Entdeckungen des Jahres Gendefekte zerrütten die Psyche

Egal ob Depression, Schizophrenie oder bipolare Störung - viele psychische Erkrankungen brechen erst durch genetische Defekte hervor. Langsam beginnen Mediziner zu verstehen, was die Gendefekte im Gehirn genau bewirken.


Gefährliche Kombination: Stress und fehlgeleitete Gene können Depressionen auslösen
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Gefährliche Kombination: Stress und fehlgeleitete Gene können Depressionen auslösen

Dass sich psychische Erkrankungen oftmals über mehrere Generationen vererben, haben Psychologen über viele Jahrzehnte hinweg beobachtet. Doch erst die Fortschritte der Gentechnik machten es möglich, einen direkten Zusammenhang zwischen genetischen Ungereimtheiten und psychischen Anfälligkeiten herzustellen.

Der Weg über das Erbgut hilft, das Risiko einer solchen Erkrankung besser abzuschätzen - deren Entstehung erklärt die Gentechnik indessen nicht. In diesem Jahr jedoch haben Mediziner gleich mehrere Mechanismen entdeckt, wie sich Gene auf die Informationsverarbeitung im Gehirn auswirken und somit Patienten langsam in Depression oder Schizophrenie treiben können. Das Wissenschaftsmagazin "Science" honorierte die Ergebnisse mit dem zweiten Platz in der Liste der "Durchbrüche des Jahres".

Eine zentrale Rolle spielt den neuen Erkenntnissen zufolge der Botenstoff Serotonin, der im Gehirn einen bestimmten Rezeptor aktiviert. Das dafür zuständige Gen existiert allerdings in zwei verschiedenen Ausprägungen - Genetiker sprechen von "Allelen". Eine der beiden Varianten wird gerne mit einem erhöhten Depressionsrisiko in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang zwischen Gen und Krankheit ist allerdings unklar.

Erbgut und Liebeskummer

Im Juli konnten Forscher nun zeigen, warum die genetische Neigung so unscheinbare Folgen hat: Sie ist nicht allein. Erst zusammen mit Stress, so die Erkenntnis eines internationalen Forscherteams, kann das fehlgeleitete Gen seine krankmachende Wirkung entfalten. Menschen, die das Allel im Erbgut tragen und kurz nach ihrem 20. Geburtstag mit einem Trauerfall, mit Liebeskummer oder Jobverlust zu kämpfen hatten, leiden überdurchschnittlich häufig an Depressionen.

Probanden mit dem Risiko-Gen zeigen zudem beim Betrachten schauriger Bilder deutlich mehr Aktivität in einem für die Verarbeitung von Furcht verantwortlichen Bereich des Gehirns. Anscheinend verleitet die Genvariante Menschen dazu, in der Welt eine große Bedrohung zu sehen. Dauerhafte Belastungen im alltäglichen Leben können dann schnell in Depressionen umschlagen.

Gestörte Datenverarbeitung

Ein anderes Gen, das oft mit einem erhöhten Schizophrenie-Risiko in Verbindung gebracht wird, bringt offensichtlich die Datenverarbeitung im so genannten präfrontalen Kortex durcheinander. Diese Gehirnregion ist unter anderem für die Planung und die Lösung von Problemen verantwortlich.

Auch bei bipolaren Störungen, früher als manisch-depressive Krankheit bezeichnet, konnten Forscher im Januar dieses Jahres die Rolle der Gene genauer erkunden. Offensichtlich dämpft ein bestimmtes Allel die Aktivität im Hippocampus, einer für das Kurzzeitgedächtnis und die Orientierung verantwortlichen Region im Gehirn. Dadurch kommt die Produktion neuer Nervenzellen durcheinander. Phasen voller Hochstimmung und Hyperaktivität wechseln sich ab mit tiefer Niedergeschlagenheit.

Noch sind die neuen Erkenntnisse nicht viel mehr als vereinzelte Hinweise. Doch die Mediziner hoffen, schon bald die Mechanismen besser zu verstehen, die psychischen Störungen zugrunde liegen - und auf diesem Wege irgendwann die Erkrankungen heilen zu können.

Alexander Stirn



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