Evolutions-Theorie In jedem steckt ein kleiner Neandertaler

In Rumänien sind die bisher ältesten Überreste des Homo sapiens in Europa aufgetaucht. Nach Meinung ihrer Entdecker weisen die 35.000 Jahre alten Knochen darauf hin, dass die Neandertaler nicht einfach ausgestorben sind - sondern im modernen Menschen weiterleben.

Der Neandertaler: ein kreatives soziales Wesen oder ein grobschlächtiger Primitivling, zu Recht verdrängt vom modernen Menschen? Die Debatte um Krieg oder Koexistenz zwischen Neandertalern und Homo sapiens sapiens wogt seit Jahren unter Anthropologen. Die Mehrheit hängt der "Out-of-Africa"-Theorie an, der zufolge der anatomisch moderne Mensch vor etwa 150.000 Jahren in Afrika entstand und vor 40.000 Jahren nach Europa gelangte, wo er den Neandertaler verdrängte. Daneben existiert die Multiregionale Theorie: Sie besagt, dass sich anatomisch unterschiedliche Varianten des modernen Menschen in verschiedenen Gegenden der Welt entwickelten und sich durch Paarung untereinander zu einer Spezies verbanden.

Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis glaubt nun erneut einen Hinweis gefunden zu haben, dass sich die Neandertaler genetisch mit den modernen Menschen vermischten und zur heutigen Erbmasse des Homo sapiens beitrugen: Dem Forscher gelang der Fund der bisher ältesten Überreste des modernen Menschen in Europa.

Indizien für genetische Vermischung

Im Februar 2002 entdeckten Höhlenwanderer in der "Pestera cu Oase" - der "Höhle der Knochen" - einen menschlichen Unterkiefer. Trinkaus datierte ihn mit Hilfe der Radiokarbon-Methode auf ein Alter von 34.000 bis 36.000 Jahren - der höchste Wert, der jemals bei einem Skelettfund des modernen Menschen in Europa gemessen wurde. Wie Trinkaus und seine Kollegen im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten, ist der Fund ein Indiz dafür, dass Neandertaler und Homo sapiens mehrere tausend Jahre gemeinsam Europa bevölkerten, da der Neandertaler erst vor rund 29.000 Jahren von der Bildfläche verschwand.

Darüber hinaus enthält der Kieferknochen laut Trinkaus auch direkte Hinweise für eine genetische Vermischung: Er besitze dieselben Merkmale wie vergleichbare Funde des Homo sapiens aus Afrika, dem mittleren Osten und dem späteren Europa, jedoch auch Charakteristika, die eher auf einen Neandertaler schließen ließen - wie etwa Größe und Form der Backenzähne.

"In der Geschichte der menschlichen Fossilien muss man eine halbe Million Jahre zurückgehen, um Skelette mit ähnlich großen Backenzähnen zu finden", betont Trinkaus. Nach der Entdeckung des Unterkiefers fanden die Forscher in der "Höhle der Knochen" weitere Schädelfragmente, von denen sie glauben, dass sie zum selben Individuum gehören. "Diese Knochen sind absolut kompatibel mit der These der Vermischung von modernen Menschen und Neandertalern", meint Trinkaus.

"Kein eindeutiger Beweis"

Andere Wissenschaftler sind dagegen skeptisch. "Der von Trinkaus gefundene Unterkiefer ist tatsächlich der älteste jemals datierte Knochenfund des modernen Menschen in Europa", sagte Chris Stringer, Anthropologe am Londoner Natural History Museum, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Und der Knochen besitzt auch einige primitive Merkmale - aber nichts, was einen genetischen Einfluss des Neandertalers zweifelsfrei beweisen würde."

Dennoch will Stringer nicht ausschließen, dass Trinkaus mit seiner Vermischungstheorie Recht behalten könnte. Verräterisch sei etwa ein kleines Loch in dem Kieferknochen aus der rumänischen Höhle. "Dieses Loch kommt sehr selten bei modernen Menschen vor, aber bei etwa der Hälfte aller bisher gefundenen Neandertaler-Skelette. Das könnte ein Zeichen für genetischen Austausch sein."


Spekulationen über Größe des Neandertaler-Anteils

Was den Stellenwert des Neandertaler-Beitrags zum Bauplan des heutigen Europäers betrifft, bleiben Stringer und viele andere Anthropologen jedoch skeptisch. Selbst wenn sich die beiden Spezies vermischt hätten, so ihre Argumentation, hätten die Neandertaler kaum einen signifikanten Beitrag zum Genpool des modernen Menschen leisten können. "Ich halte allenfalls einen unbedeutenden Beitrag für möglich", so Stringer.

Wissenschaftler wie der Zürcher Anthropologe Christoph Zollikofer halten es nicht nur für denkbar, sondern schlechterdings für selbstverständlich, dass Neandertaler und Homo sapiens sich sexuell miteinander vergnügten - aber nur unfruchtbaren Nachwuchs zeugten. Das bekannteste Beispiel eines solchen sterilen Mischlings zweier nah verwandter Arten ist der Maulesel, der männliche Spross von Pferd und Esel.

Zweifel an Radiokarbon-Datierung

Sollten sich dagegen die Vermutungen von Forschern der Universität Tübingen bestätigen, würden sich die Überlegungen zu einer Vermischung von Neandertaler und Homo sapiens weitgehend erübrigen. Nicholas Conard und Michael Bolus glauben, dass die Radiokarbon-Datierung selbst, die gängige Methode zur Altersbestimmung der Skelettfragmente, äußerst ungenau ist.

Bei der Radiokarbon-Datierung wird das Alter organischer Materie anhand der Zerfallsrate des Kohlenstoff-Isotops C-14 gemessen, das Lebewesen aus der Luft aufnehmen. Die Tübinger Forscher wollen herausgefunden haben, dass ausgerechnet in der Zeit vor 30.000 bis 50.000 Jahren die Konzentration von Kohlenstoff-14 in der Atmosphäre stark schwankte - exakt zum Zeitpunkt der Einwanderung des modernen Menschen nach Europa.

Conard und Bolus schrieben im Fachblatt "Journal of Human Evolution", dass die Radiokarbon-Daten für Neandertaler-Überreste in vielen Fällen deutlich zu jung ausfielen. In weiten Gebieten Europas, folgern die Wissenschaftler anhand von Werkzeug-Funden in Höhlen, sind sich Neandertaler und Homo sapiens wahrscheinlich nie begegnet.

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