Ermittlungen Behörden nehmen Medikamententest ins Visier

Zwei Briten schweben nach dem fehlgeschlagenen Medikamententest in London noch immer in Lebensgefahr. Inzwischen kündigen sich juristische Folgen an: Sowohl deutsche als auch britische Behörden interessieren sich für den Fall.


Berlin/London - "Wir prüfen derzeit, ob wir ein Ermittlungsverfahren einleiten müssen", sagte der Würzburger Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager zu SPIEGEL ONLINE. Ein Vorermittlungsverfahren sei eingeleitet. Dabei prüfe man unter anderem, auf welchem Wege der klinische Tests mit dem Medikament TGN 1412 genehmigt worden sei. Anhaltspunkte für eine Straftat gebe es bisher allerdings nicht, betonte Ohlenschlager. In Großbritannien haben inzwischen Scotland Yard und die britische Medikamenten-Aufsichtsbehörde MHRA Ermittlungen in dem Fall aufgenommen.

Patienten-Anwältin Ann Alexander: Forderung nach Aufklärung
AFP

Patienten-Anwältin Ann Alexander: Forderung nach Aufklärung

Das Würzburger Pharmaunternehmen TeGenero hatte die US-Firma Parexel mit der Erprobung eines neuen Medikaments beauftragt, das zur Behandlung von chronischen Entzündungen und Leukämie eingesetzt werden sollte. Sechs Männer, denen die Arznei in dem klinischen Test verabreicht worden war, mussten anschließend auf der Intensivstation behandelt werden.

Zwei der Testpersonen schweben nach Aussage der behandelnden Ärzte noch immer in Lebensgefahr. Einer von ihnen, ein 21-Jähriger, könnte bis zu einem Jahr im Koma liegen, berichteten seine Angehörigen unter Berufung auf Informationen von Ärzten. Sämtliche innere Organe, Herz, Niere, Lunge und Leber seien durch das verabreichte Test-Medikament geschädigt worden.

Die Angehörigen riefen medizinische Experten in aller Welt zur Mithilfe bei der Behandlung der sechs Patienten auf. Die Mediziner rätseln noch immer, was die starke allergische Reaktion ausgelöst hat. Für den Medikamentenversuch hatten sich die Männer im Alter von 18 bis 40 Jahren freiwillig gemeldet.

Unterdessen gibt es Hinweise darauf, dass die Gefahren des Arzneimittels bereits seit mehreren Jahren bekannt waren. Eine im Fachmagazin "Clinical Immunology" veröffentlichte Studie habe vor vier Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Arzneimittel auch das körpereigene Gewebe angreifen könne, berichtet die "Rheinische Post" in ihrer Samstagsausgabe.

TeGenero bestreitet Vorwürfe

TeGenero-Forschungschef Thomas Hanke bestritt Berichte, denen zufolge es Probleme bei Tierversuchen gegeben habe, die vor dem klinischen Test durchgeführt worden waren. Das Medikament TGN 1412 sei an Hasen und Affen getestet worden. Dabei habe es keine Vorfälle gegeben, die auf das Medikament zurückzuführen seien, sagte Hanke vor dem Northwick Park Hospital im Nordwesten Londons.

Die Anwältin der Patienten, Ann Alexander, fordert mehr Aufklärung über die Tierversuche. Ihren Mandanten seien dazu widersprüchliche Informationen gegeben worden. Angeblich seien bei den Versuchen Tiere gestorben. Auch die Möglichkeiten eines Produktionsfehlers, einer Verunreinigung oder einer Überdosis müssten geklärt werden.

Der Ausgang des Londoner Medikamententests könnte auch Folgen für die Forschung in Deutschland haben: Das Zulassungsverfahren für neue Wirkstoffe in Deutschland soll geändert werden. "Künftig werden wir vorschreiben, dass neue Wirkstoffe nur noch nacheinander an Menschen getestet werden", sagte der Präsident des für Medikamententests zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, Johannes Löwer, der "Berliner Zeitung".

Elf Tote nach Medikamententest in USA

Auch in den USA wurde ein möglicher Fehlschlag bei einem klinischen Medikamententest bekannt. Elf Patienten, die mit dem Alzheimer-Arznei Aricept behandelt worden seien, seien verstorben, teilte die japanische Herstellerfirma Eisai Co. mit. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge hatten 648 Patienten über einen Zeitraum von 24 Monaten das Medikament erhalten.

Unter den 326 Patienten einer Kontrollgruppe, die lediglich ein Placebo bekommen habe, sei es zu keinem Todesfall gekommen. Dies habe man angesichts des Alters und des Gesundheitszustandes der Teilnehmer nicht erwartet, teile Eisai mit.

Aricept wird bereits in vielen Ländern als Mittel gegen moderate Formen der Alzheimerschen Krankheit eingesetzt. In diesem Versuch wurde es dem Bericht zufolge allerdings an Patienten mit vaskulärer Demenz getestet, der nach Alzheimer zweithäufigsten Form der Demenz. Bei den Probanden sei zuvor keine Alzheimer-Erkrankung diagnostiziert worden. Die meisten hätten aber bereits Schlaganfälle oder Herzerkrankungen gehabt und entsprechende Medikamente genommen.

mbe/rtr/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.