Evolution Schon Babys sind selbstlos

In einem Experiment halfen Kleinkinder anderen, obwohl das für sie ein Nachteil war und sie den Begünstigten nicht kannten. Warum Altruismus so erfolgreich ist.
Schon Anderthalbjährige erkennen, wenn andere Hilfe brauchen

Schon Anderthalbjährige erkennen, wenn andere Hilfe brauchen

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romrodinka/ Getty Images/iStockphoto

Eine Forscherin und ein anderthalbjähriges Baby sitzen an einem Tisch. Das Kind hat Hunger, denn eigentlich ist Essenszeit. Scheinbar aus Versehen lässt die Forscherin eine Banane fallen. Wortlos müht sie sich, die Frucht zu erreichen, die genau vor die Füße des hungrigen Kindes gefallen ist. Was wird es tun? Die Banane schnappen und selbst aufessen oder helfen?

Forscher der Universität Washington haben den Test gemacht, berichten sie im Fachblatt "Scientific Reports" . Ergebnis: Immerhin jedes dritte Kleinkind hob das heruntergefallene Obst auf und gab es zurück. Wenn sie nicht hungrig waren, half sogar mehr als die Hälfte der Kinder. Für die Forscher ist das ein Zeichen, dass selbst Anderthalbjährige selbstlos handeln können, auch wenn es zu ihrem eigenen Nachteil ist und sie den Begünstigten nicht kennen.

"Selbstlosigkeit ist eine entscheidende menschliche Eigenschaft und ein wichtiger Teil des moralischen Gefüges unserer Gesellschaft“, sagt Rodolfo Cortes Barragan, einer der Studienautoren. "Wir wollten wissen, wo dieses typisch menschliche Verhalten herkommt." Dafür untersuchten die Forscher das Betragen von etwa hundert Kindern im Alter von 18 Monaten.

Selbst Graupapageien helfen Artgenossen ohne Gegenleistung

Ob ein Kind half oder nicht, hing entscheidend vom Verhalten des Erwachsenen ab. Versuchte er, an das heruntergefallene Obst heranzukommen, löste das bei vielen Kindern den spontanen Wunsch aus, zu helfen. Wenn der Erwachsene dagegen keine Anstalten machte, an das Essen heranzukommen, blieben die Kinder reglos sitzen. Wer will sich schon aufdrängen?

Evolutionär betrachtet zahlt sich selbstloses Verhalten aus. Viele Vogelarten helfen ihren Eltern beispielsweise dabei, weitere Küken aufzuziehen. Der Grund: Geschwister mit denselben Eltern sind untereinander ebenso eng verwandt wie Eltern mit ihren Kindern, im Schnitt teilen sie die Hälfte ihrer Gene. Wer Bruder und Schwester unterstützt, sorgt also dafür, dass sich das eigene Erbgut durchsetzt. Einige Tiere wie Arbeiterbienen verzichten sogar komplett auf die eigene Fortpflanzung, um die Geschwister aufzupäppeln.

Selbstlose Hilfsbereitschaft gibt es im Tierreich jedoch nicht nur unter Verwandten. Graupapageien helfen ihren Artgenossen sogar ohne Gegenleistung.

In einem aktuellen Experiment  konnte ein Graupapagei-Weibchen namens Bella Marken gegen Essen eintauschen: Mit einer Marke bekam nur sie etwas zu fressen, mit der anderen auch ihre Artgenossin Kimmi. Als Bella das Prinzip verstanden hatte, wählte sie fast immer die Marke, mit der auch Kimmi an Futter kam.

Der Mensch hilft nicht immer, aber er kann

Kein Tier hat diese Form der Zusammenarbeit so perfektioniert wie der Mensch. Nur Homo sapiens geht jeden Tag zur Arbeit, weil er darauf vertraut, dafür bezahlt zu werden. Er lässt andere Menschen spontan an der Kasse vor, die nur eine Milchtüte kaufen wollen und hält anderen die Türen auf, wenn die keine Hand frei haben. Er hilft nicht immer, aber er kann.

Studien weisen darauf hin, dass soziales Verhalten beim Menschen angeboren ist. Allerdings hat die Selbstlosigkeit Grenzen. Wer einander kennt, hilft sich eher. Und: Menschen sind vor allem dann hilfsbereit, wenn sie glauben, der andere ist anständig. In einem Experiment bekamen Einkäufer eher den Vortritt, wenn sie eine Milchtüte kauften. Hielten sie ein Bier in den Händen, mussten sie sich meist hinten anstellen.

"Wenn wir herausfinden, wie wir selbstloses Verhalten bei unseren Kindern fördern", sagt Studienautor Barragan, "könnte uns das einer hilfsbereiten Gesellschaft näherbringen".

koe
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