Erbgut-Vergleich Briten weniger vielfältig als im Mittelalter

Kosmopolitisches Großbritannien? Wenigstens wenn es um die genetische Vielfalt geht, war England zur Römerzeit und im Mittelalter bunter. Schuld ist wohl weniger Insel-Inzucht als die Todeswellen der Pest.


London - Mit Witzen über die Insel ist man schnell bei der Hand. Ihre geografisch isolierte Randlage im Nordwesten Europas und die dem Klischee zufolge eher herbe Schönheit ihrer Bewohner erscheinen auf den ersten Blick als plausible Erklärung für diese Nachricht aus der Forschung: Die genetische Vielfalt heutiger Briten ist deutlich geringer als die ihrer Vorfahren vor rund 1000 und 1700 Jahren.

Briten (Ex-Premier Blair und Mitglieder der Königsfamilie bei einer Parade zum Falkland-Krieg): Genetische Vielfalt in der Bevölkerung heute geringer als vor 1000 Jahren
AFP

Briten (Ex-Premier Blair und Mitglieder der Königsfamilie bei einer Parade zum Falkland-Krieg): Genetische Vielfalt in der Bevölkerung heute geringer als vor 1000 Jahren

Wissenschaftler aus Dänemark, England und den USA kamen zu diesem überraschenden Ergebnis, als sie genetische Daten aus der Gegenwart mit Material aus alten Knochen von archäologischen Ausgrabungen verglichen. "Entgegen der Erwartung war die genetische Vielfalt in den alten Proben deutlich höher als im modernen England", schreibt das Team um Ana Töpf von der University of Durham in der Fachzeitschrift "Biology Letters" der britischen Royal Society.

Die Forscher beziehen sich auf Untersuchungen der mytochondrialen DNA (mtDNA). In heutigen Proben fanden sich demnach deutlich weniger Abstammungslinien als bei den Briten der späten Römerzeit und des Mittelalters. Doch auch mit zeitgenössischen "wahrscheinlichen Quellbevölkerungen", also von Ländern auf dem Kontinent, aus denen damals Menschen auf die britischen Inseln ausgewandert sein könnten, verglichen Töpf und ihre Kollegen die alten Proben - "unter anderem Dänemark, Deutschland und Norwegen". Sie fanden heraus: Auch die Deutschen von heute sind genetisch weniger unterschiedlich als die Briten von anno dazumal. Auch im Vergleich mit anderen europäischen und nahöstlichen Gensamples der Gegenwart war dies der Fall. Lediglich Proben aus der Türkei, Palästina und Weißrussland zeigten eine ähnlich hohe Vielfalt wie die Knochen der alten Engländer.

Diese Ergebnisse widerlegen die verbreitete Annahme, moderne Gesellschaften seien heute bunter gemischt als vor 1000 Jahren. So sei das England von heute ja "viel kosmopolitischer", als in den dunklen Zeiten, schreiben die Autoren. Allerdings sind die Knochenproben auch so gewählt, dass sie mit großen Einwanderungswellen nach England zusammenfallen: In den Jahrhunderten nach der Zeitenwende drängten die Römer, Ende des ersten Jahrtausend die Sachsen auf die Insel.

Als mögliche Erklärung führen Töpf und ihre Kollegen den schwarzen Tod an. In der Mitte des 14. Jahrhunderts raffte eine große Pestwelle bis zu 50 Prozent der europäischen Bevölkerung hin. Besonders im Süden Englands grassierte im 17. Jahrhundert erneut die Pest und tötete ein Fünftel der Einwohner. Obwohl Millionen von Menschen die Krankheit überlebten, könnte die Pest einzelne Dörfer und die darin lebenden, eng miteinander verwandten Familien vollständig ausgerottet haben, vermuten die Wissenschaftler. Andere Familien hingegen könnten verschont worden sein. Die Abstammungslinien der Überlebenden konnten sich hinterher weiter in der Bevölkerung ausbreiten.

stx/ddp



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