Ernährung Probiotische Bakterien verkürzen Durchfall

Probiotika überschwemmen den Lebensmittelmarkt, doch ihre Wirkung ist umstritten. Jetzt attestieren Mediziner den besonderen Mikroben immerhin einen positiven Einfluss: Sie lassen Durchfallerkrankungen früher abklingen. Kinder in Entwicklungsländern könnten davon profitieren.
Von Cinthia Briseño
Welcher Joghurt soll's sein? Egal, sagen die Mediziner.

Welcher Joghurt soll's sein? Egal, sagen die Mediziner.

Foto: Daniel Roland/ AP

Lebensmittelhersteller handeln Probiotika gerne als Multitalente: Sie sollen die natürlichen Abwehrkräfte stärken, vor Erkältungen schützen, die Verdauung fördern. Weil in den vergangenen Jahren der Markt von unzähligen Heilversprechen dieser Art überschwemmt wurde, hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit im italienischen Parma EFSA den Herstellern ordentliche Hausaufgaben aufgebrummt: Wer behaupten will, sein Joghurt, Saft oder seine Margarine sei gut für dieses oder helfe gegen jenes, muss das auch wissenschaftlich belegen können, so fordert es die Health-Claim-Verordnung der EU (siehe Kasten links).

Dass sich mit probiotischen Produkten enorm viel Geld verdienen lässt, ist in der Branche längst kein Geheimnis mehr. Viele Lebensmittelriesen haben deshalb ihre Hausaufgaben gemacht, viel Geld in medizinische Studien investiert, und in den letzten Jahren für eine schiere Antrags-Flut bei der EFSA gesorgt. Diese hat jüngst wieder einen Schwung gnadenlos ausgesiebt und 800 Urteile über gesundheitsbezogene Angaben bei Lebensmitteln vorgelegt. Ergebnis: Weniger als die Hälfte der beantragten Gesundheitsversprechen kam durch.

Immerhin aber ist die wissenschaftliche Datenlage zu Probiotika inzwischen recht kommod und umfangreich. Mehr als 6000 Sucheinträge listet die medizinische Datenbank PubMed unter dem Begriff "probiotics". Jetzt haben Experten der internationalen Cochrane Collaboration, ein von Industrie und Interessenverbänden unabhängiges Netzwerk von Wissenschaftlern, einen Aspekt der probiotischen Wirkung genauer unter die Lupe zu nehmen: Helfen Probiotika gegen Durchfall?

Das Cochrane-Netzwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu medizinischen Fragen sogenannte Reviews zu erstellen, in denen der durch wissenschaftliche Studien gesicherte Stand des Wissens zusammengefasst ist. Und der lautet den Wissenschaftlern zufolge in diesem Fall: Ja, probiotische Bakterien helfen gegen akuten Durchfall. Und sie verkürzen messbar die Zeit, die Betroffene an der Magen-Darm-Erkrankung leiden.

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Gesünder essen: Nahrung aus dem Labor

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Erschienen ist die Zusammenfassung in der "Cochrane Library of Systematic Reviews". Dort ziehen Stephen Allen von der Swansea University in Großbritannien und seine Kollegen das statistische Fazit von insgesamt 63 verschiedenen Studien, die sich mit der Wirkung von Probiotika bei Durchfall befassten; die Daten von über 8014 Patienten flossen in ihre Bewertung mit ein, 56 der 63 Studien hatten sich mit Säuglingen und Kleinkindern befasst, denn für sie können Durchfallerkrankungen besonders kritisch sein.

Dass Probiotika einen positiven Einfluss auf den Verlauf von Durchfallerkrankungen haben, gilt schon länger als eine der wenigen wirklich evidenzbasierten Effekte. Das Cochrane-Review aber unterstreicht die bisherigen Ergebnisse klar; unter Medizinern findet eine derartige Metaanalyse immer große Beachtung. Obwohl es sich bei den 63 Studien um sehr verschiedene Ansätze gehandelt habe, seien die meisten zu einem klaren Ergebnis gekommen, berichten die Forscher.

Demnach können Probiotika Durchfall reduzieren, die Mikroorganismen verkürzen die Dauer der Erkrankung durchschnittlich um einen Tag. Voraussetzung aber ist, dass man parallel viel Flüssigkeit zu sich nimmt, um den Verlust von Elektrolyten auszugleichen. Das Risiko, dass der Durchfall mehr als vier Tage andauert, senken Probiotika zudem um knapp 60 Prozent. Nebenwirkungen keine.

Wer von diesen Effekten profitieren könnte, ist aber eine andere Frage. Im Fokus der Mediziner jedenfalls stehen nicht etwa die Konsumenten mit einem Fable für die teuren Produkte von Nestlé  , Danone   und co. Vielmehr sind ansteckende Durchfallerkrankungen vor allem in Entwicklungsländern und bei Kindern ein ernstes Problem: Täglich sterben Tausende von Kindern weltweit an den Folgen einer akuten Durchfallerkrankung; Jährlich macht das den Angaben der Wissenschaftler nach 1,5 Millionen Todesfälle.

Wie möglicherweise der Effekt von Probiotika in Entwicklungsländern ausgenutzt werden könnte, steht aber auf einem anderen Blatt Papier. Die Lebensmittelkonzerne haben bereits begonnen, Kranke als Zielgruppe zu entdecken und gründen fleißig Tochtersparten, in denen Nahrung und Medikamente verschmelzen. Prominentes Beispiel ist der Alzheimer-Drink Souvenaid von Danone, der dem Gedächtnisverlust verlangsamen soll. Allein, Entwicklungsländer werden sich die überteuerten Preisvorstellungen der Konzerne wohl kaum leisten können.

Derweil versuchen Forscher noch, dem Mechanismus der Probiotika auf die Spur zu kommen. Denn wie genau die Mikroben dem Darm helfen ist noch nicht vollständig geklärt. Die bisher favorisierte Theorie ist, dass die probiotischen Keime andere Erreger, krankmachende Bakterien oder Viren, verdrängen weil sie um die gleichen Nahrungsressourcen konkurrieren.

Stephen Allen und seine Kollegen wollen als nächstes genauer untersuchen, welche Bakterienstämme besonders gut wirken, um daraus auch neue Erkenntnisse über die Wirkweise der Mikroorganismen zu gewinnen. Viele Studien haben aber deuten bereits an: Einen signifikanten zwischen normalem Joghurt und einem bestimmten Markenprodukt mit einer speziellen Kultur, gibt es kaum. Ein herkömmlicher Joghurt tut's also auch.

Mit Material von dapd