Christian Stöcker

Erneuerbare Energien weltweit Die USA geraten in den Windkraft-Rausch – und wir sollten folgen

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
In den USA und global werden erneuerbare Energien ab jetzt atemberaubend schnell wachsen. Europa droht ins Hintertreffen zu geraten. Eine Subventionsschlacht steht bevor – gut so.
Windpark in Texas: Das neue Öl liegt in der Luft

Windpark in Texas: Das neue Öl liegt in der Luft

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Robert Nickelsberg / Getty Images

Die Website der »Texas Land & Liberty Coalition«  sieht aus wie ein Archiv alter Marlboro-Werbefotos: Cowboys mit Lasso am Gürtel im Gegenlicht oder zu Pferde vor Sonnenuntergang. Die Organisation macht aber keine Werbung für Zigaretten, und sie hat auch nichts mit der »Texas Landowners Coalition« zu tun, die im Auftrag von Fracking-Investoren Stimmung gegen Windenergie macht.

Die »Texas Land & Liberty Coalition« setzt sich für »vernünftige Politik« ein, die »erneuerbare Energien voranbringt, Eigentumsrechte schützt und lokalen Gemeinden nützt«.

»Wir sind auf Wind gestoßen«

Im »Economist« der vergangenen Woche findet sich eine interessante Kolumne , in der ein Vertreter der texanischen Windenergie-Initiative zu Wort kommt. »Saubere Energie ist zu einer liberalen Technologie erklärt worden«, sagt der Mann, Sohn eines Ranchers, Spross einer erzkonservativen Familie. »Wir sind auf Wind gestoßen«, freut sich sein Vater. Ein Acre Land, etwas weniger als ein halber Hektar, werfe acht Dollar ab, wenn man dort Rinder weiden lasse, 15 Dollar, wenn man das Land für die Jagd freigebe – aber Hunderte von Dollar, wenn man dort Windenergie erzeuge.

120 Jahre lang konnten Rancher in Texas reich werden, wenn sie auf Öl stießen. Wenn das mit Wind auch geht, warum nicht?

Im Stich gelassen von der eigenen Partei

Man dürfe Windstrom nur nicht »grün« nennen, so der »Economist«-Kolumnist, den Klimawandel am besten gar nicht erwähnen, und müsse stattdessen saubere Luft und den wirtschaftlichen Nutzen in den Vordergrund stellen. Dann finden ihn auch Texaner sehr amerikanisch. Mittlerweile stellen treue Stammwähler der Republikaner dort fest, dass ihre Partei in Wahrheit gar nicht ihre Interessen im Auge hat, sondern die der Öl- und Gaskonzerne.

Joe Bidens »Inflation Reduction Act« (IRA) soll mit einer Geldspritze von etwa 370 Milliarden Dollar die USA endlich auf einen klimafreundlichen Kurs bringen. In Texas hat man das Gesetz natürlich wütend abgelehnt, aber die Steuervorteile für erneuerbare Energie wird man trotzdem dankbar mitnehmen. Texas ist schon jetzt der größte Windenergieproduzent des Landes . Bald wird es grünen Wasserstoff statt Öl exportieren  – auch dank der Förderung.

Wasserstoff wird sensationell billig

Für ein Kilogramm grünen Wasserstoff gibt es in den USA künftig 60 US-Cent Steuererleichterung . Neueste Technologie soll die Herstellung des Gases für 1,50 Dollar pro Kilogramm erlauben . Ein Kilogramm Wasserstoff speichert fast 40 Kilowattstunden Energie.

Bierdeckelrechnung: Eine Kilowattstunde Wasserstoffenergie würde somit weniger als zweieinhalb US-Cent kosten. Selbst wenn man diese Zahl auf fünf Cent verdoppelt, um Transport, Umwandlungsverluste und so weiter einzupreisen, ist das immer noch mehr als konkurrenzfähig – auch in den USA . Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde aus Erdgas kostet derzeit bei uns mehr als 12 Eurocent , genauso viel wie vor Russlands Angriffskrieg.

Und Wasserstoff kann man einfach durch modifizierte Erdgaspipelines pumpen . Gewaltige Marktveränderungen stehen bevor.

2022 war der Kipppunkt

2022 war das Jahr, in dem erneuerbare Energien bei der Stromerzeugung in den USA die Kohle überholten . Ein globaler Trend: Das Rocky Mountain Institute, ein großer spendenfinanzierter Think Tank, hat gerade ermittelt, dass die weltweite Nachfrage nach fossilen Brennstoffen ein Plateau erreicht  hat – bald geht es bergab. »Wenn wir in zehn Jahren zurückblicken, könnten wir feststellen, dass 2022 ein Wendepunkt war«, hat die Energieexpertin Leah Stokes von der University of California in Santa Barbara kürzlich in der »New York Times« geschrieben .

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Während Kohleverstromung seit Jahren zurückgeht, wachsen erneuerbare Energien auch in den USA langsam aber stetig, schon jetzt. Der Anteil an der Gesamtstrommenge liegt jetzt bei 22 Prozent. Viel weniger als hierzulande  – aber jetzt geht es dort erst richtig los.

1,7 Billionen Dollar Investitionsvolumen

Der Effekt wurde sofort nach der Verabschiedung des IRA sichtbar: Nur zwei Monate danach waren bereits 28 Milliarden Dollar  an Neuinvestitionen in entsprechende Industrieprojekte angekündigt worden. Die Bank Credit Suisse schätzte schon im September 2022 , dass das Gesetz bis 2030 in Wahrheit sogar 1,7 Billionen Dollar an Investitionen mobilisieren werde – aus zwei Gründen.

Erstens: Die Steuererleichterungen, die der IRA enthält, sind zehn Jahre lang nicht gedeckelt. Die Schweizer Banker gehen davon aus, dass sich das Congressional Budget Office der USA massiv verrechnet hat, und das Gesetz am Ende mehr als 800 Milliarden Dollar in Form von Steuererleichterungen kosten werde. Mehr als doppelt so viel wie veranschlagt.

Zweitens: Weil die enorme Förderung auch private Investitionen nach sich ziehen werde, würden am Ende eher 1,7 Billionen, 1700 Milliarden, an Investitionen in erneuerbare Energien, Speichertechnik und Elektromobilität fließen.

Dass die Republikaner, selbst, wenn sie die nächste Präsidentschaftswahl gewinnen sollten, das Gesetz wieder kassieren, erscheint aus vielen Gründen unwahrscheinlich. Es wird Millionen neuer Jobs schaffen . Und, so heißt es in dem Credit-Suisse-Report: »Den Republikanern zuneigende Bundesstaaten werden vermutlich die größten Vorteile ernten, was Investitionen, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Effekte betrifft.«

Beim Geld hört der Kulturkampf auf

Der republikanische Senator Lindsey Graham aus South Caroline zum Beispiel, der treu an der Seite Donald Trumps stand, hat im Oktober 2022 erklärt, sein Staat werde »das Detroit der Batterien«  werden. Der Satz fiel im Zusammenhang mit einer Ankündigung von BMW, dort eine E-Auto- und eine Batteriefabrik für insgesamt 1,7 Milliarden Dollar zu bauen.

BMW ist nicht der einzige europäische Konzern, der jetzt in den USA investieren will – der US-Arm des italienischen Unternehmens Enel etwa wird eine gewaltige Fabrik für Solarzellen dort errichten . Credit Suisse schätzt, dass Solar- und Windenergie in den USA schon 2029 die billigste der Welt werden könnte.

Der in San Francisco ansässige Thinktank Energy Innovation veröffentlichte im August  eine Studie, derzufolge das neue Gesetz bis 2030 zu einer Reduktion der US-Emissionen von 37 bis 41 Prozent gegenüber 2005 beitragen könnte. Das tatsächliche Klimaziel der USA liegt allerdings bei 52 Prozent Reduktion – es reicht also noch lange nicht.

Zuerst begeistert, dann entsetzt

Weitere potenziell wirkmächtige Hebel für mehr Klimaschutz in den USA verstecken sich  im CHIPS-Gesetz, das die heimische Elektronikbranche fördern soll, und im neuen Infrastrukturgesetz.

In Europa war man von all dem Schwung zuerst begeistert, dann entsetzt. Emmanuel Macron nannte den Inflation Reduction Act, der extrem protektionistische Vorgaben  enthält, »superaggressiv«. Das US-Gesetz schreibt etwa vor, dass mindestens die Hälfte der Komponenten einer E-Auto-Batterie in den USA hergestellt sein müssen, um an die 7500 Dollar Steuererleichterung zu kommen. Solar-, Wind- und Geothermie-Projekte werden nur gefördert, wenn der Stahl aus den USA kommt. Und so weiter.

Dieser Protektionismus beunruhigt Freunde des freien Handels sehr , europäische Firmen müssen sich sorgen, von dem bevorstehenden Boom ausgeschlossen zu werden . Europa wird deshalb nichts anderes übrig bleiben, als mit den USA zumindest halbwegs gleichzuziehen.

Jetzt müssen alle zahlen

Das mag gegen die Dogmen des freien Marktes verstoßen, fürs Klima ist es eine gute Nachricht: Im Endeffekt ist der steuerfinanzierte Inflation Reduction Act eine CO₂-Steuer durch die Hintertür. Eine echte CO₂-Steuer hätte in den USA politisch keine Chance gehabt. Jetzt kommt sie über Bande, und alle müssen zahlen.

Ein Marktversagen hinsichtlich der Schäden durch CO₂ gibt es auch in Europa nach wie vor  – auch wenn der Preis für eine Tonne CO₂ mittlerweile bei über 80 Euro liegt, was immer noch viel zu billig ist. Wir alle stehen für die negativen  Externalitäten fossiler Geschäftsmodelle gerade.

Prognose: Die EU wird sich entschließen, beim Subventionswettrüsten mitzumachen. Die Wirtschaftsminister von Deutschland und Frankreich haben das schon angekündigt , Kommissionspräsidentin von der Leyen hat es in Davos in Aussicht gestellt .

Am Ende bezahlt natürlich auch das wieder die Allgemeinheit.

In jedem Fall aber führt so ein Wettbewerb um die beste Förderung dazu, dass endlich passiert, was bitter nötig ist: Große Summen fließen in den zwangsläufigen Umbau unserer Energieversorgung. Das wird sich schnell lohnen.

Immer her mit der Subventionsschlacht. Wir haben es nämlich eilig.

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