Experiment Ostdeutsche verhalten sich weniger solidarisch

Das Ergebnis verblüffte die Forscher selbst: Gut 20 Jahre nach der Wiedervereinigung zeigten junge Ost- und Westdeutsche in einem Versuch ein unterschiedliches Maß an Solidarität.
Einkaufszentrum in Dresden: Wo ist die Solidarität geblieben?

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Foto: dapd

Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall haben Wirtschaftswissenschaftler einen klaren Unterschied im Verhalten Ost- und Westdeutscher entdeckt. Ihrem Bericht zufolge zeigen sich ostdeutsche Studenten in einem Experiment weniger solidarisch als Studierende, die in Westdeutschland aufgewachsen sind.

Auch Studenten aus Westdeutschland, die im Osten eine Universität besuchen, sind demnach solidarischer als ihre ostdeutschen Kommilitonen - allerdings war der Unterschied weniger stark ausgeprägt, berichten die Forscher der Universitäten Magdeburg, Köln und Essen.

Die im "Journal of Public Economics"  veröffentlichte Studie hat Ergebnisse einer ersten Untersuchung aus dem Jahr 1995 nahezu unverändert bestätigt - zur Überraschung der Wissenschaftler.

Für die Untersuchung ließen die Forscher um Jeannette Brosig-Koch von der Universität Duisburg-Essen insgesamt 144 Studenten aus Ost und West antreten.

Jeder Teilnehmer konnte in einem Würfelspiel mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln einen Geldbetrag gewinnen; 1995 waren es zehn D-Mark, bei der Wiederholung des Experiments lockten 7,50 Euro.

Zugleich mussten die Studenten angeben, wie viel sie im Falle eines Gewinns innerhalb einer anonymen Dreiergruppe an andere abgeben würden, falls einer der anderen drei oder beide keinen Gewinn erhielten. Entsprechend konnten sie selbst auch Geld kassieren, wenn sie selbst kein Glück hatten, aber andere in ihrer Gruppe ihnen etwas abgeben. Daher sollten die Teilnehmer angeben, wie viel Geld sie erwarteten, falls sie zu den Verlieren zählen würden.

"Eine Gesellschaft muss für sich bestimmen, was fair ist"

"Unser Experiment zeigt, dass der Solidaritätsunterschied zwischen Ost- und Westdeutschland sich binnen 20 Jahren nicht angenähert hat", heißt es in der Studie. Dies sei umso erstaunlicher, als die Versuchspersonen kaum älter als 20 Jahre waren und damit praktisch ihr gesamtes bewusstes Leben im wiedervereinigten Deutschland verbracht hatten.

Wie lässt sich der beobachtete Unterschied erklären? Joachim Weimann von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg erklärt, dass das Experiment selbst nur zeigt, dass es einen Unterschied gibt, aber nichts über die Gründe dafür aussagt. Trotzdem gebe es Hypothesen. "Eine Gesellschaft muss für sich bestimmen, was fair, was solidarisch ist. Und dies müsste in einem Marktsystem etwas anderes bedeuten als in einem sozialistischen Staat." Die Marktwirtschaft könne nur funktionieren, wenn jeder erst einmal auf die Fairness des anderen vertraut - und dementsprechend auch selbst als fair wahrgenommen werden will. "Das gesamte System würde ja zusammenbrechen, wenn jeder ständig Angst hat, übers Ohr gehauen zu werden oder permanent jeder Anspruch vor Gericht durchgesetzt werden muss", sagt Weimann. In der sozialistischen DDR, in der alles zugeteilt wurde, hätte diese Form von Fairness und Vertrauen eine geringere Rolle gespielt.

Das könnte das Ergebnis der Experimente aus dem Jahr 1995 gut erklären - aber warum zeigt sich bei Studenten mit Anfang 20 auch heute noch ein Unterschied zwischen Ost und West? "Es müssen sich alle Mitglieder der Gesellschaft darauf einigen, diese Normen anzupassen. Das ist anscheinend ein sehr langsamer Prozess", sagt Weimann. Laut neuen Studien gleichen sich politische Werte innerhalb von 20 bis 40 Jahren an - bei sozialen Verhaltensweisen scheint das langsamer abzulaufen.

wbr/dpa
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