Neues Voting Jetzt können die Zuschauer ein ESC-Ergebnis noch kippen

Der Eurovision Songcontest ändert sein Votingsystem. Die Entscheidung des Publikums bekommt mehr Gewicht. In den Vorjahren hätte dieser Modus ganz andere Ergebnisse beschert.

Fans des Eurovision Song Contest in Stockholm
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Fans des Eurovision Song Contest in Stockholm

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"Germany twelve points, l'Allemagne douze points" - das ist Musik in den Ohren der deutschen ESC-Fans. Wenn am Samstagabend in Stockholm die Punkte der 26 Finalisten verlesen werden, wird es aber einen entscheidenden Unterschied zu den Vorjahren geben.

Die aus insgesamt 42 Teilnehmerländern verkündeten Punktzahlen markieren nur einen Zwischenstand. Das endgültige ESC-Ergebnis ergibt sich erst später, wenn die Punkte des Publikumsvotes hinzugerechnet werden. Und das bedeutet: Die Anrufer können ein Ergebnis noch kippen.

Dahinter steht ein neues Abstimmungsverfahren. Bisher gab jedes Land seinem Erstplatzierten 12 Punkte, dem Zweiten 10, dem Dritten 8, dem Vierten 7 Punkte und so weiter. Ab diesem Jahr kommen aus jedem Land aber zweimal 12 Punkte, zweimal 10 und so weiter.

Über die erste Hälfte der Punkte entscheidet eine Fachjury aus dem jeweiligen Land. Die anderen Punkte werden entsprechend dem Publikumsvote vergeben, also laut den Stimmabgaben der Zuschauer via Telefon, SMS oder App.

Das klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch. Doch auch das bisherige Abstimmungsverfahren war kompliziert - nur dass das kaum jemand mitbekam. Viele Zuschauer dürften nicht einmal gewusst haben, dass die Stimmenvergabe eines Landes nur zum Teil übers Telefonvoting bestimmt wurde.

In fast allen Ländern entschied eine fünfköpfige Jury mit - ihr Urteil und das Televote ergaben dann zusammen das Gesamtvoting. Der ESC war und ist, wenn man so will, eine Mischung aus Demokratie und Expertokratie, denn die Jurys werden mit Vertretern aus der Musikbranche besetzt.

ESC-Gewinnerin Conchita (2014): Beim Publikum viel beliebter als bei Jurys
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ESC-Gewinnerin Conchita (2014): Beim Publikum viel beliebter als bei Jurys

Der neue Punktemodus erhöht auf jeden Fall den Einfluss des Publikums. Denn bisher konnte es theoretisch passieren, dass ein Kandidat oder eine Kandidatin die meisten Stimmen der Zuschauer eines Landes erhielt, aber trotzdem nur Null Punkte bekam, weil die Jury den Song sehr schlecht bewertete.

Wie stark die Votes von Jury und Publikum voneinander abweichen, zeigte sich vor einem Jahr. Damals gewann Schweden den ESC, hätten aber allein die Stimmen der Zuschauer gezählt, wären die drei Tenöre aus Italien die Sieger gewesen.

Voting beim Eurovision Song Contest (ESC)
Punktevergabe bis 2015
Die fünfköpfige Jury jedes Landes legt eine Rangfolge der 26 Finalisten fest. Der erste bekommt einen Wertungspunkt, der zweite zwei und so weiter. Aus dem Publikumsvote ergibt sich eine zweite Rangfolge samt Wertungspunkten. Die Punkte von Jury und Publikum werden für jeden Künstler addiert und daraus ergibt sich eine Gesamtrangfolge, in der die Künstler mit den kleinsten Wertungspunktzahlen ganz oben stehen. Nun werden die eigentlichen Punkte verteilt: Platz eins der Liste erhält zwölf, Platz zwei zehn, Platz drei acht, Platz vier sieben und so weiter bis zu Platz zehn einen Punkt.

Eine Jury kann einen Publikumsliebling auch nach unten Voten. Beispiel ESC 2014: In Russland kam Conchita Wurst bei den Televotes auf Rang 3. Die russischen Jurymitglieder wählten den ESC-Gewinner aber nur auf Platz 11, weshalb Österreich in der offiziellen russischen Gesamtwertung auf Platz 6 rutschte und nur 5 Punkte bekam.
Neues Verfahren ab 2016
Die fünfköpfige Jury jedes Landes legt weiterhin eine Rangfolge der 26 Finalisten fest. Platz eins erhält zwölf Punkte, Platz zwei zehn, Platz drei acht, Platz vier sieben und so weiter bis zu Platz zehn einen Punkt. Hinzu kommen die Punkte vom Publikumsvote. Auch hier gibt es eine Rangliste und Platz eins erhält zwölf Punkte, Platz zwei zehn und so weiter. Am Ende werden die Punkte von Jury und Zuschauern addiert. Deshalb werden insgesamt auch doppelt so viele Punkte vergeben wie beim bisherigen Verfahren.
Bekanntgabe des Ergebnisses
Nach dem Ende des Votings verkünden Moderatoren aus 42 Ländern die Ergebnisse der Juryvotings. Genannt wird nur der Erstplatzierte, der zwölf Punkte erhält. Alle übrigen Punkte werden eingeblendet. Wenn alle 42 Juryvotings bekannt sind, steht das Ergebnis aber noch nicht fest. Denn es fehlen ja noch die Punkte vom Televoting.

Die beiden schwedische Moderatoren Måns Zelmerlöw und Petra Mede nennen dann die Punktzahlen, die jedes Land beim Televote bekommen hat ( beginnend mit dem Land mit den wenigsten Punkten). Die Zuschauer erfahren dabei nicht, aus welchem Land die jeweiligen Punkte kommen, es wird immer nur die Summe genannt. Die detaillierten Ergebnisse des Zuschauervotes werden nur auf eurovision.tv und und eurovision.de veröffentlicht.

Paradoxe Ergebnisse

Auf der Eurovision-Webseite werden die Auswirkungen des neuen Votingsystems am Beispiel des Vorjahres vorgerechnet. Am ersten Platz für Schweden hätte sich nichts geändert, aber Italien wäre zumindest Zweiter geworden und hätte Russland auf Rang drei verdrängt.

Deutschland, im Vorjahr mit null Punkten gedemütigt, wäre immerhin auf 29 Punkte gekommen und nicht mehr auf dem letzten Platz gelandet - weil der Song von Ann Sophie bei den Jurys immerhin 24 Punkte eingeheimst hätte, außerdem 5 Punkte beim Publikum.

Das erscheint paradox, ist aber eine Folge des auch bislang schon komplizierten Votingsystems. Denn beim Wettbewerb werden zwei Teilergebnisse zu einem Endergebnis zusammengeführt - und je nachdem, wie man dabei die Stimmen gewichtet, kommt immer eine etwas andere Rangfolge heraus.

Wie gegenläufig Vorlieben von Jury und Publikum mitunter sind, zeigte sich auch 2014, als Österreich den ESC gewann. Hätten ausschließlich die Televotings entschieden, wäre der Triumph des Travestiekünstlers Conchita Wurst viel deutlicher ausgefallen.

Ein von allen als gerecht empfundenes Wahlsystem ist ein anspruchsvolles, aber kaum erreichbares Ziel - nicht nur beim ESC, sondern auch in der Politik. Selbst bei einer Bundestagswahl gab es schon absurde, widersinnige Ergebnisse. Weil dabei Direktmandate und Listenplätze kombiniert werden, war in Einzelfällenein negatives Stimmgewicht möglich. Weniger Stimmen für eine Partei in einem Land konnten paradoxerweise zu einem Sitz mehr im Parlament führen, weil sich Überhangmandate zwischen Bundesländern verschoben.

Mehr Gerechtigkeit?

Das neue Punktesystem beim ESC ist sicher fairer aus Sicht des Publikums. Wirklich transparenter ist es aber nicht. Denn während der Show werden nur die von den Jurys vergebenen Punkte angesagt. Wer erfahren will, welcher Künstler zum Beispiel von den deutschen Zuschauern zwölf Punkte erhalten hat, muss im Internet nachschauen. So war das auch schon in den Jahren zuvor.

ESC 2014: Punktestand aller Länder nach Abstimmungsart
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ESC 2014: Punktestand aller Länder nach Abstimmungsart



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