Ernährung Gene prägen Bierbauch und Bikini-Figur

Manche Menschen werden ihren Bierbauch trotz strenger Diät nicht los. Andere können essen, was sie wollen - und bleiben trotzdem schlank.  Nicht selten spielen die Gene dabei eine Rolle. Forscher kommen dem Erbgut bei der Nahrungsverwertung Schritt für Schritt auf die Schliche.

Über Geschmack lässt sich streiten. Aber nicht nur der Gaumen empfindet individuell unterschiedlich, sondern auch die Wirkung von Nahrung im Körper variiert von Mensch zu Mensch: Bei einigen entpuppt sich beispielsweise ein Gläschen Rotwein am Tag als wahre Medizin. Die Inhaltstoffe des Rebensaftes senken die Menge des Cholesterins im Blut und schützen so vor Herzkrankheiten und Kreislaufbeschwerden. Doch andere Weintrinker profitieren kaum vom Rebensaft. Im schlimmsten Fall kann der Alkohol sogar das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs erhöhen.

Das Verzehrte wird nicht nach Schema F, sondern in jedem Menschen um Nuancen verschieden verarbeitet. Die Nutrigenomik widmet sich dem Wechselspiel zwischen Erbgut und Ernährung. "Wir stehen noch ganz am Anfang, diese molekularen Vorgänge vollständig zu verstehen", sagt Ilka Grötzinger vom Netzwerk BioProfil Nutrigenomik in Potsdam. Fest steht: "Die Gene haben ihre Finger im Spiel."

Oft zeugen die Gene als Relikte aus alten Zeiten von der urzeitlichen Ernährung des Menschen. Beispielsweise schützt der Verzehr der Saubohne viele Mittelmeerbewohner vor einer Malaria-Infektion. Dafür ist eine Genmutation verantwortlich, die vor allem in dieser Region auftritt. Auch die Laktose-Intoleranz ist auf ein einzelnes Gen zurückzuführen. Sie tritt vornehmlich bei Völkern in Asien und Südamerika auf und sorgt dafür, dass diese Menschen keine Milch vertragen. Das Gen für das Verdauen des Milchzuckers wird bei ihnen nach der Stillzeit einfach abgeschaltet.

Neben solchen Besonderheiten interessieren sich die Forscher in erster Linie für individuelle Unterschiede in Verdauung und Stoffwechsel. Warum werden einige Menschen von fetter Kost dick, während andere gertenschlank bleiben? Eine Frage, auf die Forscher mindestens ebenso gerne eine Antwort wüssten wie Verbraucher.

Gene entscheiden über Fettpolster

Im US-Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" haben Leipziger Forscher um Stephane Gesta sowie US-Kollegen Anfang April über zwölf Gene berichtet, die festlegen, wo der Körper Fett bunkert. Aus der Aktivität der Erbinformationen konnten die Wissenschaftler zuverlässig die Statur und das Gewicht eines Menschen vorhersagen. Das Erbgut diktiert demnach, wer einen Bierbauch oder dicke Hüften bekommt.

"Es sind Hunderte von Genen, die das Konzert des Stoffwechsels ausmachen. Bei komplexen Erkrankungen wie Krebs sind einige Dutzend Gene beteiligt", sagt Hannelore Daniel, Professorin für Ernährungsphysiologie an der Technischen Universität München. Das Gen GSTT1 etwa gilt als eines von vier Entgiftungsgenen. Liegt seine Aktivität danieder, sammeln sich im Darm Zellgifte an - was auf lange Sicht Darmkrebs auslösen kann.

Umgekehrt kurbelten in Tierversuchen vor allem Ballaststoffe die Aktivität des Gens GSTT1 an. Eine ballaststoffreiche Kost mit Vollkornbrot und Müsli kann daher das Darmkrebsrisiko verringern. "Jede Substanz in einem knusprigen Brötchen kann sich als pharmakologisch wirksame Substanz entpuppen", betont Grötzinger.

Zweifelhafte Ernährungstipps

Ähnlich äußert sich die Münchner Wissenschaftlerin Daniel. "Viele Inhaltsstoffe der Nahrung dirigieren das Konzert der Gene." Belegt ist ein solcher Einfluss unter anderem für Vitamin A, Vitamin D3 und für mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Derzeit untersucht Daniels Forschergruppe, wie sich ein Zinkmangel auf das Erbgut auswirkt.

Obwohl Forscher die Antworten auf viele Fragen nicht einmal ahnen, bieten inzwischen mehrere Unternehmen individuelle Ernährungsempfehlungen auf Basis eines Gentests an. Die Firma Sciona in Boulder (US-Bundesstaat Colorado) ist nur eine von ihnen. Eine Speichelprobe wird hier auf insgesamt 19 Gene durchforstet, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Diabetes in Verbindung stehen.

Das persönliche Genprofil übersetzt Sciona in einen Speiseplan für ein langes und gesundes Leben. "Mehr Milchprodukte, mehr Obst und Gemüse und weniger Kaffee! Achten Sie auf ihren Verzehr an Folsäure" - so oder ähnlich lauten die Ratschläge, die Sciona dem Kunden auf mehreren Dutzend Seiten Papier darlegt. Daniel aber meint, dass 90 Prozent dieser Ratschläge mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung übereinstimmten.

Noch weiß man ihrer Ansicht nach zu wenig, um wirklich gehaltvolle und fundierte Ernährungstipps aus dem Genom abzuleiten. "Der Ernährungsberater der Zukunft wird vermutlich sagen: Zeigen Sie mir ihr Genprofil. Aber er wird sich ganz sicher auch noch nach dem Gesundheitszustand, der Lebenssituation und der Arbeitsbelastung erkundigen", glaubt Grötzinger. Die Ernährungspyramide von heute könnte so einer individuellen Grafik weichen.

Susanne Donner, ddp

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