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SPIEGEL

Kerstin Kullmann

Ernährung Warum wir in Coronazeiten dicker werden – und wer davon profitiert

Liebe Leserin, lieber Leser,

Gutes tun und dabei für die eigenen Produkte werben – weltweit gerieren sich besonders Fast-Food-Ketten und Softdrinkhersteller als Retter in der Not. Dabei werden Erwachsene und Kinder immer dicker.

»Helden Menü« hieß die zweifelhafte Aktion im März vergan­genen Jahres: Burger King spendierte in Deutschland kostenlose Mahlzeiten für Klinikmitarbeiter. Auch Konkurrent McDonald's verteilte in den USA Gratisessen an die Helfer. Bedingung: ein Foto in den sozialen Medien hochladen. Bilder mit glück­lichen Rettungssanitätern, Schwestern und Pflegern samt Fast-Food-Tüte folgten. Burger-Essen und Cola trinken wurden zu Akten der Solidarität. Gutes tun und für die eigenen Produkte werben: Auf diese Idee kamen im Pandemiejahr viele Firmen. Eine Umfrage der NCD Alliance, eines internationalen Verbands zur Bekämpfung von Volkskrankheiten, hat jetzt ergeben, dass sich weltweit dabei vor allem Fast-Food-Ketten und Hersteller von Alkohol und Softdrinks hervortaten.

Foto: Richard B. Levine / imago images

In Entwicklungsländern wie Ghana oder Myanmar spendeten Anheuser-Busch und Heineken Masken und Schutzmaterial. In Indien besorgte und verteilte Pepsi 25.000 Covid-Tests. Während in vielen Ländern Mangelernährung droht, sieht Corinna Hawkes, Leiterin des Centre for Food Policy an der City University in London, das Risiko, dass die Menschen anderswo immer dicker werden – gerade in Corona­zeiten. In den USA, Europa, Lateinamerika, Asien und im Nahen Osten gaben in Umfragen ein Viertel der Erwachsenen an, während der Pandemie zugenommen zu haben. Viele ­erklärten, ihr Essverhalten unter Stress schlecht kontrollieren zu können. »Die Leute greifen öfter zu Snacks«, sagt Hawkes. »Sie essen mehr.«

Auch die Deutschen werden schwerer. Laut Robert Koch-Institut lag das Durchschnittsgewicht zwischen April und August 2020 bei 78,2 Kilo – gut ein Kilo mehr als im Vorjahreszeitraum, und das war noch vor dem Winter-Lockdown. Experten fürchten, dass für Kinder wie Erwachsene dadurch das Risiko steigt, an Adipositas und damit auch an Diabetes oder Bluthochdruck zu erkranken. »Wir haben jetzt ein Zeitfenster, um zu handeln«, sagt Hawkes. Ideen gibt es viele: Steuern auf zuckerhaltige Getränke, Regeln für gesünderes Essen an Schulen, für Lebensmittelspenden. Und weniger Werbung für Junkfood.

Herzlich

Ihre Kerstin Kullmann

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Die USA wollen nicht am Patentschutz für Covid-19-Impfstoffe festhalten. Ob das reicht, um den Kampf gegen die Pandemie  zu gewinnen, fragen meine Kollegen Marian Blasberg und Marco Evers

  • Im Amazonas in Brasilien suchen Wissenschaftler bereits nach dem nächsten Virus , das eine Pandemie auslösen könnte

  • Warum Corona-Berechnungen  besser sind als ihr Ruf, hat meine Kollegin Julia Köppe recherchiert

  • Ein Doktorand der Universität San Diego hat herausgefunden, wie Pelikane es schaffen , elegant über Wellenkämme zu gleiten

Quiz*

1. Wofür steht noch mal das »FFP« in FFP2-Maske?

2. Der höchste Berg Europas ist der Mont Blanc. Doch darüber lässt sich diskutieren, wenn man an den Elbrus denkt. Warum?

3. In welcher Einheit wird die CO2-Konzentration in der Atmosphäre gemessen?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Mehmet Ergün

Es bleibt oft kaum eine Sekunde, um die Internationale Raumstation ISS zu fotografieren, während ihre Silhouette über die Sonnenscheibe zieht: Mit ausgeklappten Solarpaneelen ist der Außenposten im All zwar groß wie ein Fußballfeld, doch rast die ISS mit 28.800 Kilometern pro Stunde um die Erde. Vor einigen Tagen ging die Reise darin für vier Raumfahrer zu Ende. Sie landeten nach knapp sechsmonatiger Mission erstmals mithilfe einer Raumkapsel des Unternehmens SpaceX im Golf von Mexiko bei Florida.

Fußnote

200 Jahre alt sind Stuhlproben aus Neuengland, die Forscher untersucht haben. Sie zeigen die Darmgesundheit der Bewohner im 19. Jahrhundert. Bislang ­hatte man angenommen, dass Parasiten vor allem ärmere Menschen in Städten befielen. Die Proben aus dem Plumpsklo einer reichen Familie enthielten jedoch ebenfalls Eier von Band- und Peitschenwürmern.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten
1) FFP steht für »Filtering Face Piece«
2) Der Elbrus ist mit 5642 Metern Höhe der höchste Gipfel des Kaukasus und der höchste Berg Russlands. Ob er oder der Mont Blanc (4810 Meter hoch) als der höchste Berg Europas anzusehen sind, hängt von der Definition der innereurasischen Grenze ab, für die es keine allgemein verbindliche Festlegung gibt.
3) In ppm, parts per million

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