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20. Juli 2011, 13:27 Uhr

Epigenetik

Misshandelte Mütter bekommen ängstliche Kinder

Geben Schwangere emotionale Erfahrungen ans ungeborene Kind weiter? Eine Studie zeigt: Die Genaktivität bei Teenagern ist verändert, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Opfer häuslicher Gewalt wurde. Die früh erlebte Bedrohung könnte das Verhalten des Nachwuchses ein Leben lang beeinflussen.

Konstanz - Wenn Schwangere starken emotionalen Stress erleiden, beeinflusst das eventuell die Genaktivität des Kindes - und dadurch auch sein Verhalten. Darauf deutet eine Studie von Forschern der Universität Konstanz hin. Sie hatten das Erbgut von Kindern unter die Lupe genommen, deren Mütter Opfer häuslicher Gewalt geworden waren.

Dass es einen Zusammenhang zwischen der Stressbelastung bei Schwangeren und veränderten Verhaltensweisen bei deren Kindern gibt, wurde von Wissenschaftlern schon vermutet. Die Arbeitsgruppen des Psychologen Thomas Elbert und des Evolutionsbiologen Axel Meyer stellen nun typische sogenannte epigenetische Veränderungen im Erbgut betroffener Kinder fest. Dabei wird nicht die Bausteinfolge im Gen selbst verändert, sondern seine Aktivität.

"Das Kind wird in seinem späteren Leben anfälliger für Stress und psychische Erkrankungen", sagt Forscher Elbert. Die Kinder seien ängstlicher und weniger neugierig. Die Wissenschaftler fanden die epigenetische Veränderung am Gen für den Glucocorticoid-Rezeptor, wie sie im Fachmagazin "Translational Psychiatry" berichten. Die Erbanlage werde mit Verhaltensauffälligkeiten und der Anfälligkeit für seelische Erkrankungen in Zusammenhang gebracht.

Schneller im Flucht- oder Kampfmodus

"Der Körper der Mutter signalisiert diesen Kindern, dass sie in einer bedrohlichen Umgebung aufwachsen werden", erklärt Elbert. "Deshalb gehen diese Kinder bei Stresssituationen schneller in ihren Flucht- oder Kampfmodus, wo andere Kinder noch cool bleiben und sich die Dinge erst einmal anschauen wollen". Axel Meyer ergänzt: "Wir hatten nicht erwartet, dass sich diese Bedrohungseinflüsse so deutlich im menschlichen Genom nachweisen lassen".

Die Konstanzer Forscher haben die epigenetischen Veränderungen bei 10- bis 19-jährigen Kindern gefunden, deren Mütter während der Schwangerschaft häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. Die Wissenschaftler hatten Daten von 25 Müttern und deren Kindern in die Studie aufgenommen. Acht Mütter hatten angegeben, dass sie während der Schwangerschaft von ihrem Partner psychisch oder körperlich misshandelt wurden.

Ab welchem Stadium der Schwangerschaft die Gene der Kinder beeinflusst werden und welches Level von emotionalem Stress die Veränderungen auslöst, ist noch nicht klar. Ob etwa Stress im Beruf oder im Alltag schon ausreiche, um die Veränderungen hervorzurufen, können die Forscher noch nicht sagen.

Zudem weisen sie selbst ausdrücklich darauf hin, dass ihre Studie zwar deutliche Befunde zeige, dass dies aber noch kein letztgültiger Beweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen mütterlicher Gewalterfahrung und den Erbgut-Veränderungen bei ihren Nachkommen ist. Die Wissenschafter haben allerdings weitere Forschungen zu diesem Thema angekündigt.

wbr/dpa

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