Ernährung Die Wunderbohne

Kaffee wird zu Unrecht als Gift verdächtigt: Das Getränk schmeckt nicht nur wunderbar, sondern scheint auch noch gesund zu sein.
Von Sebastian Herrmann

König Gustav III. war sich sicher: Kaffee muss giftig sein. Um die üblen Wirkungen des Gebräus aber zu belegen, missbrauchte der Monarch, der Schweden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts regierte, zwei zum Tode verurteilte Häftlinge als Versuchsobjekte. Heute lässt sich sagen, die beiden Männer haben es verdammt gut erwischt. Erst bestellte Gustav III. den Henker ab, dann verdonnerte er einen der Verbrecher, fortan täglich Kaffee zu trinken. Der andere bekam dagegen Tee gereicht. Zwei Mediziner wurden beauftragt, das erwartete Siechtum zu dokumentieren. Das Experiment sollte zeigen, wie schnell Kaffee - im Gegensatz zu Tee - seine tödliche Wirkung entfaltet.

So saßen die Häftlinge im Kerker und tranken. Erst Tage und Wochen, dann Monate und Jahre. Sie tranken Tasse um Tasse, bis der erste der beiden gelehrten Versuchsleiter sein Leben ließ. Die beiden Häftlinge nahmen weiterhin ihren Kaffee und Tee, bis irgendwann der zweite Arzt starb. Auch als König Gustav III. ermordet wurde, reichten die Wärter Getränke in den Kerker. Schließlich starb der Tee- vor dem Kaffeetrinker - im Alter von 83 Jahren. Das Todesalter des zum Kaffee Verurteilten ist zwar unbekannt, doch sicher ist, dass die robuste Konstitution des unfreiwilligen Probanden nicht die Mär vom giftigen Kaffee aus den Köpfen der Europäer getrieben hat: Bis heute werden dem Getränk allerlei negative Eigenschaften zugesprochen. Zu Unrecht wie sich inzwischen zeigt. "Die Aussage, dass Kaffee generell schädlich sei, ist heute nicht mehr haltbar", sagt Thomas Hofmann, Direktor des Instituts für Lebensmittelchemie an der Universität Münster.

Nach und nach offenbart sich, dass viele Studien, die dem Kaffee Maliziöses bescheinigen, methodische Mängel hatten. "Früher hat man zum Teil negative Wirkungen einzelner Kaffeeinhaltsstoffe auf den Gesamtkomplex Kaffee übertragen", sagt Hofmann, der mit Wissenschaftlern der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie in Garching Kaffee und dessen Eigenschaften untersucht. Das Getränk besteht jedoch aus über 1000 einzelnen Substanzen, deren Wirkungen sich gegenseitig beeinflussen.

So kamen Gesundheitswarnungen zustande, die auf wackeligen Füßen standen und sich bis heute im Bewusstsein vieler Kaffeetrinker festgesetzt haben: Koffein treibe Wasser aus dem Körper, Kaffee erhöhe den Blutdruck, fördere Osteoporose und sei verantwortlich für Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Krebs.

Angesichts der flatterigen Nervosität, die wohl jeder Kaffeetrinker schon einmal nach zu vielen Tassen gespürt hat, ist es einfach, all diesen Warnungen zu glauben. Und so ist neben Milch und Zucker oft auch ein leicht schlechtes Gewissen ein treuer Begleiter des Getränks. Neue Studien stellen Kaffee aber in ganz anderem Licht dar: So hat der Sud nicht nur einen wunderbaren Geschmack, sondern offenbar auch eine ganze Reihe wünschenswerter Wirkungen.

Allein die immense Kaffeemenge, die weltweit konsumiert wird, legt nahe, dass das Getränk so ungesund nicht sein kann. Heute sei Kaffee eines der weltweit beliebtesten Getränke, schreiben die Norweger Trine Ranheim und Bente Halvorsen in einer Überblicksstudie für das Fachmagazin Molecular Nutrition & Food Research, in der die beiden Mediziner Kaffee von einigen Vorwürfen wissenschaftlich zurückhaltend freisprechen. Deutschland gehört beim Pro-Kopf-Verbrauch weltweit zur Spitze: 2004 hat der Bundesbürger 151 Liter Kaffee getrunken oder 6,4 Kilogramm Kaffeepulver verbraucht, rechnet der Deutsche Kaffeeverband vor.

Ein beliebter Vorwurf lautete lange Zeit, Kaffee entziehe dem Körper Wasser. Kaffee sei auf der Soll- nicht der Habenseite der persönlichen Flüssigkeitsbilanz abzurechnen, mahnte auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bis vor kurzem. Doch sind keine Berichte über Menschen bekannt, die im Café nach ein paar Tassen Kaffee dehydriert vom Stuhl gekippt sind. "Das Bild vom Kaffee als Wasserräuber ist durch die Fehlinterpretation älterer Studien entstanden", sagt Antje Gahl von der DGE. So wurde es den Teilnehmern einiger Experimente untersagt, in einem gewissen Zeitraum vor den Tests Kaffee zu trinken. Das Resultat: Der Körper war entwöhnt und reagierte auf die Wirkung des Suds besonders sensibel.

Ein Fehler, den Kristin Reimers von der Universität in Omaha/Nebraska kürzlich nicht mehr machte: Dort sammelte sie 24 Stunden lang den Urin ihrer Testpersonen. Von diesen musste die Hälfte ihren Durst ausschließlich mit koffeinhaltigen Getränken löschen, während die übrigen nur Flüssigkeit ohne die psychoaktive Chemikalie trinken durften. Das Resultat: Koffein hin oder her, am Ende war die Urinmenge in den Behältern der Versuchleiter gleich groß. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kam der britische Physiologe Ron Maughan in einer Übersichtsarbeit für das Fachmagazin Journal of Human Nutrition and Dietetics: Demnach sind zwei bis vier Tassen Kaffee täglich, also 300 bis 600 Milliliter, unbedenklich für den Wasserhaushalt. Dennoch bestreitet kein seriöser Wissenschaftler den akut harntreibenden Effekt von Kaffee. Koffein hemmt das antidiuretische Hormon der Hirnanhangsdrüse und signalisiert so den Nieren, vermehrt Flüssigkeit auszuscheiden. Bei regelmäßigem Konsum sei der Effekt aber reduziert, erklärt Maughan. "Außerdem wirkt sich dieses kurzfristige Ausschwemmen nicht auf den Flüssigkeitshaushalt des Körper aus", ergänzt Antje Gahl - über den Tag entstehe kein Verlust. Auch die Wirkungen auf das Kreislaufsystem sind nicht so gravierend wie lange angenommen. "Wer an Kaffee gewöhnt ist, wird nach ein, zwei Tassen höchstens einen geringfügig höheren Blutdruck haben", sagt Andreas Pfeiffer, Ernährungsmediziner an der Charité in Berlin.

Eine Ansicht, die bereits länger anerkannt wird: So hat das Nationale Herz-, Lungen- und Blutinstitut der USA 2003 eine Empfehlung zurückgenommen, wonach Patienten mit hohem Blutdruck höchstens moderate Mengen Kaffee trinken sollten. Wolfgang Winkelmayer von der Harvard School of Public Health in Boston untermauerte diese Einschätzung: Im Journal of the American Medical Association präsentierte er kürzlich eine Studie mit Daten von 150000 Frauen. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und hohem Blutdruck habe man nicht gefunden, hieß es darin.

Dennoch lässt sich am Tatort Herz-Kreislauf Kaffee in einer Hinsicht als Übeltäter überführen: In einigen Studien gab es Hinweise darauf, dass Kaffee den Cholesterinspiegel im Blut steigen lässt, wie Trine Ranheim und Bente Halvorsen berichten. Sollte das Kaffeetrinker-Herz jetzt vor Schreck schneller schlagen?

Sollte es nicht. Denn dieser Zusammenhang lässt sich nur für ungefilterten Kaffee herstellen. Cafestol und Kahweol - so genannte Diterpene - sind die Stoffe, die den Blutfettspiegel in die Höhe treiben, und diese bleiben im Filterpapier der Kaffeemaschinen hängen. "Und bei Espresso ist die Kaffeemenge so gering, dass man sich keine Sorgen machen muss", sagt Andreas Pfeiffer. Stattdessen lassen sich mit dem Geschmack auch gesundheitliche Freuden des Kaffees genießen: Der treue Bürobegleiter hemme Parkinson, da das Koffein die Produktion des Nervenbotenstoffs Dopamin anrege, melden amerikanische Neurologen. Der Ausbruch der Alzheimerkrankheit könne durch regelmäßigen Genuss vielleicht verzögert werden, heißt es von anderer Stelle.

Auch chronischen Lebererkrankungen könne Kaffee vorbeugen, gerade wenn diese durch hohen Alkoholkonsum oder Übergewicht hervorgerufen werden, schreibt die US-Medizinerin Constance Ruhl. Mediziner der Universität Rotterdam bringen das Getränk in Verbindung mit einem geringeren Diabetes-Risiko. Ist Kaffee vom bösen Buben zum Wundermittel geworden? "Absolut harte Belege liefern die Studien zwar nicht, aber immerhin Hinweise", antwortet der Diabetes-Spezialist Pfeiffer.

In einem Fall verdichten sich diese Hinweise: So haben kanadische Mediziner um André Nkondjock von der Universität Ottawa entdeckt, dass sechs Tassen Kaffee täglich das Brustkrebsrisiko bei Frauen um 70 Prozent senken. Das Getränk könnte vor Blasen- und Dickdarmkrebs schützen, sekundieren Kollegen in anderen Arbeiten. Als Wohltäter unter den Kaffeeinhaltsstoffen haben Forscher alte Bekannte identifiziert: Antioxidanzien - Stoffe, die aggressive Sauerstoffverbindungen im Körper unschädlich machen und auch in vielen Obst- und Gemüsearten vorhanden sind.

Doch Kaffee, so das Ergebnis einer Studie, ist die wichtigste Quelle für Antioxidanzien auf dem Speiseplan der US-Bürger. 1300 Milligramm trinkt der durchschnittliche Amerikaner täglich mit seinem Kaffee, hat der Chemiker Joe Vinston errechnet. Obst und Gemüse trugen nicht einmal ein Zehntel so viel Antioxidanzien bei. Auch hier handelt sich nur um Hinweise, doch diese lassen den Schluss zu: Kaffee ist kein Gesundheitskiller, und wenn ein paar Tassen täglich sogar helfen, umso besser.

Geschätzt wird das Getränk neben seinem Geschmack doch vor allem wegen seiner anregenden Wirkung, die dem Koffein zu verdanken ist: Der Muntermacher blockiert die Wirkung von Adenosin, einem Botenstoff, der dem Körper als natürliches Schlafmittel dient. Darüber hinaus zeigte sich Kaffee in manchen Untersuchungen als mildes Antidepressivum. Der Innsbrucker Radiologe Florian Koppelstätter fand kürzlich sogar Hinweise dafür, dass Kaffee Doping für den Geist ist. Seine Probanden zeigten unter Koffeineinfluss gesteigerte Gedächtnisleistungen. Im Magnetresonanztomografen flackerten besonders die Hirnareale auf, in denen das Kurzzeitgedächtnis verortet wird: der Frontallobus und der vordere Cingulum.

Kaffeegegner griffen derartige Forschungsergebnisse bislang mit dem stets gleichen Argument an: Kaffee mache abhängig und deshalb seien die gemessenen Effekte keine Leistungssteigerung, sondern nur eine Normalisierung. Teilnehmer, deren Stimmung oder Geistesleistung nach Kaffeegenuss steige, hätten nur ihre Entzugssymptome beseitigt. Auch diese Meinungsfeste wird geschliffen. Die Probanden von Andrew Smith durften ihren Kaffeedurst wie gewohnt stillen, bevor der britische Psychologe von der Universität Cardiff seine Untersuchung begann. Und mehr Koffein half tatsächlich mehr, die 60 Teilnehmer bewältigten ihre Testaufgaben im Schnitt schneller.

Doch eines ist wahr: Koffein macht abhängig, jedoch nur leicht, stärkere Entzugserscheinungen als Kopfweh sind nicht zu erwarten. Kaffee kann nervös machen oder eine schlaflose Nacht bereiten. Schwangere sollten nicht mehr als drei Tassen Kaffee pro Tag trinken, empfehlen dänische und amerikanische Ärzte in einer aktuellen Studie. Aber alles halb so wild, außer man trinkt Caffè latte literweise: "Die negativen Wirkungen des Kaffees sind moderat", sagt Andreas Pfeiffer. So viele Indizien erschüttern die Annahme, das Getränk sei Gift für den Körper. Daher sollte man sich beim Kaffee auf das Wesentliche beschränken: den Genuss.