Evakuierung Forscher simuliert sichere Fähre

Wie an einem Brettspiel berechnen deutsche Forscher die Situation auf sinkenden Schiffen. Die Ergebnisse können helfen, zukünftige Fährschiffe sicherer zu machen.

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Nach den Bestimmungen der International Maritime Organization muss die Besatzung eines Schiffes in Seenot spätestens nach sechzig Minuten die Passagiere evakuiert haben. Doch was genau passiert eigentlich während dieser entscheidenden Stunde? Michael Schreckenberg und seine Kollegen von der Universität Duisburg simulieren am Computer, wie sich die verunsicherten Passagiere auf dem Schiff bewegen.

Unglücksopfer des Fährunglücks vor Griechenland
REUTERS

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"Der Bedarf für solche Simulationen ist da, weil man keine Experimente machen kann", stellt Schreckenberg lakonisch fest. Zudem seien existierende Schiffsunfälle relativ schlecht dokumentiert, Aussagen von Überlebenden ließen sich später "nur noch mit Vorsicht genießen". Die Geretteten stellten die Ereignisse im Nachhinein oft anders dar, als sie sich ereignet hätten, sagt Schreckenberg.

Bisherige Modellrechnungen, die vor dem Bau eines Schiffes angestellt werden, kritisiert der Verkehrsforscher als fehlerhaft. Da werde oft einfach nur aus dem Bauch gerechnet. Das Duisburger System soll die Aussagen der Evakuierungsforschung auf eine sicherere Grundlage stellen.

Am Computer wird der Grundriss des Schiffes in 40 mal 40 Zentimeter große Quadrate eingeteilt. "So viel Platz braucht ein Mensch ungefähr zum Stehen", erklärt Schreckenberg. Dann werden die Passagiere auf dem Schiff verteilt. Bei den Modellrechnungen sind das mehrere tausend Menschen. In Zeitschritten von einer Sekunde wird nun die Bewegung dieser virtuellen Passagiere simuliert.

Dabei haben sich die Forscher nach eigenen Aussagen auf möglichst wenige Parameter zur Beschreibung der einzelnen Menschen festgelegt. Zum Beispiel haben die simulierten Schiffsreisenden eine unterschiedlich gute Wahrnehmung für Signale und Warnschilder, manche irren ziellos hin und her.

Doch gemeinsam ist ihnen eins, sagt Schreckenberg: Das virtuelle Opfer wartet nicht gern. Menschen auf sinkenden Schiffen zeigten Aktionismus, so der Forscher. Das heißt nach wenigen Sekunden am Ende einer virtuellen Schlange drehen sich die meisten der Passagiere wieder um, und gehen in eine andere Richtung. Der Grund dafür sei in archaischen Trieben zu sehen, nach denen Menschen im Falle einer Informationsüberflutung eine Strategie anwenden von der sie wissen, dass sie schon einmal erfolgreich war - das heißt, sie laufen davon.

Zu den anderen Parametern gehört, dass einige der Passagiere ab und zu in ihrer Bewegung innehalten, um kurz über ihre Situation nachzudenken, und anderen so den Weg versperren. Und auch die unterschiedliche körperliche Fitness der Gäste muss berücksichtigt werden. Diese Parameter können dann bei den Berechnungen variiert werden. Ebenso die Verteilung der Passagiere oder die Frage, ob sich ein Unglück bei Tag oder bei Nacht ereignet.

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Mit den verschiedenen Konstellationen lässt sich eine Wahrscheinlichkeit errechnen, wie schnell das sinkende Schiff dann tatsächlich evakuiert werden kann. "Das können mal 55 Minuten sein, und mal 65", sagt Schreckenberg. Auf jeden Fall ließen sich so aber erstmals verlässliche Daten angeben, sogar noch bevor ein Schiff überhaupt gebaut wird.

Das Ziel der Forscher aus Duisburg: Sie wollen die International Maritime Organization dazu bringen, ihre Simulation international zur Pflicht vor der Konstruktion eines Schiffes machen. Bereits die Baupläne müssten dann den Computer-Check bestehen. Doch selbst für ältere Schiffe könnte die Berechnung Sinn machen.

Weil das System relativ schnell rechnen kann, sieht Schreckenberg sogar nach einem Unglück noch Einsatzmöglichkeiten. So könnte eine Leitstelle von der Küste aus die Evakuierung auf dem sinkenden Schiff koordinieren. Zuvor muss sie ihren Computer nur mit dem Grundriss und den Schiffsdaten des Havaristen füttern.



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