicher Faktoren auf die Technik der Krähen weitgehend ausgeschlossen werden konnte.

Bei der Untersuchung der Blätter fanden die Wissenschaftler, dass überwiegend deren linke Seite bearbeitet wurde. Dabei mussten die Tiere das Blatt meist rechts am Kopf gehalten und von rechts nach links gearbeitet haben. Diese Vorliebe machte sich sogar noch bei solchen Blättern bemerkbar, die auf Grund ihrer Drehrichtung eigentlich leichter von der anderen Seite zu bearbeiten gewesen wären.

Diese Ergebnisse deuten, so folgern die Forscher, auf eine Lateralisierung hin, also die Bevorzugung einer Körperseite. Eine solche "Händigkeit" ist außer beim Menschen bisher nur bei einigen Tätigkeiten von Gorillas beobachtet worden. Beim Menschen wird die Vorliebe für die rechte Hand auf die Entwicklung der Sprache zurückgeführt, die vorwiegend die linke Hirnhälfte beansprucht.

Die neue Erkenntnisse legen jedoch eine allgemeinere Erklärung nahe, meinen Hunt und Kollegen. Demnach entstand die Lateralisierung gleichzeitig mit der Fähigkeit des Gehirns, komplexe Handlungssequenzen ausführen zu können. Beim Menschen, so die Forscher, stellte die Sprache einen derart anspruchsvollen Vorgang dar, während bei der Krähe die komplizierten Bewegungsabläufe eine "Händigkeit" nötig machten.



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