Evolution des Menschen Lange Kindheit existiert seit 160.000 Jahren

Kinder benutzen die jahrelange Zeit des Aufwachsens nicht nur, um ihren Eltern hin und wieder die Nerven zu rauben - sondern auch für das Lernen und die Gehirn-Entwicklung. Analysen von Fossilien haben jetzt ergeben, dass die Kindheit des modernen Menschen vor 160.000 Jahren schon so lange war wie heute.

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Es dauert Jahre, bis aus einem kleinen, hilflosen Menschlein ein Erwachsener wird, der selbständig leben kann - eine für manche Eltern schmerzliche Erkenntnis. Sie fragen sich, ob das Ganze Aufziehen und Erziehen nicht auch ein bisschen schneller gehen könnte.

Fossiler Unterkiefer: Zähne der Achtjährigen haben Wachstumsprofil heutiger Menschen. Unten im Bild sind die Wachstumslinien der Zähne zu sehen - zum Betrachten Bild anklicken
PNAS

Fossiler Unterkiefer: Zähne der Achtjährigen haben Wachstumsprofil heutiger Menschen. Unten im Bild sind die Wachstumslinien der Zähne zu sehen - zum Betrachten Bild anklicken

Darf es offenbar nicht, wie eine Studie von Wissenschaftlern des Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zeigt. Schon vor 160.000 Jahren dauerte die Kindheit der Menschen genauso lang wie heute. Das folgern Tanya Smith und ihre Kollegen aus der Untersuchung eines Zahnes von einem achtjährigen Kind aus Marokko, das vor etwa 160.000 Jahren lebte.

Smith glaubt, dass die lange Kindheit ein entscheidender Vorteil in der Evolution war: "Je schneller man aufwächst, umso weniger Zeit steht für das Lernen und für die Entwicklung des Gehirns zur Verfügung", sagte sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Arten mit längerer Kindheit hätten die Möglichkeit, ein komplexeres Verhalten zu erlernen.

Das zeige auch der Vergleich zwischen verschiedenen Affenarten: Makaken zum Beispiel hätten schon im Alter von sechs Jahren Nachwuchs, Schimpansen hingegen erst mit 12 bis 15 Jahren. Die längere Kindheit ermögliche es Schimpansen, mehr zu lernen, sagte die Forscherin. Die Entwicklung zur außergewöhnlich langen Kindheit des Menschen stehe vermutlich im Zusammenhang mit sozialen, biologischen und kulturellen Veränderungen, die Kinder in der frühen Kindheit bessere Lernmöglichkeiten verschafft hätten, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Wie Jahresringe von Bäumen

Forschungsarbeiten der letzten zwei Jahrzehnte hatten bereits gezeigt, dass die Australopithecus- und frühen Homo-Arten kurze Wachstumsperioden hatten, die denen von Schimpansen ähnlicher sind als denen heute lebender Menschen. Doch bis jetzt war es noch unklar, wann bei den frühen Menschen das Merkmal einer langen Kindheit erstmals aufgetreten ist. Die neuen Erkenntnisse deuten nun darauf hin, dass biologische, verhaltensspezifische und kulturelle Merkmale des modernen Menschen erst relativ spät im Laufe seiner Evolution entstanden sind.

Bei ihrer Studie stützten sich die Forscher auf Zahnwachstum und -durchbruch bei dem 160.000 Jahre alten Homo-sapiens-Fossil aus dem marokkanischen Djebel Irhoud. Das Wachstum der Zähne und das Alter, in dem die ersten Backenzähne durchbrechen, erlauben eine gute Rekonstruktion von Wachstumsprozessen bei Menschen. Dazu werden die sogenannten Wachstumslinien von Zähnen - ähnlich den Jahresringen von Bäumen -, analysiert, wodurch sich Entwicklungsrate und -zeit noch Millionen Jahre nach dem Tod eines Individuums feststellen lassen. Die fossilen Zähne aus Marokko haben den gleichen Entwicklungsstand der Zähne eines ebenso alten heute lebenden Kindes.

Um die Wachstumslinien der Zähne zu untersuchen, nutzten die Forscher eine neue Technik: die hochauflösende Drei-Phasen-Mikrotomografie mit Synchroton-Röntgenstrahlung. Sie wurde von Paul Tafforeau an der französischen European Synchrotron Radiation Facility in Grenoble entwickelt. Mit dem Verfahren können Zähne dreidimensional erfasst werden, ohne sie zu zerstören. Die Synchrotronbilder sind so präzise, dass sie auch die mikroskopisch kleinen Wachstumslinien im Zahngewebe enthüllen.

mit Material von dpa



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