Erziehung Liebe Leserin, lieber Leser,


eins vorneweg: Der Papst ist anderer Meinung. Als er kürzlich Kleinkinder in der Sixtinischen Kapelle taufte, drückte er zwar Verständnis dafür aus, dass Eltern sich manchmal uneins sind. "Aber macht es so", sagte er, "dass die Kinder es nicht hören, dass sie es nicht sehen - ihr kennt nicht die Angst, die ein Kind bekommt, wenn es die Eltern streiten sieht." So erhielten die Mütter und Väter den nicht ganz neuen Tipp: Schluckt den Ärger runter, bis die Kleinen im Bett sind.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 23/2019
Die neue Apo: Wie die Generation YouTube die deutsche Politik aufmischt

Ganz gleich, was man davon hält, Erziehungsratschläge vom Oberhaupt der katholischen Kirche zu erhalten: Wer in einer Partnerschaft mit Kindern lebt, der weiß, wie das ist, wenn man vor Wut in die Tischkante beißen könnte, sich aber zusammenreißt, weil man sich vor dem Nachwuchs nicht streiten möchte. Oder nicht laut. Oder überhaupt nicht.

Irgendwie tut man es dann aber doch. Dann fallen beim Tischdecken ein paar passiv-aggressive Kommentare, oder man grinst sich so falsch durchs Abendessen wie der Schimpanse aus der Trigema-Werbung.

Wer sich auf diese Weise davon abhält, herumzubrüllen oder Geschirr zu zerschlagen, tut damit wahrscheinlich das Richtige.

Doch wer einem Ärger, der seit Tagen oder Wochen schwelt, damit begegnet, dass er den Kindern immer weiter die heile Welt vorspielt, tut höchstwahrscheinlich das Falsche. Ist Streit im Anmarsch, spüren es die Kinder. Erklärt ihnen niemand, was los ist, geben sie sich unter Umständen selbst die Schuld daran. Schlimm genug. Doch das Problem ist noch größer.

picture alliance / PhotoAlto

Eine Studie ergab jetzt: Wer nicht gelegentlich vor seinen Kindern Emotionen zeigt, riskiert, dass sie schlecht lernen, wie man die eigenen Gefühle reguliert und Konflikte löst. Eltern, die sich verstellten, steckten die Kinder in Experimenten mit ihren negativen Emotionen an - ob sie es wollten oder nicht. Man weiß, dass es schon Babys stresst, wenn das Gesicht der Mutter zur Maske wird, hinter der sie ihre Gefühle versteckt. Auf der anderen Seite: Ungezügelte Wut stresst auch.

Wie streitet man nun richtig? Was raten Forscher? Dass Kinder durchaus mal mitbekommen dürfen, wie ein konstruktiver, kultivierter Streit aussieht. Ohne Gewalt, ohne Beleidigungen. Dass man ihnen erklären kann, um was es geht und wie man das Problem löst. Vom angespannten Anfang bis zum hoffentlich versöhnlichen Ende. Denn auch richtig streiten will gelernt sein. Von Eltern wie von Kindern.

Herzlich

Kerstin Kullmann


Feedback & Anregungen?

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Apropos Streit: In der "New York Times" beschreibt Estelle Erasmus hervorragend, wie Kinder - und Eltern - mit Streit in der Schule umgehen können. Kleiner Tipp: immer erst mal runterkommen.
  • Wie fängt man einen Bienenschwarm? Wenn die Tiere im Frühsommer eine neue Bleibe suchen, verirren sie sich in der Stadt auch mal. Ehrenamtliche Schwarmfänger packen sie wieder in die Kiste.
  • Ich beobachte gern Vögel, auch online. Auf Seal Island im US-Bundesstaat Maine brüten gerade die Papageientaucher. Vogelpaar Millie und Willie hüten ein Ei im Nest.
  • Nur im Schlaf können wir neue Informationen langfristig abspeichern. Wie das Gehirn dabei Wichtiges herausfiltert, erklärt ein Neurowissenschaftler.
  • Ob Frühstücksflocken, Fertiggebäck oder Eiscreme: Stark industriell bearbeitete Lebensmittel machen uns krank. Zwei Studien aus Frankreich und Spanien belegen neu, wie sehr und warum.
Elementarteilchen - der wöchentliche Wissenschafts-Newsletter. Elementarteilchen ist kostenlos und landet jeden Samstag gegen 10 Uhr in Ihrem Postfach. Abonnieren Sie den Newsletter hier:

Quiz

"42: Answer to the Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything" (Douglas Adams)
  • Wie viele km/h schafft die am schnellsten fliegende Fliege?
  • Worunter leidet ein Phonagnostiker?
  • Wie viele Dezibel laut ist unsere Atmung?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter

Bild der Woche

Jason Weingart

Tornado Alley, so nennen die Amerikaner den Korridor im Zentrum der USA, der häufig von Wirbelstürmen heimgesucht wird. In den vergangenen 30 Tagen hat der Nationale Wetterdienst mehr als 500 Tornados gezählt. Eine solche Häufung gab es seit 2011 nicht mehr.

Fußnote

50 Lux Beleuchtungsstärke - so hell, wie das Licht bei vielen Menschen abends zu Hause eingestellt ist - können bereits den Anstieg der Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin um mehr als 100 Minuten verzögern. Das fanden Forscher der Monash University in Melbourne heraus. Selbst 30 Lux, also ein recht schummriger Schein, führten dazu, dass das Hormon bei manchen Probanden erst weit über eine Stunde später vermehrt ausgeschüttet wurde. Wie sensibel der Einzelne dabei auf das Licht reagierte, war von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: Die Bremse Hybomitra hinei schafft 145 km/h. / Darunter, andere Menschen nicht an ihrer Stimme wiedererkennen zu können / Zwischen 10 und 20 dB

Mehr zum Thema
Newsletter
Elementarteilchen - der Wissenschafts-Newsletter


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Paspill 01.06.2019
1. Warum überhaupt streiten?
Ich bin jetzt seit über 8 Jahren mit meiner Freundin zusammen. Gestritten haben wir bisher nicht, warum auch? Mit Frauen zu streiten ist reine Zeitverschwendung. Die meisten Streitereien bei Paaren entstehen dadurch, dass der Mann der Frau alles überlässt und sich damit praktisch unterordnet. Frauen suchen aber nach einem Mann, der sie führen kann und die wichtigen Entscheidungen trifft. Wenn mir etwas egal ist (und das ist es mir meistens) entscheide ich so, dass ich ihrem Wunsch entspreche. Das macht sie glücklich. In den restlichen Fällen entscheide ich. Wenn sie ein Problem damit hätte: Sie weiß wo die Tür ist. Das macht sie scharf!
jufo 01.06.2019
2. Zu pauschal
Es kommt darauf an ob sich die Eltern lösungsorientiert oder destruktiv auf gegenseitige Vernichtung hin streiten. Letzteres sollten sie bitte unter sich ausmachen, als Vorbild taugt es nicht.
Herr Knigge 01.06.2019
3. @Paspill
zu viel in der PUA-Fibel geschmöckert lieber Paspill? Menschen möchten, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. Natürlich macht es keinen Sinn sich über Nichtigkeiten zu streiten. Aber es macht auch keinen Sinn relevante Entscheidungen nicht zusammen zu diskutieren und zu einem Konsens zu kommen, sondern nach Gutsherrenart zu entscheiden. PS: Frauen zähle ich zu der Spezies Mensch dazu ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.