Christian Stöcker

Ethischer Konsum Wir reichen Sünder

Fast jede Konsumentscheidung hat ethische Konsequenzen. Fairer Kaffee, vegane Ernährung, Rad statt Auto - können wir die Welt mit unserem individuellen Verhalten retten? Oder ist das eine Illusion?

Kurz, nachdem wir uns unsere erste Katze zugelegt hatten, habe ich erfahren, dass das eine Sünde ist, aus einer Wissenschaftssendung mit Harald Lesch. Deutsche Hauskatzen machen im Jahr 30 Millionen Singvögeln den Garaus, tragen also zum Artensterben bei. Nicht so viel wie die Landwirtschaft, aber doch sehr kräftig.

Eine Katze im Haus zu halten, ist aber ethisch auch wieder inakzeptabel. Manche behaupten, Katzen, die von Anfang an nur drinnen lebten, seien zufriedene Tiere, aber ich bin da skeptisch.

Als unsere Katze dann überfahren wurde, waren wir trotzdem alle sehr traurig. Sie war ohnehin nie besonders gut im Vögelfangen gewesen, nur eine Maus brachte sie ab und zu zur Strecke. Jetzt, mit einem brandneuen schlechten Detailgewissen ausgestattet, hätten wir auf die Anschaffung einer neuen Katze verzichten können. Das Wohlbefinden unserer trauernden Kinder und die Zuneigung zur Katze an sich waren dann aber doch stärker.

An Ihrem Handy klebt Blut

Das ethische Dilemma mit der Katze ist nur eins von Hunderten in meinem - und Ihrem - Leben. Mit nahezu jeder Konsumentscheidung - und ja, auch der Kauf einer Katze ist eine - sind weitreichende Folgen verbunden. Ständig muss man sich fragen, ob man sich nicht schuldig macht. Die Sünde ist wieder da, nur ist sie jetzt viel stärker ausdifferenziert als zu Zeiten von Moses.

Ist der Kaffee fair gehandelt? Die Schokolade? Kommt das T-Shirt aus einer baufälligen Fabrik in Bangladesch, oder haben es gar Kinder in irgendeinem illegalen Sweatshop zusammengenäht?

Das sind die alten, lang bekannten Fragen des fairen oder eben unfairen Konsums. Und schon die sind manchmal weniger eindeutig zu beantworten, als es zunächst scheint: Vielleicht wäre die Näherin in Bangladesch gar nicht begeistert, wenn wir entscheiden, ihrer Hände Arbeit aus grundsätzlichen Erwägungen nicht mehr haben zu wollen.

Autoreifen = Mikroplastik

Es geht aber um weit mehr als Kaffee und Turnschuhe. Vom sogenannten Fairphone, dem meines Wissens einzigen Handy, bei dem man davon ausgehen kann, dass keine seltenen Erden aus Konflikt- und Ausbeutungsregionen darin verbaut sind, wurden nach den derzeit verfügbaren Zahlen keine 150.000 Stück verkauft. Es gibt weltweit aber Milliarden von Smartphones, alle unfair.

Auch an ihrem Handy klebt vermutlich Blut. Oder der Schweiß von in Minen schuftenden Kindern. Und natürlich der von chinesischen Fließbandarbeitern.

Wann haben Sie das letzte Mal getankt? Haben Sie dabei daran gedacht, dass Frauen in Saudi-Arabien immer noch weitgehend rechtlos sind? Und übrigens: Ihre Autoreifen sind rollende Produzenten von Mikroplastik. Selbst beim Ökostrom kann man sich nicht sicher sein.

Ein einziges Steak enthält womöglich Sünden gegen Umwelt, Klima, Menschen

Essen Sie noch Fleisch? Wenn ja - über das Thema Massentierhaltung muss hier wohl nicht mehr viel gesagt werden. Das ist Ihnen egal, sagen Sie? Wie ist es mit Hühnerbrust? Wissen Sie, dass mit dem Rest des Hühnchens der lokale Markt für Geflügel in afrikanischen Ländern plattgemacht wird ?

Fahren Sie Fahrrad? Ja? Gut! Und wann sind sie zum letzten Mal mit dem Flugzeug im Urlaub oder auf Geschäftsreise gewesen? Benutzen Sie noch Wegwerftrinkhalme? Kaufen Sie Kaffee in Pappbechern? Und ihre Energiesparlampen - kommen die in den Sondermüll? Benutzen Sie noch Einwegbatterien? Trennen Sie Ihren Müll korrekt? Und selbst wenn - wissen Sie, wo der am Ende landet?

Wie gesagt: Nahezu jede Konsumentscheidung hat Auswirkungen auf das Leben von Menschen in fernen Ländern, auf Tiere, das Klima, die Umwelt oder alles zusammen. Ein einziges südamerikanisches Rindersteak enthält womöglich Sünden gegen Klima, Umwelt (Methan, internationaler Transport, abgeholzter Regenwald) Menschen (vertriebene Ureinwohner) und Tiere.

Wähle deinen Ablass, Sünderlein

Weil wir im globalen Vergleich so furchtbar reich sind und weil wir diesen Reichtum Jahrhunderten von Ungerechtigkeit und Unterdrückung verdanken, machen wir uns heute ständig schuldig, ob wir wollen oder nicht. Wir reichen Sünder leben auch deshalb so komfortabel.

Die meisten spüren das irgendwie und reagieren mit persönlichen Ablasshandlungen. Wirklich sündenfrei zu leben, gelingt aber vermutlich nur Eremiten in Selbstversorgerwaldhütten.

Das Wählen des eigenen Ablasses ist selbst zu einer Form der Konsumverfeinerung geworden. Er ist sogar identitätsstiftend. Stringenz oder gar Vollständigkeit erwartet dabei niemand wirklich. Jedenfalls nicht von sich selbst. Höchstens von denen, die die falschen Ablasshandlungen gewählt haben.

Lasst mich zufrieden, vegane Kokser

Es gibt Menschen, die sich vegan ernähren und gelegentlich Kokain konsumieren. Gut für die Tierwelt, eher nicht so gut für die Tausenden von Menschen, die Drogenkartellen jedes Jahr zum Opfer fallen. Manche haben ein Niedrigenergiehaus, fliegen aber jedes Jahr auf die Malediven, andere fahren mit dem Porsche los, um sich eben einen fair gehandelten Latte Macchiato zu besorgen. Und alle, oder wenigstens fast alle haben ganz und gar unfaire Smartphones in der Tasche und Kleidung aus fragwürdigen Quellen am Leib.

Man kann leicht in Zynismus verfallen, wenn man sich das erst einmal bewusst gemacht hat.

Es gibt völlig unterschiedliche Varianten, auf diese Situation zu reagieren. Die einfachste ist, die eigenen Schuldgefühle zu ignorieren oder sie gleich in Aggression umzuwandeln. Das kann man bei den Fans des Begriffs "linksgrün versifft" sehr unverfälscht beobachten. Ich habe sogar den Verdacht, dass die Reaktionen mancher auf das Thema Migration auch mit diesem unterschwelligen Schuldgefühl zu tun haben: Auf einmal wollen Leute aus den Ländern, deren Wirtschaft wir mit unserem Konsumverhalten ruinieren helfen, persönlich bei uns vorbeikommen. Wie unangenehm. Wer "Fluchtursachen" bekämpft, bekämpft dabei gleich Schuldgefühle mit.

Es ist aber auch durchaus möglich, den eigenen Konsum kritischer zu betrachten und bestimmte Dinge wegzulassen oder anders zu machen, zumindest für Angehörige der Mittelschicht. Bio-Eier sind nicht so viel teurer als solche aus Käfighaltung, Fleischkonsum lässt sich reduzieren und so weiter. Ein bisschen kann der einzelne Konsument den Markt vielleicht doch beeinflussen mit seinen Kaufentscheidungen.

Was man dabei vermeiden sollte: Auf die anderen, die mit den anderen Ablassstrategien herabzublicken. Das ist im Zweifel auch nur Heuchelei. Lasst mich zufrieden, vegane Kokser.

Kollektive Willensanstrengungen gehen nur mit Gesetzen

Vor allem aber wird die Welt im Ganzen nicht allein durch individuelle Entscheidungen besser, gerechter, weniger grausam. Das hat in der Geschichte selten bis nie geklappt. Wir sind einfach zu schwach.

Wir Menschen schaffen es aber gelegentlich in großen Gruppen, in einer Art kollektiver Bewusstwerdung unsere eigene Trägheit zu überwinden und ein für alle Mal festzulegen, dass bestimmte Dinge einfach gar nicht gehen. Sklaverei zum Beispiel. Diskriminierung. Fluorchlorkohlenwasserstoffe. Prügelstrafe. Verbleites Benzin. Das individuelle Schuldempfinden ist oft der erste Schritt zu solchen kollektiven Entscheidungen.

Dann aber muss der neue Konsens in Regeln gegossen werden, die einzuhalten dem einzelnen dann im Zweifel wesentlich leichter fällt, als jedes Mal aus eigener Kraft das Richtige zu tun. Das schaffen wir ja oft nicht einmal dann, wenn es um unser eigenes Leben geht, siehe Gurtpflicht fürs Auto. Erst ein Gesetz und Strafen brachten deutsche Autofahrer zur Vernunft. So bitter das ist.

Oft hat solche Regulierung dann den angenehmen Nebeneffekt, dass sie das Leben für alle schöner macht. Gurtpflicht - weniger Verkehrstote. Katalysatorpflicht - kein Waldsterben mehr. FCKW-freie Produkte: Das Ozonloch schrumpft. Frankreich hat Wegwerfprodukte aus Plastik schon verboten, meines Wissens existiert das Land trotzdem noch. Manchmal ist Regulierung gar nicht so schlimm.

Nur vom Thema Katze möge der Gesetzgeber bitte auch in Zukunft die Finger lassen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.