Exotische Krankheit Elefantenfuß beim Menschen

Menschenfüße wie von Dickhäutern: So entstellt die Elefantenkrankheit ihre Opfer. In den Tropen kann ein einziger Mückenstich die Beine auf Elefantengröße anschwellen lassen. Jetzt haben Wissenschaftler gezeigt: Ein Antibiotikum kann die Schwellungen lindern; es ist sogar bereits zugelassen.

Von Franziska Badenschier


Sie haben Beine wie Elefanten, manche Menschen haben sogar graue, verkrustet aussehende Füße wie die Dickhäuter: Die Kranken haben die Elefantenkrankheit, im Fachjargon Elephantiasis oder lymphatische Filariasis. Und sie werden stigmatisiert: Die Menschen, die an dieser in den Tropen verbreiteten Krankheit leiden, können oft nicht arbeiten oder heiraten, oft werden sie auch von den anderen Dorfbewohnern gemieden. Ein neues Therapiekonzept könnte den Betroffenen helfen: Ein bereits zugelassenes Antibiotikum besiege die Erreger, gleichzeitig gingen sogar die Schwellungen zurück. Das berichtet ein internationales Forscherteam um den deutschen Parasitologen Achim Hörauf von der Universität Bonn.

Etwa 120 Millionen Menschen weltweit tragen Erreger der Elephantiasis in sich - Fadenwürmer der Arten Wuchereria bancrofti, Brugia malayi und Brugia timori. In den menschlichen Körper gelangen sie, wenn eine infizierte Mücke beim Stich Würmerlarven in den Körper des Menschen pumpt. Die Larven wandern zu den Lymphknoten, wo sie dann zu Fadenwürmern heranwachsen. Bis zu zehn Zentimeter lang und fünf Jahre alt werden diese Makrofilaria; sie produzieren Millionen von Nachkommen - Larven oder Mikrofilarien, die beim nächsten Stich von einer anderen Mücke aufgesogen und weitergegeben werden.

Beim Elephantiasis-Patienten kommt es derweil zu einer Entzündung, und die Lymphe kann nicht mehr fließen. Dabei soll diese gelbweiße Körperflüssigkeit doch Bakterien und andere Fremdkörper abtransportieren. Daraufhin schwellen Beine, Arme und auch Genitalien an, die Haut verfärbt sich und bekommt Falten, es entstehen Beulen - so entwickeln sich Elefantenbeine, daher auch der Name Elefantenkrankheit. Etwa vier Prozent aller mit den Elephantiasis-Erregern Infizierten entwickeln diese Symptome.

Lymphgefäßedurchmesser normalisiert, Befinden verbessert

Die derzeit eingesetzten eingesetzten Medikamente töten zwar die meisten der der Larven (Mikrofilarien) im Blut, schreiben die Forscher, aber gegen die erwachsenen Würmer könnten die Wirkstoffe nichts oder fast nichts ausrichten. Dabei sind gerade sie es, die die Symptome verursachen. Das Antibiotikum Doxycylin soll hier helfen.

In jedem Wurm gibt es Bakterien, die der Parasit zum Überleben braucht. Das Antibiotikum Doxycyclin tötet die Bakterien, schließlich stirbt auch der Wurm. "Die Studie hat gezeigt, dass zusätzlich zur antiparasitären Einfluss der Antibiotika-Behandlung die Therapie das Leben der einzelnen Betroffenen verbessern konnten", bezeichnet Co-Autor Mark Taylor aus Liverpool das wesentliche Ergebnis. Eine sechswöchige Kur mit Doxycyclin und anderen Wirkstoffen reiche, "um die erwachsenen Würmer abzutöten, die Lymphgefäßerweiterung zu verbessern und das Befinden der Betroffenen zu steigern", berichten Taylor, Hörauf und Kollegen in "PLoS Pathogens", einem Fachmagazin der frei zugänglichen "Public Library of Science".

Dass sich Elephantiasis-Kranke in Tansania mit einer achtwöchigen Doxycyclin-Therapie erfolgreich behandeln ließen, hat der Bonner Parasitologe Hörauf bereits vor knapp anderthalb Jahren im Fachblatt "The Lancet" berichtet. In die neue Studie wurden 95 Probanden aus einem Endemie-Gebiet in Ghana einbezogen; 76 von ihnen waren mit den Erregern infiziert, 19 hatten bereits Lymphödeme. Etwa die Hälfte von ihnen bekam die sechswöchige Kur mit einer täglichen Doxycyclin-Dosis von 200 Milligramm, nach vier Monaten gab es herkömmliche Medikamente, die gegen die lymphatische Filariasis eingesetzt werden. Alle anderen Patienten bekamen ein Placebo.

Therapie vor allem in Anfangsstadien sehr erfolgreich

Bei denen, die mit Doxycyclin behandelt worden waren, sei die Anzahl der erwachsenen Würmer und Larven stark gesunken, schreiben die Forscher. Bis zur Kontrolluntersuchung 24 Monate nach der Kur sei die Erweiterung der Lymphgefäße im Vergleich zur Placebo-Kontrollgruppe signifikant zurückgegangen. Bei manchen Männern waren die Lymphbahnen um die Hoden herum mit einem Zentimeter Durchmesser zehnmal so weit wie es normal ist. Die Schwellung sei komplett zurückgegangen, berichtet Hörauf im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Im Schnitt gehe die Schwellung um einen halben Zentimeter zurück. Auch die Hautstruktur hätte sich bei Betroffenen verbessert, außerdem sei die Zahl der Falten zurückgegangen und die Falten waren weniger tief.

Besonders erfolgreich ist die Therapie aber nur in den frühen Stadien der Krankheit. Im Stadium 1 - wenn die Schwellung der Gliedmaßen sich über Nacht zurückbildet - könne eine Therapie den Betroffenen heilen. Im Stadium 2 könnte man die Krankheit wenigstens auf der Stufe halten und verhindern, dass die Symptome schlimmer würden. "Ab einem bestimmten Schweregrad aber verselbständigt sich die Krankheit", sagt Hörauf, "dann ist das Lymphsystem des Patienten so kaputt, dass der Körper nicht einmal mehr mit einer kleinen Verletzung am Fuß zurecht kommt."

Deswegen hofft der Parasitologe, dass die Doxycyclin-Therapie bald in Gesundheitsprogramme integriert wird. Dann würden Schulkinder auch auf die Elefantenkrankheit hin untersucht; dann könnte in den bereits existierenden Gesundheitszentren das Antibiotikum verteilt werden. Immerhin ist Doxycyclin bereits für die Behandlung am Menschen zugelassen - als Medikament gegen Infektionen der Atemwege und des Magen-Darm-Traktes. "Wenn man das Antiobiotikum für karitative Zwecke einkauft, dann würde ein Therapiezyklus pro Patient zwei bis vier Euro kosten", sagt Hörauf. "Das kann man zahlen."



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