Entwicklung der Atombombe Wettrennen gegen die Angst

Im Zweiten Weltkrieg glaubten die Amerikaner jahrelang, im Rennen um die erste Atombombe Kopf an Kopf mit den Deutschen zu liegen. Doch ausgerechnet in diesem Fall ließen sich die USA von der größenwahnsinnigen Rhetorik der Nazis täuschen. Ihr Irrtum ebnete den Weg zur Katastrophe von Hiroshima.

Von


"Trinity"-Atombombentest am 16. Juli 1945: "Ich bin der Tod geworden"
AFP

"Trinity"-Atombombentest am 16. Juli 1945: "Ich bin der Tod geworden"

Am 24. April 1945 sammelten die Amerikaner die kläglichen Reste des Monstrums ein, das sie zum Bau der schrecklichsten Waffe der Geschichte getrieben hatte. In der Kleinstadt Haigerloch, versteckt im Felsenkeller des Hohenzollern-Schlosses, fanden sie den Schauplatz der letzten erfolglosen Versuche deutscher Atomphysiker, eine nukleare Kettenreaktion in Gang zu setzen.

Wie in einem mittelalterlichen Verlies werkelten die deutschen Forscher um Werner Heisenberg in Haigerloch. Sein Gegenspieler Robert Oppenheimer konnte dagegen die Entwicklung der ersten Atombombe mit gewaltigen Mitteln vorantreiben: Die US-Regierung stampfte in Los Alamos eine ganze Laborstadt aus dem Boden. 125.000 Arbeitskräfte, darunter 6 aktuelle oder später geehrte Nobelpreisträger, und ein Etat von rund 20 Milliarden Dollar nach heutigem Wert standen Oppenheimer zur Verfügung.

Der Grundstein für das größte Rüstungsprojekt aller Zeiten wurde dennoch in Deutschland gelegt. Otto Hahn beschießt im Dezember 1938 Uran mit Neutronen - und entdeckt zu seiner Überraschung Barium. Den Chemiker beschleicht der Verdacht, dass Atome vielleicht doch nicht grundsätzlich unteilbar sind. Mit Hilfe der vor den Nazis geflohenen jüdischen Forscherin Liese Meitner wird Hahn klar, dass ihm die erste Kernspaltung gelungen ist.

Angst vor deutscher Superbombe

In den Wochen und Monaten darauf ist in zahlreichen Fachartikeln nachzulesen, welch ungeheure Energiemengen bei der Zertrümmerungen von Atomkernen frei werden. Schnell ist auch von einer Superbombe die Rede.

Ausgehobenes deutsches Labor in Haigerloch: Klägliche Reste eines Monstrums
National Archives

Ausgehobenes deutsches Labor in Haigerloch: Klägliche Reste eines Monstrums

Wissenschaftler, die in den Jahren nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland emigriert sind, reagieren beunruhigt und verängstigt. Insbesondere die ungarischen Forscher Leo Szilard, Eugene Wigner und Edward Teller, der spätere Vater der Wasserstoffbombe, warnen vor einer vernichtenden Waffe in den Händen der Nazis. Als sich die drei Männer im Sommer 1939 mit Albert Einstein treffen, sind sie am Ziel: Ihr berühmter Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt bekommt durch die Unterschrift Einsteins, der schon damals als lebende Legende gilt, die gewünschte Wirkung.

In dem Schreiben, das Einstein später als "großen Fehler" bezeichnet, ist von einer "extrem starken Bombe" die Rede. Nach zwei Treffen mit einem Gesandten Einsteins beschließt Roosevelt, die Entwicklung der amerikanischen Atombombe voranzutreiben. Das Ergebnis ist das "Manhattan Project" - ein auf Jahre angelegtes Vorhaben, in das Roosevelt rund 4000 Mal mehr Geld investiert als Hitler in die Entwicklung einer deutschen Kernwaffe. Das Projekt beginnt am 7. Dezember 1941 - zufällig einen Tag nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, der den Eintritt der USA in den Weltkrieg markiert.

Bildsequenz des "Trinity"-Tests: Eine Explosion verändert die Welt
AFP

Bildsequenz des "Trinity"-Tests: Eine Explosion verändert die Welt

Dass die Amerikaner trotz ihrer gewaltigen Anstrengungen bis 1944 glauben, in einem knappen Rennen um die erste Atombombe zu sein, liegt nicht zuletzt an den Deutschen selbst. Werner Heisenberg, der schon früh als Kopf der deutschen Atomforschung gilt, entwickelt bereits im Winter 1939/40 in einem Gutachten für das Heereswaffenamt die Idee einer "Reaktortheorie".

1941 steigt Heisenberg zum Direktor des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts auf. Ende des Jahres erklärt er, eine deutsche Atombombe sei in drei bis vier Jahren möglich. Dass Hitler nahezu zeitgleich, am 11. Dezember 1941, den USA den Krieg erklärt, trägt wohl zu Washingtons Rüstungsanstrengungen bei.

Die Nazis lassen auch in den folgenden Jahren kaum eine Gelegenheit aus, die Angst jenseits des Atlantiks zu schüren. Propagandaminister Joseph Goebbels etwa nimmt den britischen Spott auf, die "Wunderwaffen" der Nazis seien im Berliner Propagandaministerium erfunden worden. Er habe sich nicht die Zeit genommen, die Briten eines Besseren zu belehren, schwadroniert Goebbels: "Auch die Überraschung ist eine Waffe." Dass er damit wohl eher die deutschen Raketen V1 und V2 meint, können die Amerikaner bestenfalls ahnen. Während die Deutschen in der Raketentechnik tatsächlich weltweit führend sind, fehlt dem auf kurze "Blitzkriege" fixierten Nazi-Regime der Atem für die langwierige Entwicklung einer Atomwaffe.

Robert Oppenheimer: Vater der Atombombe
AP

Robert Oppenheimer: Vater der Atombombe

Bei einem Treffen mit Führungskräften der Reichsregierung und des Militärs im Juni 1942 elektrisiert Heisenberg seine Auftraggeber zunächst mit verlockenden Aussichten. Auf die Frage von Generalfeldmarschall Erhard Milch, wie groß eine Atombombe wäre, die London in Schutt und Asche legen könne, antwortet Heisenberg: "So groß wie eine Ananas." Eine korrekte Antwort, die allerdings nur den Bombenkern mit spaltbarem Material und nicht den Rest des Sprengsatzes berücksichtigt.

Zugleich aber betont Heisenberg während des von Rüstungsminister Albert Speer organisierten Geheimtreffens im Berliner Harnack-Haus den hohen technischen Schwierigkeitsgrad der Bombenentwicklung. Als Heisenbergs Team Ende 1942 auf eine Anfrage des Heereswaffenamts antwortet, mit einer Atombombe sei frühestens in zwei Jahren zu rechnen, gerät die deutsche Atomforschung endgültig aufs Abstellgleis. Enrico Fermi gelingt es derweil in den USA im Dezember 1942, den ersten Atomreaktor in Betrieb zu nehmen.

Umstrittene These über Nazi-Atomtests

Der US-Physiker Samuel Goudsmit kam 1947 zum dem Schluss, Heisenberg habe sich bei der Berechnung der kritischen Masse - die für eine nukleare Kettenreaktion erforderliche Menge an Uran 235 - geirrt. Später gefundene Papiere aus russischen Archiven legten jedoch nahe, dass das deutsche Militär sehr wohl schon 1942 wusste, dass "zehn bis 100 Kilo" angereicherten Urans reichten - eine Größenordnung sehr nahe an den "zwei bis 100 Kilo" des Manhattan Projects.

Kernspaltungs-Entdecker Hahn: "Unglaublich geschockt und niedergeschlagen"
AP

Kernspaltungs-Entdecker Hahn: "Unglaublich geschockt und niedergeschlagen"

In seinem hochumstrittenen Buch "Hitlers Bombe" stellte der deutsche Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch im März gar die These auf, die Nazis hätten eine Atombombe nicht nur bauen können, sondern hätten sie auch getestet. Am 4. März 1945 soll eine Gruppe um Karl Diebner, der in Konkurrenz zu Heisenberg an der Atombombe forschte, eine Kombination aus Kernspaltungs- und Fusionsbombe in Thüringen gezündet haben.

Die Augenzeugen, auf die Karlsch sich beruft, machen allerdings keinen sehr glaubwürdigen Eindruck. Der einzige harte Beweis für einen Atombombentest in Thüringen wären positive Befunde von Bodenproben, die aber frühestens im Frühjahr 2006 vorliegen. Spätestens im Dezember 1944 wissen die Amerikaner aus erbeuteten Dokumenten, dass die Deutschen weit von der Entwicklung einer Atombombe entfernt sind. Auch die Abhörprotokolle aus dem britischen Farm Hall, wo die deutschen Forscher um Heisenberg, Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker seit Juli 1945 interniert sind, ergeben eindeutig, dass die Deutschen einem nuklearen Sprengsatz nie nahe gekommen sind.

Die Amerikaner dagegen zünden am 16. Juli 1945 die erste Atombombe der Welt. "Ich bin der Tod geworden, der Zerstörer der Welten", ruft Oppenheimer aus, als der "Trinity"-Sprengsatz in der Wüste von New Mexico detoniert.

Trotz ihres Wissens um den Stand der deutschen Atomforschung und der Tatsache, dass die Wehrmacht bereits geschlagen ist, setzen die Amerikaner auch nach Ende 1944 das Manhattan-Projekt fort - warum, ist bis heute nicht schlüssig geklärt.

Als der Kernspaltungs-Entdecker Otto Hahn die BBC-Meldung von der Einäscherung Hiroshimas hört, trägt er sich zunächst stundenlang mit Selbstmordgedanken. "Ich wollte es nicht glauben", schreibt Hahn in sein Tagebuch. Der Tod so vieler "unschuldiger Frauen und Kinder war kaum zu ertragen". Er fühle sich "unglaublich geschockt und niedergeschlagen". Dann flüchtet er sich in Sarkasmus: "Wenn die Amerikaner eine Uranbombe haben", sagt Hahn zu Heisenberg, "dann seid ihr alle zweitklassig. Armer alter Heisenberg!"



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.