Essay zur Meeresarchäologie Die Neiddebatte um Franck Goddio

Franck Goddio gilt als erfolgreichster Unterwasser-Archäologe der Welt - obwohl er nie Archäologie studiert hat. Kritiker werfen dem Franzosen vor, Wissenschaft durch bunte Show zu ersetzen. Eine Neiddebatte, meint der Frankfurter Althistoriker Manfred Clauss.


Im Februar 2005 erschien in der Zeitschrift "Science" ein Bericht über eine Tagung, die vom 18. bis 19. Dezember 2004 in Oxford stattgefunden hatte: "Stadt und Hafen: die Archäologie des antiken Alexandria". Darüber hinaus erhielt der Beitrag einen Kommentar zur Gründung des Oxford Centre for Maritime Archaeology (OCMA), das sich mit der Tagung der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorstellte.

Das Institut hat die Aufgabe, die unterwasserarchäologischen Funde des von Franck Goddio gegründeten Institut Européen d'Archéologie Sous-Marine (IEASM) in Ägypten, im Hafenbecken von Alexandria und in der Bucht von Abukir wissenschaftlich aufzuarbeiten. Die dortige Tätigkeit des IEASM erfolgt in enger Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden, vor allem der Altertümerverwaltung (Supreme Council for Antiquity, SCA).

Eingebettet in die Schilderung der Ergebnisse der Tagung war eine Diskussion ganz anderer Art, die angesichts der zur Zeit in Berlin stattfindenden Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" wieder aufgeflammt ist. Demnach diskutieren Forscher "leidenschaftlich" über das Gründungsstatut des OCMA, das, so wörtlich in "Science", dem Geschäftsmann Goddio die Kontrolle über die Ergebnisse der Unterwasserarchäologie gebe. Das OCMA wird von der Hilti Foundation mit 300.000 US-Dollar jährlich unterstützt, als Kosten für eine einmonatige Kampagne in Ägypten werden eine Million Dollar genannt.

Möglicherweise geht angesichts der Höhe solcher Summen sowie des derzeitigen Drucks auf sogenannte Drittmitteleinwerbung gelegentlich der klare Blick verloren. Die Einbindung der Wissenschaftler in Ägypten ist durch die Altertümerverwaltung gegeben. Leiter des OCMA ist der renommierte britische Archäologe Barry Cunliffe. Zum wissenschaftlichen Beraterteam des IEASM gehören der Ägyptologe Jean Yoyotte sowie die Epigrafiker André und Etienne Bernand, um nur einige Namen zu nennen, ferner Spezialisten für Keramik, Münzen, Bronzegefäße und so fort.

So werden zur Zeit im OCMA drei Dissertationen zu einzelnen Fundkomplexen aus der Bucht von Abukir betreut: zu den Statuen, zum byzantinischen Schmuck und zu den bronzenen Kultobjekten. Gewiss, mir dauert die Publikation mancher Ergebnisse auch etwas zu lange - aber dies könnte man ja durchaus als Kennzeichen archäologischer Professionalität sehen.

Zählen von Gewandfalten genügt nicht

George Bass, einer der beiden Kritiker, der "Gründungsvater" der Unterwasserarchäologie, betont, "dass Archäologie durch geprüfte und geübte Archäologen ausgeübt werden solle", womit er sich gegen die Rolle Goddios richtet. Goddio hat an keiner Universität Archäologie studiert, aber er arbeitet seit 20 Jahren mit Archäologen zusammen. Sollte man dadurch nichts lernen können? Kein ernsthafter Archäologe wird die Bedeutung der Ausgrabungspraxis leugnen.

Gerade die moderne Archäologie dokumentiert täglich, dass es mit dem Zählen von Gewandfalten längst nicht mehr getan ist. Die technischen Geräte und Methoden werden immer aufwendiger und komplexer, ihre Rolle für die Archäologie immer größer - ein Phänomen, das mir weitaus mehr Sorge bereitet als die Abhängigkeit von privaten Geldgebern.

Die heutige Archäologie ist auf derartig vielfältige naturwissenschaftliche Unterstützung angewiesen, dass mir hier als Althistoriker, der die Archäologie als Hilfswissenschaft nutzt, das eigentliche Problem zu liegen scheint: Ich kann immer weniger der angewandten Methoden kontrollieren - den meisten Archäologen dürfte es nicht anders gehen. So weist Cunliffe darauf hin, wie technisch aufwendig Forschung beispielsweise in der Bucht von Abukir ist: GPS, Seitenband-Sonar, Sediment-Sonar, magnetometrische und bathymetrische Arbeiten, um nur einige zu nennen.

Und genau der Umgang mit der Technik und die Erfahrungen als Taucher sind es, die bei dem Unternehmen vor der Küste Ägyptens benötigt werden. Wie verhält sich eine Münze, wie ein hauchdünnes Goldblech, wie der abgeschlagene Kopf einer Statue unter Wasser bei wechselnden Strömungsverhältnissen? Dies alles sind alltägliche Fragen der Unterwasserarchäologie, auf die die Antwort in der Bucht von Abukir anders ausfallen wird als in anderen Gegenden des Mittelmeeres.

Ein namentlich nicht genannter Unterwasserarchäologe hebt in dem Artikel hervor, dass die enormen Kosten derartiger Unternehmungen notwendigerweise dazu zwingen, an private Geldgeber wie Fernsehsender oder Stiftungen heranzutreten, und er wird wörtlich zitiert: "Wir haben alle etwas Prostitution betrieben, um an das Geld zu kommen, das wir benötigen."

Einflussnahme vom Bohrmaschinen-Hersteller?

Ich muss zugeben, dass mir diese Formulierung nicht gefällt. Private Geldgeber engagieren sich auf sozialem Gebiet, im Sport oder in der Wissenschaft, wie es in diesem Fall die Hilti-Stiftung tut. Wenn eine Bank einen Wissenschaftler bittet, die Geschichte ihrer Institution zu schreiben, und ihm dafür Mittel zur Verfügung stellt, will sie gewiss ein Ergebnis sehen. Ich gehe in einem solchen Fall selbstverständlich davon aus, dass dieses Ergebnis des Kollegen sämtlichen wissenschaftlichen Standards genügt.

Welches Interesse sollte ein Bohrmaschinen-Hersteller wie Hilti daran haben, die Interpretation einer Inschrift, die Datierung einer Vase oder das Aussehen des Hafens von Alexandria zu beeinflussen? Ich möchte mich in dieser Hinsicht nicht zur staatlichen Forschungsförderung äußern, da sie hier nicht das Thema ist.

Die Ergebnisse der Arbeiten in Alexandria und in der Bucht vor Abukir, wo zwei Städte auf ihre weitere Erforschung warten, sind faszinierend, ebenso faszinierend ist die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze", die zur Zeit in Berlin die wichtigsten Objekte zehnjähriger archäologischer Arbeit präsentiert. Die enormen finanziellen Möglichkeiten zur Unterwasserarbeit und zur Ausstellung kommen, wie erwähnt, von einem privaten Geldgeber. Am Schluss des Beitrags in "Science" fällt die ehrliche Bemerkung eines Unterwasserarchäologen, die wohl die Triebfeder vieler Kritik bildet und die eigentliche Motivation mancher Kritiker: "Ich bin neidisch."



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