Erinnerungs-Psychologie Der ganz eigene Film vom 11. September

Wer den 11. September direkt in New York erlebt hat, wird bis heute von Erinnerungen verfolgt - oder davon, was fünf Jahre später übrig ist. Hirnforscher und Psychologen haben Zeugen der Anschläge interviewt und sind auf eine Kluft zwischen Wahrheit und gefühltem Wissen gestoßen.

Von Fanny Facsar, New York


New York - Die Bilder wird er nie vergessen, sagt Scott Collins. Die Erinnerungen an den 11. September 2001 holen ihn jeden Tag ein. Der 46-Jährige Software-Entwickler aus New Jersey war an diesem Tag im 84. Stockwerk des Südturms des World Trade Centers beschäftigt, als er einen "riesigen Knall" hörte. "Vor meinem Fenster wirbelte Papier durch die Luft. Es roch nach Kerosin. Als ich erfuhr, was passiert ist, zögerte ich kurz, danach rannte ich los."

Frau am 11.9.2001: Wer am World Trade Center war, erinnert sich anders - aber nicht zwangsläufig genauer
AFP

Frau am 11.9.2001: Wer am World Trade Center war, erinnert sich anders - aber nicht zwangsläufig genauer

Collins fasst die Bilder, die er vom 11. September in seinem Kopf hat, verblüffend chronologisch in Worte. Doch was passiert genau im Gehirn, wenn man sich an das Erlebte erinnert? Wo genau sitzt die Erinnerung? Und welche Rolle spielen Emotionen, wenn die Bilder abgerufen werden? Innerhalb der Kognitionswissenschaft ist kaum etwas so umstritten wie die Zusammenhänge zwischen dem Nervensystem und der Gehirnarchitektur, die für das Erinnern verantwortlich gemacht werden. Neurowissenschaftler glauben, dass Betroffene von Ereignissen wie dem 11. September sich sehr deutlich an die Bilder, Gerüche und Töne erinnern - aber nicht zwingend an den wirklichen Ablauf des Geschehens.

Wissenschaftler der Fakultät für Psychologie der New York University haben sich in den vergangenen fünf Jahren intensiv damit beschäftigt, wie stichhaltig sich Bürger in New York und Menschen außerhalb der Stadt erinnern, die den 11. September unmittelbar am World Trade Center oder indirekt durch die Medienberichterstattung erlebt haben. Ziel der Untersuchung "Memory for 9/11: The impact of being there" war es, den Einfluss von Gefühlen und dem Standort des Einzelnen auf die Nachhaltigkeit des Erinnerungsgehalts zu überprüfen. Wie verlässlich sind die Erinnerungen von Augenzeugen wie Scott Collins? 1500 Menschen wurden in den vergangenen fünf Jahren dreimal befragt.

Erinnerung aus Blitzen zusammengesetzt

Collins beschreibt seine Flucht durch den überfüllten Treppenschacht im Detail und ist überzeugt, jeden Moment genau so erfahren zu haben. Doch Elizabeth Phelps, Leiterin der "Memory for 9/11"-Gruppe, vermutet, dass starke Emotionen das Gefühl verstärken, sich richtig zu erinnern. "Wir glauben, uns zu erinnern, weil der Rückruf eines emotional aufregenden Bildes ausreicht, um uns zu vermitteln, wir könnten uns an das gesamte Geschehen detailgenau erinnern", erklärt die Neuropsychologin. In Collins' Fall würde das bedeuten, dass er sich an einzelne Bilder erinnern mag, den gesamten Ablauf des Geschehens um diese Bilder herum aber falsch wiedergibt, verzerrt durch den emotionalen Einfluss.

Collins Erinnerungen ähneln Blitzlichtern, sogenannten "flashbulb memories". Diese Art von Erinnerungen wird in der Wissenschaft unterschiedlich definiert. Es herrscht aber Einigkeit darüber, dass sie meist mit negativen Erfahrungen verknüpft sind und über starke emotionale Qualitäten verfügen, die den Betroffenen das Gefühl geben, sich richtig zu erinnern. "Flashbulbs" graben sich in das Gedächtnis ein - unabhängig davon, ob ihr Inhalt den Tatsachen entsprechend gespeichert wird oder nicht. Die Folge: Es können auch falsche Erinnerungen entstehen, "false memories".

"Ich verstehe bis heute nicht, was ich erlebt habe", sagt Collins, "es war wie im Film." Ähnliches geben zahlreiche traumatisierte Katastrophenopfer zu Protokoll. Antworten auf die vielen Fragen über Gefühle und Erinnerungen suchen Forscher in der Verbindung zwischen zwei Gehirnregionen: der nussgroßen Amygdala und dem Hippocampus. Die Wissenschaft assoziiert mit der Amygdala, auch als Mandelkern bekannt, ein Furchtzentrum, das emotionale Momente speichert, während der Hippocampus diese Erinnerungen ordnet und dadurch das Erlebte in Kontext setzt.

Unter Stress leichter falsche Erinnerungen

Über das Zusammenspiel dieser beiden Gehirnbereiche besteht allerdings viel Unklarheit. Mit Bildern, die mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) entstanden sind, konnte immerhin nachgewiesen werden, dass die Gehirnaktivität in Hippocampus und Mandelkern bei der Erinnerung an traumatische Erlebnisse zunimmt. Wissenschaftler auf diesem Gebiet sind sich weitgehend einig, dass in Extremsituationen die Amygdala durch Stresshormone aktiviert wird, während die ordnende Funktion des Hippocampus zurückgeht. Außerdem seien "Menschen mit einer großen Amygdala und kleinem Hippocampus anfälliger dafür, ihre Erinnerungen falsch zu sortieren", glaubt Phelps.

Die Ergebnisse der "Memory for 9/11"-Studie lassen darauf schließen, dass das Furchtzentrum von Menschen, die den 11. September in New York durch Beobachtung oder direkte Teilnahme wahrgenommen haben, stärker aktiviert wurde und dadurch ihre Erinnerung lebhafter geblieben ist, als dies bei Fernsehzuschauer der Fall ist. Ihre Erinnerungen zeigten sich im Verlauf des dreijährigen Studienzeitraums konsistenter als die von passiven Beobachtern. Allerdings sind konsistentere Erinnerungen nicht automatisch auch wahrheitsgetreuer.

Collins holt tief Luft und erzählt den für ihn ergreifendsten Teil seiner Erinnerungen. "Ich habe das Erdgeschoss erreicht und nicht verstanden, was ich hinter der Glaswand gesehen habe. Es hat Asche geregnet, und ich habe Körperteile erkannt."

Collins schätzt sich glücklich. 61 seiner Kollegen, die wie er im World Trade Center ihrem Beruf nachgingen, haben es nicht geschafft. Seit diesem Tag versucht er, seine Geschichte mit den immer gleichen Details zu erzählen. "Ich möchte dem nichts hinzufügen oder entnehmen. Das ist meine Erinnerung, und dessen bin ich mir bewusst."



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