Ehemaliger Klimabeauftragter Afghanistans »Die Taliban sollten in Glasgow mitverhandeln«

Afghanischen Teilnehmern verweigerte die Uno die Teilnahme am Klimagipfel. Ex-Klimadiplomat Samim Hoshmand verurteilt im Interview den Ausschluss seines Landes und fordert eine Sonderbehandlung für Kriegsgebiete.
Interview von Susanne Götze
Samim Hoshmand auf der Uno-Konferenz 2019 zum Schutz der Ozonschicht in Rom

Samim Hoshmand auf der Uno-Konferenz 2019 zum Schutz der Ozonschicht in Rom

Foto: National Environmental Protection Agency / Afghanistan

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SPIEGEL: Sie haben jahrelang für die afghanische Regierung auf Klimakonferenzen verhandelt. Warum konnten Sie dieses Jahr nicht nach Glasgow kommen?

Hoshmand: Ich lebe seit August mit meiner Familie in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan. Das ist 700 Kilometer von meiner Heimatstadt Kabul – und über 7000 Kilometer von Schottland entfernt. Seit dem Regierungswechsel in Afghanistan leben wir im Exil. Ich habe trotzdem meine Unterlagen für ein Visum nach Großbritannien eingereicht und mich auf eine Teilnahme auf der COP26 beworben. Leider wurde das von der Uno abgelehnt.

SPIEGEL: Gab es dafür eine Begründung?

Hoshmand: Meine Arbeit in der Nationalen Umweltschutzbehörde ist seit der Machtübernahme der Taliban erst mal beendet. Jetzt herrscht Chaos . Eine neue Umweltbehörde, die sich auch um das Klima kümmert, gibt es nicht. Ich bin also offiziell kein Regierungsvertreter mehr. Allerdings wollte ich zumindest als Beobachter teilnehmen. Für unser Land ist diese Konferenz extrem wichtig.

»Alle möglichen Staaten mit vielen schwierigen Regierungen werden akzeptiert.«

SPIEGEL: Von der Uno heißt es, afghanische Vertreter – aktuelle wie solche, die als Beobachter kommen wollen – könnten wegen der international nicht anerkannten Regierung nicht zugelassen werden.

Hoshmand: Afghanistan ist jetzt auf der Konferenz überhaupt nicht vertreten. Mit welchem Recht? Alle möglichen Staaten mit vielen schwierigen Regierungen werden dort akzeptiert. Afghanistan ist nicht nur ein sehr armes Land, sondern auch ein Konfliktgebiet. Ich empfinde das so, als ob 35 Millionen Menschen zurückgelassen werden. Wir werden einfach ausgeschlossen. Afghanistan hat im Gegensatz zu anderen Ländern seine nationalen Klimapläne eingereicht und damit seine Hausaufgaben gemacht.

SPIEGEL: Sollten die Taliban an der nächsten Konferenz teilnehmen?

Hoshmand: Natürlich sollten sie teilnehmen. Wenn eine Regierung die Macht hat, dann haben sie auch die Verantwortung, das Land international zu vertreten. Uns ist nicht geholfen, wenn man uns von allen Prozessen ausschließt, nur weil vielen Ländern die Taliban nicht passen. Hier geht es um die Bevölkerung, die Hilfe beim Kampf gegen den Klimawandel braucht.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

SPIEGEL: Warum sind die Klimakonferenzen für Afghanistan so wichtig?

Hoshmand: Wir haben in den vergangenen Jahren einige Klimaprogramme mit internationaler Hilfe begonnen. Dabei geht es etwa um Frühwarnsysteme für Extremwetter, verbessertes Wassermanagement bei Dürren – oder auch klimafreundlichen Verkehr in der Hauptstadt Kabul. Wir haben dort eine extrem hohe Luftverschmutzung. Für solche Projekte brauchen wir Zugang zu den international zugesagten Klimahilfen für arme Länder. Doch oftmals sind das sehr komplizierte Antragsverfahren. Es gibt viele Bedingungen, die wir als Krisenregion nicht erfüllen können.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das ändern?

Hoshmand: Als ehemaliger Verhandler wollte ich in Glasgow eine Aufmerksamkeit für Konfliktregionen erreichen. Wir brauchen bei den großen Geldgebern wie dem Green Climate Fund der Uno eine Stimme dieser Länder. Afghanistan kann nach jahrzehntelangem Krieg nicht die hohen bürokratischen Anforderungen erfüllen, die oft verlangt werden. Es ist absurd, wenn wir mit Ländern wie Pakistan um Gelder konkurrieren. Die Pakistaner haben ganz andere Ressourcen und stabile Verhältnisse. Ich wollte in Glasgow erreichen, dass Krisenländer einen Sitz im Vorstand von solchen Fonds erhalten, damit sie mitreden können.

»Aus den Wetterkatastrophen folgt meist eine Spirale aus sozialer Gewalt, Armut und Elend – und das wird verstärkt vom Krieg«.

SPIEGEL: Oftmals ist die Befürchtung, dass autoritäre Machthaber wie die Taliban dann das Geld einfach veruntreuen.

Hoshmand: Das ist ein großes Missverständnis. Diese Gelder gehen nie direkt an die Regierungen. Es muss immer eine von der Uno akkreditierte Organisation geben, die solche Projekte durchführt. Das sollte kein Grund sein, Gelder zurückzuhalten.

SPIEGEL: Mit welchen Folgen der Klimakrise müssen die Afghanen heute schon leben?

Hoshmand: Es gibt eine Häufung von Naturkatastrophen. Bei uns sind das vor allem verheerende Sturzfluten und Dürren. Die meisten Menschen in Afghanistan wissen nicht, was der Klimawandel ist. Aber sie müssen trotzdem mit den Folgen leben. Aus den Wetterkatastrophen folgt meist eine Spirale aus sozialer Gewalt, Armut und Elend, verstärkt vom Krieg und seinen Folgen. Gerade verheiraten Väter ihre minderjährigen Töchter, um an Geld zu kommen. Die Kinder können nicht mehr zur Schule oder zur Universität, weil sie sich um die Ernährung ihrer Familien kümmern müssen. Die Menschen versuchen alle Ressourcen zu nutzen, die ihnen noch bleiben. So kommt es zu Abholzung oder Zerstörung natürlicher Lebensräume. Aber sie haben keine andere Wahl.

SPIEGEL: Müssen Sie in Ihrer Heimat um Ihr Leben fürchten?

Hoshmand: Ja, in Kabul wäre es derzeit lebensgefährlich für mich. Allerdings habe ich weniger Angst vor den Taliban als vor der Ozonmafia.

SPIEGEL: Wer sind diese Leute?

Hoshmand: Als die Taliban an die Macht kamen, haben sie viele Gefangene freigelassen. Darunter auch viele Verbrecher, Betrüger und Schmuggler. Einige von ihnen sind in der internationalen Ozonmafia organisiert. Sie schmuggeln illegale ozonabbauende Substanzen für Klimaanlagen und Kühlschränke. Dazu gehören beispielsweise Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW), die der Ozonschicht schaden. Ich war bis August dafür zuständig, das Verbot für diese chemischen Stoffe durchzusetzen – und habe auch viele von diesen Schmugglern ins Gefängnis gebracht. Nun wollen sie sich rächen und mich gezielt töten.

SPIEGEL: Wie geht es für Sie nun weiter?

Hoshmand: Ich hänge gerade in so einem Zwischenraum und bin ratlos. Wir konnten nichts mitnehmen, haben alles verloren. Die internationale Gemeinschaft ignoriert uns. Gleichzeitig können wir nicht in unser Land zurück. Es ist so, als ob man gar nicht existiert und nirgendwo gewollt wird. So geht es vielen Afghanen. Ich habe seit Monaten keinen Kontakt zu meinen Kollegen aus der Umweltbehörde. Sie müssen sich zum Schutz ihrer Familien verstecken.

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SPIEGEL: Haben Sie die stille Hoffnung, dass die neue Regierung Sie irgendwann als Experten zurückholt?

Hoshmand: Bisher haben sich die Taliban noch nicht um die Umweltbehörde gekümmert. Es wäre aber eine Katastrophe, wenn es die nicht mehr geben würde. Das hat dramatische Folgen: Niemand überwacht derzeit die Luftverschmutzung, Wasserqualität oder toxischen Abfälle. Wenn mein Land mich braucht und die Sicherheitslage es zulässt, würde ich jederzeit wieder zurückgehen.

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