EU-Kompromiss Kaum noch Geld für Stammzellforscher

Die Förderung von Forschung an embryonalen Stammzellen wird weiterhin streng reglementiert. Acht EU-Staaten, darunter Deutschland, haben die Beibehaltung starker Restriktionen erzwungen. Wissenschaftler wie Stephen Hawking hatten die EU vor reaktionären Tendenzen gewarnt - vergeblich.


Italien, Litauen, Luxemburg, Malta, Österreich, Polen, die Slowakei und Deutschland - das sind die rückwärtsgewandten Kräfte in der Europäischen Union, zumindest wenn es nach dem Wissenschafts-Popstar Stephen Hawking geht. "Europa sollte nicht dem reaktionären Beispiel von Präsident Bush folgen", schrieb der britische Astrophysiker in einem Gastbeitrag für die Zeitung "The Independent". Darin übte Hawking scharfe Kritik an den Bemühungen, Forschung mit embryonalen Stammzellen zu verhindern.

Appell: Physiker Stpehen Hawking warnt vor "reaktionärer Haltung" Europas
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Appell: Physiker Stpehen Hawking warnt vor "reaktionärer Haltung" Europas

Hawking ("Eine kurze Geschichte der Zeit") leidet an Amyotropher Lateralsklerose, ist seit 1968 an den Rollstuhl gefesselt und kann sich nur mit Hilfe eines Sprachcomputers mitteilen. In seinem Beitrag argumentierte er: "Die Stammzellenforschung ist der Schlüssel zur Entwicklung von Heilmethoden für Leiden wie die Parkinson-Krankheit oder die Amyotrophe Lateralsklerose."

Erfolg hatte Hawkings Appell nicht. Bundesforschungsministerin Annette Schavan hat sich am heutigen Montag in Brüssel an die Spitze der Kritiker jener EU-Staaten gesetzt, die Zuschüsse für die Stammzellforschung ablehnen . Letztlich stimmte sie einem Kompromiss zu, der zwar eine Förderung der Forschung mit menschlichen Stammzellen an sich erlaubt. Allerdings soll es kein Geld für die Vernichtung von Embryonen geben, die zum Beschaffen der Stammzellen nötig ist. Auch sollen nur jene Länder EU-Mittel erhalten, die embryonale Stammzellenforschung erlauben.

"Wir müssen menschliches Leben von der Empfängnis an schützen", hatte Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) beharrt, die in der vergangenen Woche per Briefdiplomatie nach Verbündeten unter den Stammzell-Skeptikern gesucht hat. "Wir wollen keine finanziellen Anreize, Embryonen zu töten."

Peanuts für die Stammzellforschung

Im EU-Parlament hatte sich vor einem Monat eine knappe Mehrheit für die weitere Förderung der Stammzellforschung ausgesprochen. Nach dem Willen der Volksvertretung sollen für entsprechende Projekte bis zu 50 Millionen Euro bereitgestellt werden - nur ein Tausendstel der gesamten Wissenschaftsförderung bis 2013. Nun müssen die Abgeordneten erneut beraten. Stimmen sie dem heute gefundenen Kompromiss zu, ist auch der Weg für das 51 Milliarden Euro große Forschungsbudget der EU für 2007 bis 2013 frei.

Experten erhoffen sich von der Forschung mit embryonalen Stammzellen neue Therapien für schwere Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson. Kritiker wie die christlichen Kirchen lehnen die Forschung ab, weil bei der Verwendung dieser Zellen Embryos vernichtet werden. Neben Deutschland macht sich vor allem Polen gegen eine Förderung entsprechender Projekte mit EU-Geldern stark.

Aber nicht nur aus dem christlich-konservativen Lager wird dieser Wissenschaftszweig kritisiert. Auch die Grünen-Abgeordnete im Europaparlament, Hiltrud Breyer, hatte ein deutsches Veto gefordert. Es müsse vermieden werden, dass der menschliche Körper zur Ware gemacht und Frauen zu "Eizell-Lieferantinnen" degradiert werden, sagte Breyer im Westdeutschen Rundfunk. Deutschland finanziere schließlich zu etwa 20 Prozent den EU-Haushalt und habe somit ein "großes Gewicht", betonte die Grüne aus dem Saarland. Es sei nicht einzusehen, warum der deutsche Steuerzahler Forschung mitfinanzieren solle, die im eigenen Land verboten sei.

Unterschiedliche Regelungen in Europa

Finnland, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat, hatte die Mitgliedstaaten aufgefordert, vergleichbare Gesetze zu schaffen. In einigen Mitgliedstaaten gelten aber strenge Embryo-Schutzgesetze, die mit der EU-Position unvereinbar sind.

In Irland verbietet die Verfassung die Forschung mit Embryos. In Malta tritt die Regierung dagegen ein, auch wenn Gesetze bislang fehlen. In Italien, Österreich, Polen und der Slowakei gibt es ähnlich strenge Regelungen wie in Deutschland. Hier darf lediglich an importierten Stammzell-Linien, die vor 2002 angelegt worden sind, experimentiert werden.

Die Bioethik-Konvention des Europarats enthält kein explizites Verbot der Embryoforschung. In den übrigen EU-Staaten ist die verbrauchende Embryoforschung zulässig. Die großzügigsten Regelungen haben Großbritannien, Belgien und Schweden: Dort ist sogar die Herstellung von Embryos eigens zu Forschungszwecken erlaubt.

Das derzeit geltende sechste Rahmenforschungsprogramm der EU erlaubt die Förderung von Forschungsprojekten mit embryonalen Stammzellen. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der EU-Kommission rund 400 Millionen Euro für 80 solcher Vorhaben bereitgestellt. Bei dem größten Teil dieser Studien - rund 90 Prozent - wurden aber adulte Stammzellen verwendet, also Zellen aus Körpern bereits geborener Menschen. Nur zehn Prozent der von der EU im Jahre 2005 mitfinanzierten Projekte verwendeten Stammzellen von Embryos. Sie zielten unter anderem auf die Herstellung von Herzmuskelzellen, Insulin produzierenden Zellen oder auf einen Vergleich zwischen den Eigenschaften von embryonalen und adulten Stammzellen ab.

Endgültig soll das Europaparlament über diese Frage in zweiter Lesung entscheiden. Dann wird die qualitative Mehrheit aller Abgeordneten notwendig sein - also mindestens 367 Stimmen. US-Präsident George W. Bush hatte in der vergangenen Woche eine umfassende staatliche Förderung der embryonalen Stammzellenforschung mit dem ersten Veto seiner sechsjährigen Amtszeit blockiert.

stx/AFP/AP/dpa/rtr



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