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22. März 2012, 18:53 Uhr

Streit über Praxisabgabe

Experten fordern fünf Euro Gebühr pro Arztbesuch

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Die Politik streitet noch über die Abschaffung der Praxisgebühr, Statistiken sprechen für sich: Die Abgabe bringt nichts, die Zahl der unnötigen Arztbesuche bleibt hoch. Gesundheitsökonomen empfehlen nun eine Lösung, die für viele Patienten noch teurer würde - mit fünf Euro pro Arztbesuch wäre man dabei.

Hamburg - Was denn jetzt? Zehn Euro wieder einstecken - oder doch weiter für den ersten Arztbesuch im Quartal einplanen? In Gedanken haben sich die Versicherten in Deutschland bereits mehrfach von der Praxisgebühr verabschiedet, seit Wochen schwelt die Diskussion über die Zahlung, die seit 2004 in Deutschland erhoben wird.

Zuletzt hatte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erklärt, die Zahlung auf den Prüfstand stellen zu wollen. Dann - Kommando zurück - dementierte Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU: Es werde keine Änderung geben. Tatsächlich steht die CDU/CSU mit dieser Meinung zunehmend allein, auch die SPD und die Linke sind für eine Abschaffung. Ihr Antrag wird aktuell im Bundestag beraten. Die Linken schreiben, die Praxisgebühr habe ihre Ziele verfehlt.

So zeigten Studien, dass vor allem Geringverdiener aus finanziellen Gründen nicht zum Arzt gehen, auch wenn es notwendig ist. Das könne sich negativ auf die Gesundheit auswirken und Zusatzkosten zur Folge haben.

Praxisgebühr hält nicht vom Arztbesuch ab

Tatsächlich haben Gesundheitsökonome um Jonas Schreyögg vom Hamburg Center for Health Economics schon 2009 in einer Studie ermittelt: Die Praxisgebühr hat ihr Ziel, die Zahl der unnötigen Arztbesuche zu senken, verfehlt.

Mit Daten des sozio-ökonomischen Panels, einer Wiederholungsbefragung von rund 20.000 Menschen in rund 11.000 Haushalten, die bereits seit 25 Jahren durchgeführt wird, konnten sie die Zahl der Arztbesuche der Deutschen vor der Einführung der Praxisgebühr, im Jahr der Einführung und auch danach ermitteln.

Gemessen wurde dabei nicht nur das "Vorher/ Nachher", es gab auch eine Kontrollgruppe (die Privatversicherten, die ja keine Praxisgebühr zahlen müssen). Andere Effekte, wie etwa eine Grippewelle, von der alle betroffen sind (auch die PKV-Versicherten), wurden rausgerechnet.

Das Ergebnis: Durch die Praxisgebühr ist kein signifikanter Rückgang der Arztbesuche feststellbar, sagt Jonas Schreyögg, pro Quartal seien die Arztbesuche um 2,6 Prozent zurückgegangen, auch der stärkere Rückgang in 2004 war nur vorübergehend.

Die Wissenschaftler folgern: entweder die Praxisgebühr ganz streichen oder aber in eine Kontaktgebühr umwandeln. Mehrere Studien aus den USA hatten gezeigt, dass dadurch eine deutlich höhere Wirkung erzielt werden konnte. So sei in Washington State mit Einführung einer Pauschale von fünf Dollar pro Arztbesuch die Zahl der Arztbesuche um 16 Prozent gesunken.

Krankenkassen könnten Kontaktpauschale erstatten

"Das Design der Zuzahlungen ist allerdings sehr wichtig, es muss vermieden werden, dass chronisch Kranke oder Menschen mit geringem Einkommen benachteiligt werden." So könnten in diesen Fällen die Krankenkassen nach Antrag die Kosten übernehmen.

Da bereits heute rund 40 Prozent aller Versicherten von der Praxisgebühr befreit sind - darunter alle Privatversicherte, chronisch Kranke und Geringverdiener - glaubt Schreyögg auch nicht an die in anderen Studien festgestellte Benachteiligung. Per Kontaktgebühr könnten allerdings die Menschen, die unnötig oft zum Arzt gehen, eher angesprochen werden.

Tatsächlich gehen viele Deutsche gar nicht so häufig zum Arzt, wie man vielleicht glaubt - das geht aus dem jüngsten Bericht des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) hervor. Es hatte die Zahl der Arztbesuche pro gesetzlich Versichertem im Jahr 2007 ermittelt.

Ein Viertel der Kassenmitglieder ging höchstens vier Mal im Jahr zum Arzt, ein zweites Viertel kommt auf zehn Arztbesuche und ein drittes Viertel auf bis zu 22. Die 25 Prozent der Versicherten mit den meisten Arztbesuchen sehen dagegen im Schnitt 40-mal im Jahr einen Mediziner.

Nach Angaben des ZI nehmen damit rund 16 Prozent der Versicherten die Hälfte aller Arztkontakte in Anspruch. Chronisch Nierenkranke, Menschen, die mit einem transplantierten Organ leben, Krebspatienten und andere von einem langwierigen Leiden Betroffene fallen in diese Gruppe.

Der Antrag der Linken, die Praxisgebühr zu streichen, wurde am Donnerstag bis auf Weiteres in den Gesundheitsausschuss vertragt. Derzeit würden im Auftrag von Ressortchef Daniel Bahr weiter diverse Modelle durchgerechnet.

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