Entwicklung von Intelligenz Gemeinschaft macht schlau

Können Menschen gleichzeitig intelligent und sozial kompetent sein? Ja, unbedingt, glaubt Hirnforscherin Franca Parianen. Sie ist überzeugt: Der moderne Mensch wurde erst in Gesellschaft schlau.
Zur Person
Foto: privat

Franca Parianen, Jahrgang 1989, ist Hirnforscherin. Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und bald der Universität Utrecht, ergründet sie Aufbau und Ursprung menschlichen Sozialverhaltens. Auf Science-Slams versucht sie, auch Nicht-Wissenschaftler für ihre Arbeit zu begeistern. 2017 ist ihr Buch "Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?" erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Parianen, wieso interessiert sich die Hirnforschung für das menschliche Zusammenleben?

Parianen: Das ist tatsächlich lange Zeit ignoriert worden. Dabei muss man sich doch nur fragen, woran wir den lieben langen Tag denken, was unsere größten Herausforderungen sind.

SPIEGEL ONLINE: Binomische Formeln sind es wohl nicht?

Parianen: Nein, sondern Menschen, um die wir uns sorgen. Selbst im Ruhezustand, wenn wir etwa im Zug aus dem Fenster schauen, sind Gehirnareale aktiv, die auf ein soziales Denken schließen lassen und nicht auf das Lösen von Rechenaufgaben. Lebenslang sind wir ständig miteinander verbunden. Wenn wir verstehen wollen, wie das Gehirn tickt, wie es lernt oder sich entwickelt, müssen wir beobachten, wie wir interagieren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Träumen vom Partner und dem Kalkulieren eines Businessplans?

Parianen: Viel spricht dafür, dass - evolutionär gesehen - zuerst der Mensch da war, der an den Partner oder das Kind denkt. Das Miteinander wurde dann immer komplexer, der Homo sapiens begann, verschiedene Perspektiven zu verstehen, und lernte dadurch, die Welt abstrakt zu betrachten und sogar in Zahlen darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie berichten in Ihrem Buch von einem Zoo, der im Affengehege ein Wasserloch anlegte. Bald gingen die Affenmütter mit ihren Babys am Bauch so tief ins Wasser, dass die Kleinen untergingen. Was wollen sie damit zeigen?

Parianen: Weil sie selbst den Kopf über Wasser hatten, gingen die Affenmütter davon aus, dass ihr Nachwuchs atmen konnte. Menschen würde das nicht passieren, weil sie gelernt haben, sich um Lebewesen zu kümmern, die ganz anders sind als sie selbst. Im Vergleich zu Affenbabys haben Menschenkinder häufig andere Bedürfnisse als ihre Eltern, und können sich dabei weder klar ausdrücken noch selbst versorgen. Wir müssen uns also in das Kind hineinversetzen und beispielsweise verstehen, dass wir Steak mögen, aber unser Kind nicht. Kognitionswissenschaftler nennen das "Theory of Mind" - das Antizipieren der Absichten, Erwartungen und Bedürfnisse anderer. Solche Anforderungen haben die Menschheit deutlich weiter gebracht in ihrer Kognition.

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SPIEGEL ONLINE: Im Alltag versetzen wir uns ständig in andere, ohne groß darüber nachzudenken. So schwer kann das eigentlich nicht sein.

Parianen: Wie viel Denkleistung es voraussetzt, sieht man an kleinen Kindern: Sie verstehen noch nicht, dass ihre Mutter nicht alles weiß, was sie selbst im Kopf haben. Deshalb erzählen sie kontextfrei Dinge, die jemand anders gar nicht einordnen kann. In Studien bitten Forscher Kinder beispielsweise, Schokolade vor ihnen zu verstecken. Die Kleineren legen sie dann häufig einfach hinter die Sichtblende, die zwischen ihnen und einem Wissenschaftler steht - sodass sie die Süßigkeit nicht mehr sehen können, der Forscher aber schon. Wenn der die Leckerei dann vor ihren Augen aufisst, sind sie ganz überrascht. Mit wachsendem Alter lernen Kinder aber, dass das Gegenüber andere Dinge sieht und weiß als sie selbst.

SPIEGEL ONLINE: Wächst damit auch ihr Abstraktionsvermögen, so dass sie später Geometrie verstehen?

Parianen: Das ist eine wohl begründete Theorie, ja. Forscher haben zweieinhalbjährige Kleinkinder und Menschenaffen beobachtet, und dabei festgestellt, dass Menschenkinder sich mit Räumen, Zahlen und Werkzeug nicht viel schlauer anstellten als ihre evolutionären Verwandten. In der sozialen Intelligenz sind sie allerdings weit voraus: Sie können andere dazu bringen, ihnen bei Aufgaben zu helfen, sich gegenseitig vertrauen, kommunizieren und Konflikte aushandeln, was sie als Gruppe leistungsfähiger macht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sich das kognitive Denken vom sozialen her entwickelt hat, ist dann unser Bild vom kühlen Denker falsch?

Parianen: Jemand, den wir als intelligent und kompetent erleben, ist doch häufig auch jemand, der gut und mitreißend erzählen kann, weil er sein Publikum versteht. Andererseits gibt es schon einen Unterschied zwischen einem Menschen, der sich gut in andere hineinfühlen kann, und jenem, der sich gut in sie hineindenkt.

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Parianen, Franca

Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?: Die Hirnforschung entdeckt die großen Fragen des Zusammenlebens

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 352
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SPIEGEL ONLINE: Worin besteht er?

Parianen: Zum Beispiel darin, ob ich dein Schokoladenversteck nachvollziehen kann, oder deine Enttäuschung, dass die Süßigkeit jetzt weg ist. Extrembeispiele sind Autisten und Psychopathen: Letztere denken sich exzellent in andere hinein, teilen aber nicht unbedingt ihre Gefühle. Bei Autisten ist es eher anders herum. Die Fähigkeiten greifen auf unterschiedliche Netzwerke zurück. Normalerweise sind sie aber nicht strikt getrennt: Wenn ich ein Buch lese, denke ich mich in eine Person hinein - und erlebe dann oft ihre Gefühle.

SPIEGEL ONLINE: Hat dann also jemand, der sich gut in andere hineinversetzen kann, auch einen hohen IQ?

Parianen: Es gibt viele Parallelen. Die kognitiven Prozesse sind ähnlich. Man braucht Hintergrundwissen und ein gutes Arbeitsgedächtnis: Es geht in beiden Fällen darum, viele Dinge gleichzeitig im Kopf zu halten und zu jonglieren. Wenn ich Defizite habe, Wissen zu verarbeiten und in einem neuen Kontext anzuwenden, habe ich auch Defizite, mich in die Situation des anderen hineinzuversetzen und seine Sichtweise mitzudenken. Dazu muss ich ja ständig die Perspektive wechseln! Wer ein schwaches Arbeitsgedächtnis hat, versteht nachgewiesenermaßen weniger Humor und Ironie. Dazu braucht es Gedankengänge wie: "Ich denke, dass sie denken, dass Trump denkt ...". Die Kapazität im Arbeitsgedächtnis bestimmt sogar mit, wie sehr wir lachen.

SPIEGEL ONLINE: Einem weit verbreiteten Klischee zufolge sollen hochbegabte Menschen sozial verhaltensauffällig sein. Wie geht das zusammen mit Ihrer Theorie, dass zu Empathie eine gute Portion Intelligenz gehört?

Parianen: Sie sind gerade als Heranwachsende Gleichaltrigen wohl manchmal voraus. Dass sie schwierig seien, halte ich aber für ein Vorurteil. Genau wie bei Einzelkindern zeigen Studien oft das Gegenteil: Diese Kinder integrieren sich so gut und sind so glücklich wie andere.

SPIEGEL ONLINE: Laut den Intelligenzforschern ist ein Grundverständnis für Sprache oder Zahlen angeboren. Gilt das auch für grundlegende soziale Fähigkeiten?

Parianen: Teilweise ja. Schon Neugeborene können Grimassen nachmachen wie die Zunge rausstrecken oder Gähnen. Der Mensch ist besser im Imitieren als jede andere Spezies. Er lernt eher von anderen. Ein Schimpanse rückt von einmal Gelerntem nicht ab, nur weil er sieht, wie die Gruppe es macht. Kinder tun das - selbst, wenn sie gelernt haben, dass das, "was alle tun", für sie nicht passt. Erwachsene machen das übrigens auch oft. In unserer Welt schlägt soziale Intelligenz oft kognitive: Denn was nützt der schnellste Weg über eine große Straße, wenn man dabei die Konvention ignoriert, an der roten Ampel stehen zu bleiben?