Ernährung Vitaminpillen bremsen positive Wirkung von Sport

Vitaminpräparate unterdrücken die positive Wirkung von Sport auf die Gesundheit - und können das Diabetes-Risiko erhöhen. Das behaupten zumindest Forscher aus Deutschland und den USA. Sie wettern gegen sogenannte Antioxidantien wie Vitamin C und E, loben aber Obst und Gemüse.

Jena - Die Winzlinge haben eine ziemlich miese Reputation. Bei der Energiegewinnung in den Mitochondrien, den kleinen Kraftwerken in den Zellen unseres Körpers, entstehen ständig sogenannte freie Radikale, also hochreaktive Sauerstoffverbindungen wie beispielsweise Wasserstoffperoxid. Diese schädigen die DNA und die Zellmembran. Viele Forscher glauben, dass sie der Grund für viele Erkrankungen sind - und die Antwort auf die Frage liefern, warum Zellen altern und schließlich sterben.

Bisher lief die ganze Sache so: Um den freien Radikalen beizukommen, wurde eine ganze Heerschar von vermeintlich segensreichen Substanzen angepriesen. Zu diesen sogenannten Antioxidantien gehören zum Beispiel Vitamin C und E. Das Problem: Wissenschaftliche Belege für deren Wirksamkeit lassen sich nicht ohne weiteres finden - und doch ist der Handel mit den vermeintlichen Gesundheitsförderern äußerst lukrativ. Eine Gruppe von Forschern aus Deutschland und den USA setzt nun zur - zumindest teilweisen - Verteidigung der freien Radikale an - und macht gegen Antioxidantien Front.

Forscher um Michael Ristow von der Universität Jena schreiben im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" , dass Antioxidantien negative Effekte haben können. Direkt nach dem Sport geschluckt würden die Substanzen einen Teil der positiven Resultate der Bewegung zunichte machen. Das liege daran, dass die Antioxidantien dafür sorgen, dass die Bewegung die Empfindlichkeit des Körpers für Insulin nicht mehr steigert. Genau diese hohe Insulinempfindlichkeit würde aber das Risiko verringern, an Diabetes vom Typ 2 zu erkranken, so die Forscher.

Die vermeintlichen Heilsbringer sind also nach Ansicht von Forscher Ristow gar keine - ein Befund, der sich mit den Erkenntnissen kanadischer Wissenschaftler aus dem Februar deckt. Und im vergangenen Herbst hatten US-Forscher herausgefunden, dass Vitaminpräparate keine Herzkrankheiten verhindern können. Doch damit nicht genug: Ristow sieht auch die angeblich so unvorteilhaften freien Radikale durchaus positiv. "Freie Radikale wirken langfristig wie ein Impfstoff gegen oxidativen Stress", sagt der Forscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Oder anders ausgedrückt: "Kurzfristig gesteigerte Radikalbildung ist langfristig gesundheitsfördernd." Antioxidantien, so der Wissenschaftler, unterdrückten nur die körpereigene Produktion von freien Radikalen - und damit den beschriebenen Impfeffekt. "Ich sage aber nicht, dass freie Radikale per se gesund sind", schränkt Ristow ein.

In der Untersuchung absolvierten 39 junge Männer vier Wochen lang ein Sportprogramm. Die Wissenschaftler teilten die Probanden in zwei Gruppen ein. Die Männer der ersten Gruppe trieben Sport und nahmen täglich Vitamin C und E ein. Die Männer der zweiten Gruppe trieben ebenfalls Sport, bekamen aber keine Vitaminzusätze. Bei den Männern, die Antioxidantien bekamen, zeigte sich nach dem Sport keine Veränderung in der Menge der freien Radikale. Bei den anderen Männern erhöhte sich hingegen die Menge dieser aggressiven Sauerstoffverbindungen. Nach vier Wochen Training hatte sich die Insulinempfindlichkeit nur bei den Männern verbessert, die keine Antioxidantien erhalten hatten.

Ristow betont indes, dass sich die Aussagen nur auf Vitaminpräparate beziehen. Der gesundheitsfördernde Effekt von frischem Obst und Gemüse bleibe unbestritten. "Sie sind gesund, obwohl sie Antioxidantien enthalten", sagt er. Was jedoch für die segensreiche Wirkung von Obst und Gemüse sorgt, vermag der Forscher nicht zu sagen. Er tippt auf sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe wie etwa Polyphenole.

chs/ddp/dpa