Christian Stöcker

Nationalistische Internationale Das Erfolgsproblem der europäischen Rechten

Die Anhänger populistischer Parteien reiten eine Welle des Hochgefühls. Trump, Brexit, gute Umfragewerte - die neurechte Internationale feiert. Doch gerade ihre Erfolge könnten das Gemeinschaftsgefühl bald ruinieren.
Proteste gegen Trumps Chefstrategen Stephen Bannon

Proteste gegen Trumps Chefstrategen Stephen Bannon

Foto: DAVID MCNEW/ AFP

Vor einigen Wochen ging es an dieser Stelle um die paradox wirkende Tatsache, dass sich in den vergangenen Jahren eine Art Internationale der Nationalisten gebildet hat. Reaktionäre Parteien und ihre Anhänger in großen Teilen der westlichen Welt fühlen sich einander verbunden, geeint durch ein gemeinsames "Wir" in Abgrenzung gegen "Die". "Die", das sind zuvorderst Muslime, aber auch Homosexuelle und andere Minderheiten - sowie all jene, die sich für den Schutz dieser Minderheiten aussprechen, außerdem vage umrissene "Eliten" aus Politik, Wirtschaft und Medien, die angeblich gegen den kleinen Mann und dessen Interessen arbeiten. Ohne dieses "Die" funktioniert das international-nationalistische "Wir" nicht.

Das "Wir" hat für all jene, die sich ihm zugehörig fühlen, angenehme Effekte: Ein Gefühl von Gemeinsamkeit, von kollektiver Stärke, das Gefühl, jetzt mal zu den Gewinnern zu gehören. Emotionen, die gerade vielen Anhängern rechter Parteien angesichts einer globalisierten Welt - von der niemand mehr profitiert hat als die westliche Welt - offenbar abhanden gekommen waren, wie gleich mehrere aktuelle Studien  zeigen. Und auch das "Die" hat angenehme Effekte - weil abwärtsgerichteter sozialer Vergleich, das Herabblicken auf andere, belohnend wirken kann.

Das "Wir" wird schnell relativ klein

Nun feiern die Anhänger der nationalistischen Internationalen noch gemeinsam die ersten Erfolge ihrer scheinbar Gleichgesinnten: Die national denkenden und handelnden Regierungen in Ungarn, Polen und anderen Staaten Osteuropas, das Brexit-Votum der Briten, Donald Trumps Wahlsieg. Gleichzeitig beginnen mit dem wachsenden Erfolg der Nationalisten ihre Probleme: Eine nationalistische Internationale kann nämlich nur als Fiktion funktionieren. In der Realität muss sie an ihrem eingebauten Paradox scheitern. Denn schließlich sind die zentralen Definitionsmerkmale dieser Gruppierungen national-ethnische. Da wird das "Wir" schnell relativ klein, und zum "Die" gehören plötzlich auch die Verbündeten von gestern.

Das lässt sich schön am Beispiel Trump-Putin illustrieren. Die europäische Rechte hat Putin, mit kräftiger propagandistischer, aber auch finanzieller Unterstützung aus Russland , zu einer Art wohlmeinendem Übervater ihrer reaktionären Wertvorstellungen stilisiert. Die Idee für dieses Bild stammt übrigens von einem Moskauer Think Tank.

Front-National-Chefin Marine Le Pen bekennt Bewunderung  für Russlands Präsidenten und lässt ihre Wahlkämpfe von russischen Bankern mit besten Beziehungen zum Kreml  finanzieren. AfD-Vizechef Gauland und andere Spitzenvertreter der Partei treffen sich mit Putins Getreuen, die AfD-Jugendorganisation will mit der sogenannten Putin-Jugend zusammenarbeiten. Und die Kampfblätter der neuen Rechten, von "PI-News" bis "Compact", stehen ohnehin stramm an der Seite des russischen Präsidenten. Gleichzeitig ist ihnen Donald Trump sehr sympathisch.

Die USA werden keine 180-Grad-Wende hinlegen

Trump wird aber der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und diese USA werden sich nicht mit seinem Amtsantritt schlagartig in ein anderes Land verwandeln. Spätestens, wenn die geopolitisch real sehr unterschiedlichen Interessen der beiden Länder zutage treten, wenn die Reflexe von Trumps designierten Kabinettsmitgliedern greifen, wird es schwierig mit der wohligen internationalen Eintracht der Nationalisten. Ebenso schwierig wird es wohl, all die Milliardäre im inneren Kreis der künftigen US-Regierung als wackere Streiter gegen korrupte Eliten zu verkaufen, aber das ist ein anderes Thema.

Der eben ausgewählte künftige Verteidigungsminister James Mattis zum Beispiel wird der europäischen Rechten zwar mit seiner Kritik am "politischen Islam" gefallen. Dass der ehemalige hochranginge Nato-Offizier allerdings die Nato für verzichtbar hält, Russland für einen natürlichen Verbündeten und Putins Drohgebärden für akzeptabel, ist eher nicht anzunehmen.

Der designierte Sicherheitsberater Michael Flynn setzt sich zwar für eine Entspannung gegenüber Moskau ein und trat auch schon beim Kreml-Sender RT auf - er hat Putin aber auch schon einmal als "totalitären Diktator" bezeichnet.  Der designierte CIA-Chef Mike Pompeo forderte einst die Todesstrafe für NSA-Whistleblower Edward Snowden - der sich bekanntlich in Russland aufhält. Und spätestens, wenn es um Themen wie Syrien oder Iran geht, werden die höchst unterschiedlichen Wunsch- und Zielvorstellungen von US- und russischen Strategen deutlich werden.

Nagelprobe "Breitbart Deutschland"

Ein schöner Test für die Belastbarkeit des international-nationalistischen Wir-Gefühls könnte schon die angekündigte Gründung eines deutschen Ablegers von Trumps Hauspostille "Breitbart News" werden, bislang geleitet von Trumps neuem, ultrarechten Chefstrategen Stephen Bannon. Die uneingeschränkte Russland-Begeisterung weiter Teile der bereits existierenden rechten deutschen Medienszene wird "Breitbart Deutschland" kaum in der gleichen Form reproduzieren können.

Weit unterhalb der Ebene der Weltpolitik werden die Anhänger der neuen reaktionären Internationalen womöglich bald feststellen, dass die tatsächliche Einigkeit ihrer Anführer und Großsprecher weit geringer ist, als das bislang den Anschein hatte. Dass die gemeinsame Ablehnung von vermeintlich gefährlichen Minderheiten als Kitt nicht mehr ausreicht, wenn Nationalisten beginnen, tatsächlich nationalistisch zu handeln.

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