Erster Weltkrieg Tunnelstadt unter der Hölle

Es war eines der tollkühnsten Manöver des Ersten Weltkriegs: Um deutsche Truppen zu überraschen, gruben die Alliierten ein gigantisches Tunnelsystem unter der nordfranzösischen Stadt Arras. 24.000 Mann versteckten sich unter der Erde. Jetzt hat ein Archäologe die Gewölbe wiederentdeckt.

Am Abend des 8. April 1917 fand unter Arras ein bewegender Gottesdienst statt. Tief in den Tunneln unter der französischen Stadt lauschten die Männer des britischen Suffolk-Regiments der Predigt des Militärpfarrers. Einige drehten nervös ihren Helm in den Händen. Ab und zu fiel ein kalter Wassertropfen von der Decke. Es war ihr eigener warmer Atem, der hoch oben im Gewölbe am kalten Stein kondensierte. Der Pfarrer sprach von Erlösung und von Auferstehung.

Genau das erwartete die Männer am nächsten Morgen: eine Art Auferstehung. Hoch ans Licht, an die Luft. Hinaus aus den Tunneln, in denen sie sich eine Woche lang vorbereitet hatten - auf ihren Ausfall, mitten hinein in die deutschen Linien. Um 5.30 Uhr am Ostermontag wurden die Türen aufgestoßen. Aus den unterirdischen Quartieren strömten 24.000 Soldaten den überraschten Deutschen entgegen.

Die Tunnel von Arras waren eine der größten Baumaßnahmen des Ersten Weltkriegs. Noch unter dem Schock der Schlacht an der Somme, in der über eine Million Soldaten getötet oder verwundet wurden, suchten die Befehlshaber der Alliierten neue Möglichkeiten der Kriegsführung.

Die Militärs stießen dabei auf Arras, etwa eine Autostunde von Calais entfernt. Die kleine Stadt liegt auf einem ausgedehnten Netz unterirdischer Steinbrüche. Seit dem Mittelalter hatten die Steinmetze Material für Häuser und Kirchen aus dem Boden geholt und dabei riesige Kavernen geschaffen. Einige waren so groß wie die Kathedralen, die mit den Steinen gebaut wurden. Die unterirdischen Hohlräume, so der Plan der Befehlshaber, könnte man verbinden – und damit die Truppen direkt unter dem Feind hindurchmarschieren lassen.

20 Kilometer langes Tunnel-Netzwerk

Es war ein ambitioniertes Vorhaben. Im Oktober 1916 kamen die ersten Männer der New Zealand Tunnelling Company in Arras an. Gemeinsam mit einem Bataillon von britischen "Bantams" – Männer mit einer Körpergröße unter 1,60 Metern, hauptsächlich aus den Bergbaustädten im Norden Englands – begannen sie zu graben. Bald arbeiteten vier Tunnelkompanien mit je 500 Mann rund um die Uhr in 18-Stunden-Schichten. Sie schufen ein 20 Kilometer langes Netzwerk aus mehreren Tunnel-Arten:

  • sogenannte Subways, die nur für Fußgänger geeignet waren,
  • Tramways, die breit genug für zwei einander passierende Handkarren zum Transport von Munition und Verletzten waren,
  • Railways, in denen eine kleine elektrische Bahn fahren konnte.

Die abgetragene Erde wurde mit einem ausgeklügelten System in der Landschaft verteilt, damit aus der Luft nichts von den unterirdischen Aktivitäten zu sehen war.

Die Gewölbe bekamen Strom und Licht aus einem eigenen kleinen Elektrizitätswerk. Große Küchen sorgten für die Verpflegung der Soldaten. Die Toiletten waren einfach – Balken mit Eimern darunter – aber ausreichend für 24.000 Männer. Sogar ein Krankenhaus gab es, das 700 Verwundete aufnehmen konnte, mit einem voll ausgestatteten Operationssaal und eigener Leichenhalle. "Thompson's Cave" nannten es die Soldaten, nach Colonel A. G. Thompson vom Royal Army Medical Corps.

"Als wir das erste Mal das Krankenhaus betraten, fanden wir noch die Gewehrkugeln, die sie angeschossenen Soldaten auf dem OP-Tisch aus dem Körper geholt hatten", sagt Alain Jacques. Der Stadtarchäologe von Arras entdeckte 1990 die erste unterirdische Höhle. An den Wänden standen englische Wörter geschrieben. Doch die Bewohner von Arras erinnerten sich an nichts. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Höhlen noch einmal kurzfristig als Luftschutzbunker gedient, dann jedoch hatten die Leute die alten Türen in ihren Kellern zugemauert und vergessen, was dahinter lag.

Briefe an Familien und Botschaften im Stein: Was die Soldaten der Welt in den Tunneln hinterließen

"Auch das Stadtarchiv wusste nichts von Tunneln", sagt Jacques. "Also ging ich in die Archive der Royal Engineers in Chatham und des Imperial War Museum, und dann wurde klar, was wir da gefunden hatten." 1994 führte eine gebrochene Gasleitung zur Entdeckung von Thompson's Cave. Nach und nach ergab das unterirdische Labyrinth einen Sinn.

Die neuseeländischen Tunnelarbeiter, viele von ihnen Maori, hatten die feuchten Höhlen nach den Städten ihrer fernen, sonnendurchfluteten Heimat benannt. In geografisch korrekter Reihenfolge gelangte man von Auckland im Norden südwärts über Wellington und Christchurch nach Dunedin. In schwarzer Farbe standen die Namen der Städte an den Wänden.

Der Nordteil der Anlage, an dem hauptsächlich die Bantams gearbeitet hatten, verband Glasgow mit Edinburgh, Crewe und London. Ein Seitentunnel führte nach Jersey, Guernsey and Alderney. Nicht nur die geografischen Namen, auch die Tunnel selber unterscheiden sich. "Die Maori bauten Tunnel mit über zwei Metern Deckenhöhe", sagt Jacques. "Durch die Tunnel der Briten dagegen kann man nur leicht gebückt laufen."

Nervenzerreißendes Warten auf den Angriff

Eine Woche vor Ostern begannen die Generäle, die unterirdische Stadt mit Männern zu füllen. Nach und nach verschwanden heimlich die Soldaten in den Kellern – bis unter den Häusern von Arras Tausende Soldaten zusammenkauerten.

Nun galt es zu warten, ohne in der feuchten, konstant 11 Grad kühlen Dunkelheit die Nerven zu verlieren. "Sicher entsprachen die Zustände dort unten nicht den sonstigen Hygienestandards der britischen Armee", meint Jacques. "Aber im Gegensatz zur Front über ihren Köpfen war es immer noch ein vergleichsweise komfortabler Ort." Die Männer vertrieben sich die Zeit. Sie aßen Süßigkeiten und tranken ein wenig Alkohol, um die Angst zu betäuben. Die Spuren des unterirdischen Lebens sind überall zu sehen. Auf dem Müllhaufen in einer Ecke liegen noch eine Dose Turnwrights Toffee Delight und eine leere Flasche Rum.

Ein Soldat malte das Gesicht seiner Freundin auf die Wand neben einer Küchenhöhle - ihre zarten, leicht arroganten Züge, ihr dunkles, welliges Haar. Ein anderer ritzte ein verschnörkeltes Kreuz in eine der Säulen aus Kalkstein. Wieder andere versuchten, die Situation mit Humor erträglicher zu machen. "Gesucht: eine Haushälterin", kritzelte ein Spaßvogel an die Wand der Höhle, die nach der Stadt Waitomo benannt war. Nicht alle waren poetisch veranlagt. "Shannahan 21445 NZET 8/12/16 – 8/4/17" schrieb Private Shannahan. "Er hat den Krieg überlebt", sagt Jacques. Der Neuseeländer kehrte in seine Heimatstadt Wellington zurück und starb dort in den zwanziger Jahren.

3000 Graffiti an den Wänden, Briefe auf dem Boden

Die Soldaten hatten Zeit: 3000 verschiedene Graffiti haben die Archäologen an den Wänden der Höhlen dokumentiert. Die meisten in Englisch, einige in Maori. Aber nicht nur auf den Stein der Wände schrieben die Männer. Einige hatten Papier dabei. In einer stillen Ecke verfasste Private Harry Holland ein paar Zeilen an seine Frau und seinen kleinen Sohn: "Küss' unseren Harry für mich. Wenn ich ihn wiedersehe, werde ich alle verlorene Zeit mit ihm gutmachen." Harry hat seinen Vater nie wiedergesehen. Und auch der zärtliche Brief kam nie an. Jacques fand ihn 91 Jahre später in jener Ecke, in der Holland ihn geschrieben hatte.

Als endlich der Befehl zum Aufbruch kam, wurden die Männer an der Oberfläche von peitschendem Eisregen empfangen. Mehrere tausend von ihnen erlebten den Abend nicht mehr. Dennoch waren die Verluste gering im Vergleich zum brutalen Schlachten an der Somme. 12 Kilometer konnten die Alliierten in den kommenden Tagen vorrücken - ein gewaltiger Vormarsch, gemessen an dem, was im Stellungskrieg sonst üblich war. Doch dann fiel die Frontbewegung wieder ins alte Muster zurück: riesige Verluste für winzige Geländegewinne.

Seit vergangenem Monat ist die "Wellington"-Höhle für die Öffentlichkeit zugänglich. 18 Jahre nach der Entdeckung des ersten Gewölbes hat Alain Jacques die Anlage in ein Museum verwandelt. Dafür musste er zunächst den Widerstand der Behörden überwinden. Die meinten nämlich, man dürfe unter Privathäusern kein öffentliches Museum errichten.

Jetzt machen Beleuchtung und eine über Lautsprecher originalgetreu nachempfundene Geräuschkulisse den Abstieg in die Tunnel von Arras zu einem beklemmenden Nacherleben der Geschehnisse vor 91 Jahren. In der "Wellington"-Höhle war das Suffolk-Regiment stationiert. Es sieht aus, als hätten die Soldaten das Gewölbe erst gestern verlassen. Unter den Latrinenbalken stehen noch die Eimer. Die Konservendosen der letzten Mahlzeit hat niemand weggeräumt. Und auf dem groben Steinblock, der dem Pfarrer bei seiner letzten Osterpredigt als Unterlage für die Bibel diente, klebt noch das Wachs der Altarkerzen.

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