Expertenstreit Hat der Mensch doch mehr Gene?

Die beiden Teams, die das menschliche Erbgut sequenzierten, könnten sich verschätzt haben. Die Zahl der Gene sei fast doppelt so hoch wie von ihnen angenommen, behaupten Forscher nach neuen Analysen.


Celera-Chef Venter: Medienwirksamer Wettlauf
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Celera-Chef Venter: Medienwirksamer Wettlauf

Das menschliche Erbgut enthält mindestens 65.000 Gene, glaubt das Team um Bo Yuan von der amerikanischen Ohio State University. Mit ihrer Studie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Genome Biology" stellen die Wissenschaftler jüngste Schätzungen in Frage und entfachen den Expertenstreit aufs Neue.

Denn die zwei konkurrierenden Teams, die im Februar nach einem medienwirksamen Wettlauf ihre Sequenzierungen des menschlichen Genoms veröffentlichten, waren von einer deutlich bescheideneren Ausstattung ausgegangen. Craig Venter, Chef der Firma Celera Genomics, räumte dem Menschen 26.000 bis 39.000 Gene ein, Francis Collins vom Human Genome Project (HGP) etwa 30.000 bis 40.000.

Diese Ergebnisse waren eine der größten Überraschungen der als Durchbruch gefeierten Genom-Entschlüsselung - zuvor hatten viele Forscher dem Menschen 100.000 oder mehr Gene zugebilligt. Mit der von Celera und dem HGP ermittelten Genzahl war dagegen rein zahlenmäßig der Abstand zu primitiveren Lebensformen wie der Fruchtfliege (rund 17.000 Gene) oder simplen Würmern (etwa 18.000) geschrumpft.

Weil mit der Abfolge der Basenpaare in der DNS längst nicht genau geklärt ist, was einzelne Abschnitte bedeuten, waren auch die von Venter und Collins präsentierten Genzahlen Schätzungen. Die hätten allerdings genauer ausfallen können, meinen die Forscher von der Ohio State University. Denn die beiden Kontrahenten, so der Vorwurf, hätten sich bei ihrer Analyse meist auf nur zwei Gendatenbanken verlassen.

Für ihre Untersuchung schöpften Yuan und seine Kollegen dagegen aus dem Vollen: Mit Hilfe eines Supercomputers verglichen sie DNS-Sequenzen aus der HGP-Erbgutkarte mit 13 verschiedenen Gendatenbanken. "Für die Zusammenstellung unserer Genkarte nutzten wir mehr experimentelle Erkenntnisse", sagt Yuan. Den Berechnungen zufolge besteht das Genom aus 65.000 bis 75.000 Einheiten, bei denen es sich vermutlich um Gene handelt.

Der Gegenangriff ließ allerdings nicht lange auf sich warten: "Diese Studie beruht ausschließlich auf Computeranalysen, ich halte sie nicht für besonders glaubhaft", sagte der Genforscher Tim Hubbard gegenüber "BBC News Online". Den wirklichen Nachweis, so der Experte vom britischen Genforschungszentrum Sanger Centre, "werden Experimente erbringen, mit denen sich zeigen lässt, ob die von Computern als Gene interpretierten Sequenzen tatsächlich Gene sind."

Bis dahin müssen sich die Wissenschaftler weiter um die Gesamtzahl der Gene streiten - oder sie können die Angelegenheit sportlich betrachten. Der "Gene Sweepstake", eine Forscherwette um die Zahl der Menschengene, lässt noch bis zum nächsten Jahr Einsätze zu. Die bisher 165 Schätzungen gehen auch hier weit auseinander, ihr Mittelwert stimmt jedoch fast mit dem Ergebnis von Yuan und seinen Kollegen überein: Er liegt bei 61.710 Genen.



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