Entwicklungshelfer Der sanfte Offizier

Mehr als 10.000 sudanesische Freiwillige leisten Schwerstarbeit, um den Guineawurm auszurotten. Gesundheitsoffiziere halten die Truppe beisammen.

AP

Der Südsudan ist drei Mal so groß wie Frankreich und doch gibt es für jeden Bewohner jeder Lehmhütte in gefährdeten Gebieten einen Wurmbeauftragten. Die Freiwilligen sollen Fälle melden und neue Ansteckungen verhindern. Für ihre Arbeit bekommen sie meistens ein T-Shirt, manchmal ein bisschen zu essen und die Anerkennung ihre Gemeinde. Sie bekommen kein Geld.

Garang Buk Buk muss immer dann ran, wenn es ein Problem gibt. Er ist Gesundheitsoffizier und überwacht mehr als ein Dutzend Freiwillige in Gebieten, wo es besonders viele Würmer gibt. Sechs Tage die Woche ist der hochgewachsene 31-Jährige mit dem schmalen Gesicht zu Fuß unterwegs im Busch.

In den Dörfern kümmert er sich um Kinder, aus deren Beinen Guineawürmer schauen. Er ermahnt Freiwillige, die Verbände nicht zu fest zu binden. Er hilft, wenn sich Wunden infiziert haben. "Ich bin mit ihnen zusammen unterwegs, ich versuche, die Moral zu stärken, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie Teil des Programms sind", sagt Garang. Und so geht er jeden Tag mit den Freiwilligen von Haus zu Haus, versucht, ihre Autorität im Dorf zu stärken.

Besonders schwierig wird es, wenn Teiche und Tümpel mit Abate behandelt werden sollen, der Chemikalie, die jene Mini-Krebse tötet, in denen die Wurmlarven überleben. "In jedem Dorf, in dem es viele Wurmkranke gibt, wollen die Leute nicht, dass ihr Tümpel damit behandelt wird, weil irgendein Gott darin lebt", sagt Garang. Die Menschen fürchteten, das Abate würde die Götter vertreiben.

"Das ganze ist Teil meines Lebens geworden"

Garang erzählt von einem Dorf mit mehr als 30 Fällen in einem Jahr. Aber die Menschen weigerten sich, ihren Tümpel behandeln zu lassen. Garang wandte sich an den Geister-Fachmann der Dorfes. Er redete mit seiner leisen, sanften Stimme. Er saß einfach nur still mit ihm beisammen. Er ging allein spazieren, um dem Mann Zeit zu geben und setzte sich dann wieder neben ihn. "Endlich hat er akzeptiert."

Garang Buk Buk sagt, dass sich nicht alle Menschen über die Hilfe des Carter Centers freuen. "Die Leute verschweigen dir, wo sie ihr Wasser holen", klagt Garang. Wenn er nicht weiß, wo die Tümpel sind, kann er die Würmer nicht bekämpfen. Und dann kann er nicht verhindern, dass Dorfbewohner sich neu anstecken.

"Leute schreien dich an. Sie sagen, dass du ein schlechter Mensch bist und in deinen Chemikalien den Wurm mitbringst." Wenn die Stimmung zu aufgebracht ist, geht Garang einfach weg. Später kommt er wieder und versucht ein Gespräch anzufangen. Beim nächsten Mal bringt er vielleicht etwas zu essen mit. Mit seiner Beharrlichkeit hat Garang Buk Buk bislang selbst die schwierigsten Anführer überzeugt. Heute sagt er: "Das ganze ist Teil meines Lebens geworden."

Es sagt, dass es sein zweites Leben sei. In seinem ersten Leben war Garang Buk Buk Soldat. Er war fast noch Kind, als er zur Armee kam, dort gehörte er bald zur Leibgarde eines Rebellengenerals. Er sagt, dass damals die Armee für ihn eine Art Familie war.

Wenn der Wurm besiegt ist, will Garang zur Universität

In den Kämpfen aber sah er seine Freunde sterben. "Es waren viele." Auch sein Vater starb im Krieg. Und wenn Garang heute allein im Busch übernachtet, denkt er an den Krieg. "Ich frage mich dann: Warum habe ich überlebt?"

Er weiß, das erste Leben lässt ihn nicht los. Trotzdem plant er für das dritte. Er hat schreiben gelernt, in dem er die Buchstaben mit dem Finger im Sand nachzog. Noch heute findet er es ungewohnt, an einem Tisch sitzend zu schreiben. Aber wenn der Wurm besiegt ist, will er zur Universität und Elektroingenieur werden. Und dann tun, was der Rebellenführer John Garang, der im Südsudan als Held verehrt wird, immer versprochen hat. "Wir müssen die Stadt zu den Menschen bringen und nicht die Menschen in die Stadt."

Garang Buk Buk hofft, ein Stipendium zu bekommen, irgendwo. Er meint es ernst, er hat trotz seiner 31 Jahre nicht geheiratet, weil er fürchtet, seinen Traum dann endgültig begraben zu müssen. "Eine Ehefrau würde das nicht zulassen und das wenige Geld ausgeben, das ich habe." Garang Buk Buk aber will eine bessere Zukunft.



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causal 17.12.2010
1. grossartig, ex-präsident, rentner
und pragmatische idee, effektiv ausgearbeitet. perfekt, humanismus ohne grosses gesabbel. hallo berlin: aufwachen! ideen haben!
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