Erbgutanalysen Rauchen ist ein genetisch bedingtes Laster

Sich das Rauchen abzugewöhnen ist nicht nur eine Frage von eiserner Disziplin. In einer Großstudie mit mehr als 140.000 Menschen haben Forscher jetzt herausgefunden: Es hängt auch von unseren Genen ab, wie sehr wir dem blauen Dunst verfallen sind - und wie leicht oder schwer wir davon loskommen.
Raucher: Bestimmte Genvarianten beeinflussen die Abhängigkeit

Raucher: Bestimmte Genvarianten beeinflussen die Abhängigkeit

Foto: Marcus Brandt/ picture alliance / dpa

Sie schaffen es nicht, mit dem Rauchen aufzuhören? Die Wissenschaft bietet Ihnen jetzt eine gute Ausrede: Ihre Gene könnten schuld daran sein. Gleich drei internationale Studien im Fachmagazin "Nature Genetics", an denen mehr als hundert Forscher, eine ganze Reihe von Universitäten sowie die isländische Firma Decode Genetics und der Pharmariese GlaxoSmithKline beteiligt waren, bestätigen einen Zusammenhang zwischen Anfälligkeit für das Rauchen und bestimmten Genmutationen. An einer der drei Veröffentlichungen waren so viele Wissenschaftler beteiligt, dass aus Platzgründen die Autorenliste nicht wie sonst üblich am Anfang der Publikation  sondern an deren Ende zu finden ist.

Insgesamt lagen den drei Studien die genetischen Daten von mehr als 140.000 Menschen zugrunde. Daraus leiteten die Wissenschaftler eine Reihe von Ergebnissen ab, die das Verständnis für die Nikotinsucht in ein neues Licht rücken könnten: Die Forscher fanden im Erbgut auf unterschiedlichen Chromosomen mehrere Orte, die einen Zusammenhang zwischen Anfälligkeit für das Laster Rauchen, Abhängigkeit und Zahl der gerauchten Zigaretten pro Tag herstellen.

So verfallen Menschen mit bestimmten Mutationen vor allem auf den Chromosomen 8 und 19 dem Tabakkonsum stärker als andere . Die Betroffenen rauchten täglich im Schnitt nicht nur mehr Zigaretten als Vergleichspersonen, sondern hätten auch ein um zehn Prozent erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, berichten Kari Stefansson vom Institut für Molekulare Medizin an der Universität Helsinki und seine Kollegen. Zudem bestätigten die Forscher Ergebnisse aus früheren Arbeiten wonach Genvarianten auf Chromosom 15 ebenfalls die Nikotinabhängigkeit und das Risiko für Krankheiten, darunter Lungenkrebs, beeinflussen.

Rauchen ist für alle schlecht, für manche aber noch schlechter

Ebenso hatten frühere Studien bereits zu der Vermutung geführt, dass eine Genmutation auf Chromosom 11 den Träger mit größerer Wahrscheinlichkeit zum Raucher werden lässt. Zudem fanden die Wissenschaftler heraus, dass Chromosom 9 offenbar ein Gen enthält, das in einer bestimmten Variante bei manchen Menschen die Entwöhnung leichter macht.

Warum die einzelnen Genvarianten einen Einfluss auf das Raucherverhalten ausüben, darüber können die Forscher derzeit jedoch nur spekulieren. Auf einigen der entdeckten Genabschnitten liegen beispielsweise die Baupläne für Enzyme, die beim Abbau von Nikotin eine Rolle spielen. Das Nikotin als wesentlicher Suchtstoff in der Zigarette entfaltet im Gehirn über die Aktivierung sogenannter Nikotinrezeptoren seine stimulierenden Effekte. Diese Rezeptoren nehmen die Suchtstoffe auf und setzen anschließend "Glückshormone" wie die Neurobotenstoffe Dopamin und Serotonin frei.

Die Schlussfolgerung des Ganzen formulieren die Forscher so: Rauchen sei für alle Menschen schlecht, für einige aber noch schlechter, sagte etwa Stefansson, der auch Geschäftsführer der Firma Decode ist. "Die Entdeckungen verbessern unsere Möglichkeit, gefährdete Menschen zu erkennen und ihnen überzeugende Argumente zu liefern, mit dem Rauchen aufzuhören", sagte er.

Die Tatsache, dass an den drei Studien nicht nur zahlreiche Wissenschaftler aus universitären Einrichtungen sondern auch viele Forscher aus Firmen beteiligt waren, legt jedenfalls eine Vermutung nahe: Die Tabakindustrie könnte es bald mit einem ebenbürtigen Marktgegner zu tun bekommen. Einer, der sich auf die Suche nach effektiven Therapien gegen die Sucht aufgemacht hat - und damit Kasse machen will.

cib