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22. Dezember 2007, 11:30 Uhr

Erwin Rommel

Auf der Jagd nach dem Schatz des "Wüstenfuchses"

Von Jean-Christoph Caron

Gold und Silber liegen vor Korsika auf dem Meeresgrund - so das Gerücht. Angeblich alles Kriegsbeute aus Nordafrika, aus dem Krieg Erwin Rommels, dem "Wüstenfuchs" Hitlers. Wer der Legende auf den Grund geht, findet sich unversehens im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte wieder: dem Holocaust.

Spätsommer 1943. In einem abgelegenen Kloster auf Korsika schuften deutsche Soldaten. Tonnen von Gold, Silber und Juwelen verpacken sie in Munitionskisten, Kriegsbeute aus Afrika. Dann werden die Kisten wasserdicht versiegelt und auf einen Frachter geladen, Kurs Deutschland. Dort aber kommt der "Rommel-Schatz" niemals an. Er wurde versenkt. Eine Variante der Geschichte lautet: Weil einige Soldaten ihn dann in ruhigeren Zeiten für sich bergen wollten. Eine andere: Weil Jagdbomber angriffen, bot ein gezieltes Versenken mehr Sicherheit für die Kisten. Übereinstimmend sind die Varianten der bei Schatzsuchern beliebten Legende nur in einem: Rommels Schatz stammt aus Nordafrika.

Erwin Rommel: Woher stammte sein Schatz - und wo ist er jetzt?
AP

Erwin Rommel: Woher stammte sein Schatz - und wo ist er jetzt?

Nun ist es aber mit einer Kriegsbeute so eine Sache – man erhält sie nicht ohne Raubzüge und Plünderungen. Das aber passt kaum ins Bild des deutschen Afrikakrieges (1941–1943). General Erwin Rommel (1891–1944) gilt vielen noch heute als untadeliger Befehlshaber. Ein Image, an dem schon die NS-Propaganda arbeitete, die den "Wüstenfuchs" zum bravourösen Militärstrategen auf einem exotischen Kriegsschauplatz stilisierte.

Doch das Ringen um die Herrschaft in Nordafrika war eines sicher nicht: ein "sauberer" Krieg, ein Kampf in menschenleerer Wüste, ohne Opfer unter der Zivilbevölkerung. So starben bei mehr als dreitausend Bombardements tausende libyscher Zivilisten, zumeist in den bevölkerungsreichen Küstenstädten, betont der Historiker Ahmed Gallal von der Universität in Bengasi. Die schwersten Luftangriffe gingen auf Rommels Befehl von April bis Juni 1942 auf das zur Festung ausgebaute Tobruk nieder, das seinen Vormarsch nach Ägypten und Palästina blockierte. Doch auch abseits der Städte lauerte der Tod. Da insbesondere die weiten Ebenen Ostlibyens kaum zu kontrollieren waren, legten beide Kriegsparteien Minen aus, Gallal zufolge mehr als zwei Millionen. "Das war das größte Minenfeld weltweit. Ganze Landstriche im Umland von Tobruk sind allein durch Öle und Sprengstoffreste bis heute vergiftet."

War das deutsche Afrikakorps aber auch an Plünderungen beteiligt? Gerüchte, die im Internet kursieren, scheinen die Wehrmacht zu entlasten. Demnach bezöge sich die Legende vom Schatz auf jene rund 211 Tonnen Feingold, die belgische, luxemburgische und französische Banken im Juni 1940 von Paris nach Französisch-Westafrika (dem heutigen Senegal) gesandt hatten, um sie vor den anrückenden Deutschen in Sicherheit zu bringen. 1997 schon wurden aber Mikrofilme von Akten der deutschen Reichsbank wiederentdeckt, die zeigen: Binnen Monatsfrist nach dem Einzug in Paris hatte Hitler dem Vichy-Regime den Rücktransport des Edelmetalls befohlen; ab September 1940 ging das Gold in insgesamt 4944 Kisten für mehr als anderthalb Jahre auf eine abenteuerliche Reise von Dakar nach Berlin, wo es am 26. Mai 1942 eintraf.

Woher könnte Rommels Schatz sonst stammen? Es gibt weitere Erklärungsversuche. Nordafrika war in der Antike ein blühender Landstrich gewesen. Hermann Göring fand Geschmack an den Kunstschätzen Libyens, als er 1939 der Hauptstadt Tripolis und bei dieser Gelegenheit auch Leptis Magna einen Besuch abstattete, einst eine der reichsten Metropolen des Römischen Reichs. Im Libyen der Kriegszeit herrschte das mit Deutschland verbündete Italien, und wenige Monate nach der Visite erhielt der Reichsluftfahrtminister eine lebensgroße römische Venusskulptur als Geschenk.

Die Raubgüter aus Afrika sollten das "Führermuseum" füllen

Doch mit solch wertvollen Gaben sollte bald Schluss sein. Im September 1940 attackierte Italien von Libyen aus das unter britischer Verwaltung stehende Ägypten. Vernichtend geschlagen, mussten sich die Faschisten zurückziehen und suchten die Unterstützung Deutschlands. Und der "Führer" ließ den Duce nicht hängen: Erwin Rommel erhielt 1941 den Oberbefehl über die deutschen Truppen. Er hatte sich bereits in zahlreichen Schlachten ausgezeichnet, vor allem durch seinen Mut, Angriffe persönlich zu leiten – "Wo Rommel ist, ist vorn", lautete ein geflügeltes Wort.

Rommels Krieg in Nordafrika

Rommels Krieg in Nordafrika

Bald nach Kriegseintritt des Afrikakorps stritten sich Italien und die NS-Führung um die zu erwartende Beute. Hitler stellte die Bedingung, sie solle dem zukommen, der sie gemacht habe. Er hatte offenbar auch schon konkrete Pläne für die Verwendung. Der britische Journalist Peter Haining fand kürzlich heraus, dass NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop im Juni 1941 ein SS-Kommando nach Libyen schickte, um Juden dort Gemälde, Kunstobjekte, Silber- und Goldmünzen zu rauben. Die blühende Gemeinde mit etwa 38.000 Mitgliedern unterhielt allein in Tripolis 44 Synagogen.

Haining entdeckte Dokumente, die belegen: Die Raubgüter aus Afrika sollten das "Führermuseum" füllen, das Hitler im österreichischen Linz, der Stadt seiner Jugend, errichten wollte. Ein überraschender Befund, dachten Historiker doch bislang, Raubzüge für Hitlers Museum hätten sich auf Europa beschränkt. Dennoch führt auch dieses Vorhaben nicht zum Rommel-Schatz: Ein leitender Mitarbeiter des "Sonderauftrags Linz" notierte, Ribbentrops SS-Beute habe Berlin erreicht.

Indizien für weitere deutsche Verbrechen in Libyen präsentierte bereits 1995 Maurice Roumani, Professor für Geschichte an der Ben Gurion University in Israel. Als die faschistischen Streitkräfte im Januar 1942 die libysche Hafenstadt Bengasi von den Briten zurückeroberten, plünderten deutsche Soldaten gemeinsam mit arabischen Kollaborateuren das örtliche Judenviertel, so Zeitzeugen. Dabei dürften die Eindringlinge allerdings nur mäßigen Erfolg gehabt haben, denn Ahmed Gallal hört oft folgende Geschichte: "Die Juden im Nordosten Libyens haben Gold und Silber auf ihren Friedhöfen vergraben, sei es mit den Toten oder in leeren Särgen." Nach dem Sieg der Alliierten sollen die Überlebenden ihre Reichtümer wieder aus den Gräbern zurückgeholt haben. Viele hatten allerdings nicht mehr dieses Glück: Anfang 1942 begannen die Italiener, knapp fünftausend libysche Juden in Internierungs- und Arbeitslager umzusiedeln. Allein in einem Lager unweit von Tripolis starben über 560 Menschen binnen weniger als drei Monaten an Entkräftung, Hunger und Epidemien.

"Juden in Frankreich 600 bis 700.000 abschaffen."

Wenn aber der legendäre Goldschatz nicht von den jüdischen Libyern stammt, könnte er der arabischen Bevölkerung gestohlen worden sein? Fest steht nur, dass sie ihrer Lebensgrundlage beraubt wurde. Dazu der Zeitzeuge Aisa Bu Graiem, im Krieg Vorarbeiter und Koch in einem deutschen Luftwaffenerholungsheim: "Viele Tiere wurden den Bauern genommen. Als sich einige bei General Rommel beschwerten, antwortete dieser höflich, die deutschen Soldaten hätten nicht genug zu essen. Aber nach dem Krieg würden die Libyer entschädigt."

Es existiert nur ein einziges Dokument, das den General in Zusammenhang mit Wertgegenständen aus Nordafrika bringt: ein Eintrag im Kalender von Albert Böttcher, Rommels Schreiber. Er habe am 13. Juli 1942 für seinen General Pakete per Flugzeug nach Deutschland überbracht. Doch diese enthielten lediglich Geburtstagsgeschenke für Rommels Frau Lucie. Peter Haining, der den Kalendereintrag entdeckte, fand in Archiven auch den Antwortbrief, in dem sich die Gattin wenige Tage später "für die allerliebsten arabischen Armbänder, Ohrgehänge und Schmuckstücke" bedankte.

Vermutlich war Rommel guter Stimmung gewesen, als er das Präsent zusammenstellte, denn es war ihm wenige Wochen zuvor im zweiten Anlauf gelungen, Tobruk einzunehmen und auch beim ersten Vorstoß auf El-Alamain hatte er die Briten das Fürchten gelehrt. Doch Ende August musste der General die deutsch-italienische Großoffensive dort abbrechen, denn der Treibstoffnachschub durch die Wüste brach zusammen. Am 23. Oktober ging General Bernard L. Montgomery (1887–1976) zum Gegenangriff über; bald durchbrachen Briten die deutschen Stellungen. Zehntausende gerieten in Gefangenschaft. Gegen den Willen Hitlers befahl Rommel den Rückzug nach Tunesien. In einem erst vor wenigen Jahren aufgefundenen Taschenkalender notierte SS-Chef Heinrich Himmler am 10. Dezember 1942 ungeachtet der Niederlage in El-Alamain: "Juden in Frankreich 600 bis 700.000 abschaffen." In diese hohen Zahlen hatte er auch die Juden in Frankreichs Afrikakolonien Algerien, Marokko und Tunesien eingerechnet.

Der Kalendereintrag wirft möglicherweise auch ein neues Licht auf die Ankunft eines hundert Mann starken SS-Kommandos unter der Leitung von Obersturmbannführer Walther Rauff (1906– 1984) in Tunis im November desselben Jahres. Rauff war einer jener NS-Schergen, die den Holocaust auch als technische Herausforderung sahen. Er hatte Lkws als Vergasungswagen für die SS-Mordkommandos in Osteuropa umrüsten lassen. Und auch seine Männer schienen "handverlesen" – und von ihrer "Mission" überzeugt zu sein. "Rauffs Trupp war sehr jung, die meisten waren schon auffällig früh NS-Organisationen beigetreten. Das waren alles hartgesottene Nazis", befand der Historiker Klaus-Michael Mallmann von der Universität Stuttgart.

Wehrmachtssoldaten plünderten durch das jüdische Viertel von Tunis

Advent 1942. In der Avenue de Paris, einer der Prachtstraßen von Tunis, requiriert der SS-Kommandeur eine jüdische Villa als Hauptquartier. Dort errichtet er sein Schreckensregime. Als die Gemeindeführer nicht innerhalb von drei Tagen 3000 Zwangsarbeiter stellen, droht er ihnen mit gezogener Pistole: "Ich bin mit den Juden in Polen und Russland fertig geworden, ich werde euch hier zeigen, wie das geht!"

Noch am selben Tag, dem 9. Dezember, lässt er die Große Synagoge stürmen und die Gläubigen verhaften. Etwa 5000 Menschen, darunter Kinder, Alte und Kranke, werden auf zwanzig Internierungs- und Arbeitslager aufgeteilt. Die aber unterstehen der Wehrmacht, nicht der SS. Es sind einfache deutsche Soldaten, die den jüdischen Gefangenen die harte und gefährliche Zwangsarbeit an den Frontlinien zuweisen. Wenn die Häftlinge Befehle verweigern, sollten ihre Anführer als Geiseln genommen werden, ordnet General Walther Nehring (1892–1983) an, Befehlshaber der Wehrmacht in Tunesien.

Das Pariser Dokumentationszentrum für jüdische Zeitgeschichte hält weitere Berichte über die Verbrechen Deutscher in Nordafrika bereit: Lagerwärter pressen inhaftierten Juden Geld und Juwelen ab, Wehrmachtssoldaten ziehen nachts plündernd durch das jüdische Viertel von Tunis. Im Januar 1943 haben diese Übergriffe solche Ausmaße angenommen, dass die jüdische Gemeinde ausgerechnet Rauff um Schutz anfleht. Und tatsächlich werden – zumindest für eine kurze Zeit – deutsche Patrouillen zur Sicherung für die jüdischen Quartiere abgestellt.

Wie verzweifelt müssen die Menschen gewesen sein, um denjenigen um Hilfe zu bitten, der Juden in die Lager schickt und unter Androhung von Erschießungen Geld erpresst – bis Kriegsende waren es insgesamt knapp neunzig Millionen Francs. Generaloberst Hans-Jürgen von Arnim (1889–1962), Nehrings Nachfolger in Tunesien, deckt die Erpressungen, indem er auf Plakaten verkünden lässt: "Der Krieg war gewollt und vorbereitet vom internationalen Judentum." Die jüdischen Tunesier hätten also für die Schäden der alliierten Bombenangriffe aufzukommen.

Ein SS-Kommanda erbeutet mehr als hundert Kilogramm Gold

Anfang 1943 deutet sich die deutsche Niederlage in Tunesien bereits an. Am 13. Februar erscheint ein SS-Kommando mit zwei Militärlastern auf der Insel Djerba, die mit einer über 2500 Jahre alten jüdischen Gemeinde als das "Jerusalem Afrikas" gilt. Der damals 21-jährige Rabbiner Bouguid Mamou erinnert sich: "Die Deutschen kamen am Sabbat, während unseres Gebets. Sie forderten fünfzig Kilo Gold, sonst würden sie alles zerstören." Zeitdokumente aus dem genannten Pariser Archiv führen aus, dass die SS den Juden nur zwei Stunden gibt und mit der Erschießung der Gemeindeführer sowie der Bombardierung der Siedlungen droht. Der Großrabbiner handelt rasch: "Jeder Jude, der nur etwas Gold am Leibe trug, musste es abgeben: Halsketten, Ringe, Armbänder – einfach alles." Auch vor der Ghriba-Synagoge, dem ältesten jüdischen Gotteshaus Nordafrikas, machen die Nazis nicht Halt. Sie rauben goldene Gedenkplaketten, persönliche Stiftungen im Gedenken an Verstorbene. Doch laut Augenzeugenberichten aus dem Pariser Archiv kommen nur 43 Kilogramm zusammen. Die SS verlängert ihr Ultimatum daher bis zum folgenden Tag, doch sie kehrt nicht zurück. 48 Stunden später besetzen die Alliierten die Insel.

Auch in die jüdischen Viertel von Sfax, Gabès, Sousse und Tunis schickt Rauff seine Männer. Die örtlichen Wehrmachtskommandanten erleichtern ihnen die Raubzüge durch Ausgangssperren. Auf diese Weise erbeutet das Kommando mehr als hundert Kilogramm Gold von Privatleuten, Goldschmieden, Juwelieren und Bankiers. Allein der Materialwert entspräche heute etwa 1,7 Millionen Euro. Ist das vielleicht der Rommel-Schatz?

Nach allem, was Historiker heute wissen, trug der General keine direkte Mitverantwortung am Goldraub der SS in Tunesien. Klaus-Michael Mallmann recherchierte Akten im Militärarchiv Freiburg und beim Auswärtigen Amt. Er fand keinen Beleg für einen Befehl Rommels, der Rauffs Kommando in irgendeiner Weise unterstützt hätte. "Wahrscheinlich haben sich die beiden nie getroffen." Als General Nehring und Walther Rauff Anfang Dezember 1942 die Arbeitslager in Tunis organisierten, befand sich der "Wüstenfuchs" immer noch auf dem Rückzug von El-Alamein. Die kläglichen Reste seines Afrikakorps mussten immerhin mehr als 3200 Kilometer zurücklegen. Erst im Januar 1943 erreichte Rommel die Grenze und verschanzte sich einen Monat später hinter der so genannten Mareth-Linie, einen mit Bunkeranlagen gespickten Verteidigungsgürtel im Süden des Landes. Anfang März beorderte Hitler seinen General zurück, damit dessen Siegerimage nicht unter der absehbaren Niederlage Schaden nähme. Gerade noch rechtzeitig: Am 13. Mai 1943 ergab sich das deutsche Afrikakorps.

Klaus Keppler ist Rommels Schatz dicht auf den Fersen

Ist also der Rommel- in Wirklichkeit ein Rauff-Schatz? Dokumente des US-Geheimdienstes aus der unmittelbaren Nachkriegszeit liefern Hinweise, dass das von tunesischen Juden geraubte Gold in der Tat nie in Deutschland ankam, tatsächlich aber nach Korsika gelangte. Bislang hieß es zumeist, Rauff sei kurz vor der Kapitulation nach Italien geflogen und Anfang September zum Kommandeur der SS-Sicherheitspolizei über "Oberitalien-West" nach Mailand berufen worden. Was geschah in den vier Monaten dazwischen? Im November 2006 wurde ein Geheimdokument aus dem Archiv der CIA für die Öffentlichkeit freigegeben, das belegt: Rauff leitete von Juli bis zum 8. September 1943 einen Trupp der SS-Sicherheitspolizei auf Korsika, darunter dreißig seiner Männer aus Afrika. Ein Zeuge berichtete dem amerikanischen Geheimdienst nach dem Krieg jedoch, der Obersturmbannführer sei in Zivil und mit einem gefälschten französischen Pass eingereist. Ein offizieller Kommandoantritt sieht anders aus – Rauff kam in geheimer Mission.

Nach dem Krieg vermutete der Abt des Kapuzinerklosters St. Antoine, dass die SS den Goldschatz zeitweise in seinem Kloster versteckt habe, denn die Mönche hatten nach Abzug der Nazis einige leere Kisten entdeckt. St. Antoine liegt oberhalb der korsischen Hafenstadt Bastia und hätte zahlreiche Versteckmöglichkeiten geboten. Ein weiteres Indiz, aber noch kein schlagender Beweis.

Anfang September 1943 verstärkten die Alliierten ihre Fliegerangriffe auf die Insel, am 20. des Monats begannen die deutschen Truppen mit der Evakuierung. In der Hafenstadt La Spezia, die Korsika auf dem italienischen Festland gegenüberliegt, fiel einem britischen Sonderkommando beim Sturm auf das deutsche Hauptquartier ein Dokument in die Hände, dessen Bedeutung erst Peter Haining erkannte: Es berichtet von sechs Metallkisten voller Gold und Silber, die verloren gingen und nun vor der korsischen Küste liegen.

Kirners Karte war falsch

Die Schatzlegende hat also einen wahren Kern. In die Welt setzte sie der mittlerweile verstorbene SS-Mann Walter Kirner, der sich zeitweise den Decknamen Peter Fleig gab. Am 3. Juni 1948 nahmen ihn französische Grenz-Gendarmen bei der Einreise in die Militärzone Korsikas fest. Er gab sich als tschechischer Geschäftsmann aus. Als die Polizisten seine SS-Blutgruppentätowierung entdeckten, gab er zu Protokoll, um den 10. September 1943 für die SS Gold aus Afrika in sechs Metallkisten verschweißt und vor der Insel versenkt zu haben.

Kirner präsentierte eine Art Karte, die auf vergilbtem Millimeterpapier den Küstenverlauf mit Zahlenangaben zeigte. Französische Regierungsstellen finanzierten noch im gleichen Jahr eine Tauchexpedition, bei der ihr Informant als Taucher zwangsverpflichtet wurde. Doch die Suche blieb ergebnislos. Ein deutscher Journalist wies Anfang der 1960er Jahre nach, dass Kirner im Spätsommer 1943 gar nicht auf Korsika gewesen sein konnte – er hatte verletzt in einem Lazarett in der Sowjetunion gelegen. Kirner hatte offenbar gelogen, waren seine Karten also falsch? Doch warum nahm er dann nach dem Krieg Tauchunterricht? Möglicherweise hatte der SS-Mann die Unterlagen von einem anderen erhalten, als einfacher Straßenarbeiter vermochte er die Skizzen und Zahlenangaben darauf aber nicht zu deuten.

Jahrzehntelang um immer neue Geldgeber bemüht, streute Kirner Gerüchte: "Schmuck, Edelsteine, religiöse Objekte und Gold – etwa vier Tonnen schwer." Immerhin decken sich die Angaben über die Art der Schätze mit denen jüdischer Dokumente. Die Halbwahrheiten machten seit den 1950er Jahren Schlagzeilen. Im März 1956 brachte eine deutsch-italienische Produktion sogar einen Spielfilm über den Rommel-Schatz in die Kinos.

Doch trotz aller Anstrengungen liegen die Kisten wohl noch heute vor Korsikas Küste auf dem Meeresgrund. Deutschlands wohl erfolgreichster Profi-Schatzsucher Klaus Keppler ist sicher: "Wenn jemand dort mehrere schwere Schatzkisten bergen würde, dann wäre das kaum zu verheimlichen." Damit meint er nicht nur wachsame korsische Zöllner. Der amerikanische Millionär Edwin Link und der irische Lord Kilbracken gerieten auf ihrer Expedition 1963 wohl ins Visier der damals berüchtigten korsischen Mafia. Sie sandte einen Drohbrief: "Der Schatz gehört uns! Halten Sie sich von Korsika fern!"

Klaus Keppler schreckt das nicht. Seit mehr als dreißig Jahren forscht er nach dem Rauff-Schatz, zuletzt, aber nicht zum letzten Mal, im Februar 2007. Der Schatztaucher sammelte bereits Erfahrung im südchinesischen Meer. Dort barg er Porzellan, Silber und Gold aus einer vor Jahrhunderten versunkenen Dschunke. Er entdeckte auch ein Schiffswrack des legendären Piraten Henry Morgan vor Haiti. Dazu investierte Keppler in moderne Technik, etwa ein Side-Scan-Sonar, das den Meeresboden mit Ultraschallimpulsen nach ungewöhnlichen Strukturen abtastet, sowie ein Cäsium-Magnetometer, mit dem sich Metallobjekte selbst unter einer dicken Sandschicht finden lassen.

Die Schatzsuche geht weiter

Vor allem aber erwarb er ein Familienfoto aus dem Nachlass Walter Kirners. Es war in ein Album eingeklebt, sodass jahrzehntelang niemand die Skizze auf der Rückseite bemerkt hatte: ein dreieckiges Areal mit Peilzahlen. Keppler ist überzeugt, die originale Schatzkarte in den Händen zu halten – während Kirners Skizze auf Millimeterpapier nur eine fehlerhafte Kopie war. Nach seinen Berechnungen verweist die Zeichnung entweder auf ein Gebiet südlich der Hafenstadt Bastia an der Mündung des Flusses Golo oder auf eines weiter nördlich am Cap Corse. Tatsächlich entdeckte sein Team bei der diesjährigen Kampagne nicht nur Wracks amerikanischer Jagdbomber und eines deutschen Torpedobootes, düstere Zeugnisse der heftigen Luftangriffe auf die deutschen Stellungen Korsikas. Das Magnetometer meldete auch mehrere größere Metallobjekte im Meeresboden. Doch bevor die Taucher dem nachgehen konnten, zwangen stürmische Winde das Schiff in den sicheren Hafen. Auch in den Folgetagen blieb die See meist rau, Keppler musste das Unternehmen abbrechen. Für dieses Jahr.

Erwin Rommel setzte seinem Leben im Oktober 1944 mit einer Giftkapsel ein Ende, denn ansonsten hätte er sich wegen einer angeblichen Beteiligung am Stauffenberg-Attentat vor dem Volksgerichtshof verantworten müssen. Ein letztes Mal bediente sich die Nazi-Propaganda seiner Person und verklärte den Suizid zum tragischen Tod des Helden bei einem Tieffliegerangriff.

Mehr Glück hatte Walther Rauff. Im Mai 1945 in Mailand verhaftet, gelang ihm doch wenig später die Flucht nach Chile. Dort starb er 1984, ohne jemals zur Verantwortung gezogen worden zu sein. Rauff war williger Teil eines Unternehmens, dessen Ziele und Unmenschlichkeit noch immer nicht im vollen Ausmaß begriffen werden – die Vernichtung der jüdischen Gemeinden, nicht allein in Deutschland oder Europa, sondern auch auf fernen Kriegsschauplätzen. Dass jetzt Ansprüche ehemaliger Zwangsarbeiter aus Nordafrika auf den Wiedergutmachungsfond der Bundesregierung akzeptiert wurden – nicht zuletzt gestützt auf die jüngsten Forschungsergebnisse von Journalisten und Historikern – hat angesichts der wenigen noch lebenden Betroffenen eher eine symbolische Bedeutung: Erstmals offiziell anzuerkennen, dass Deutsche auch in Afrika Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen.

Der Historiker Jean-Christoph Caron ist Autor und Redakteur zahlreicher Fernsehdokumentationen, unter anderem auch eines ZDF-Berichts zu "Rommels Schatz".

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